Juhu, ich glaub, mein Wald brennt!

"Walden" von Henry David Thoreau, Bernd Geiling

Anja Hirsch
FALTER 6/2010

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Glaubt man den nackten Zahlen, hatte der amerikanische Naturphilosoph Henry David Thoreau (1817–1862) mit seinem ersten Buch noch keinen rechten Erfolg – "Eine Woche auf den Flüssen Concord und Merrimack" bescherten ihm vom Verleger eine Rechnung und die 706 nichtverkauften Exemplare. "Walden" aber, 1854 erschienen, bewegte die Naturenthusiasten noch bis in die Zeit der Blumenkinder.
Zwei Jahre dauerte Thoreaus Selbstexperiment als Einsiedler in der Blockhütte seines Schriftstellerkollegen Ralph Waldo Emerson, zu dessen ehrwürdigem Kreis der "Transzendentalisten" er sich zählte – die amerikanische Gegenbewegung zu den europäischen Romantikern.
Welche Unterschiede zu diesen bestanden, macht "Walden" und die zwischen Nüchternheit und jugendlichem Überschwang oszillierende Stimme von Bernd Geiling
sichtbar: Thoreau geht es um das einfache, selbstständige Leben. Er sieht keine universalen Kräfte walten und begeistert sich lieber fürs sinnliche Erleben – so sehr, dass er einen von ihm versehentlich verursachten Waldbrand als "herrliches Schauspiel" genossen haben soll und sich weigerte, bei den Löscharbeiten zu helfen.
Die entfesselte, nicht die vom Menschen beackerte Natur flackerte in der Seele dieses wunderlichen Suchers. Doch war es schließlich dieselbe Natur, in der sich Thoreau jene Lungenentzündung holte, an der er mit nur 44 Jahren starb.
Reste seines legendären Ofens, für den Autor der Inbegriff einer gelungenen Verschmelzung von Handarbeit und Fantasietätigkeit, fand man erst 1945. Später pilgerten die Massen zum Ort, der Thoreau die Abhängigkeiten des Menschen aufdecken half: "Warum belasten sich alle mit Haus und Hof?"
Vernommen in den Tretmühlen des Alltags von heute klingen solche Sätze geradezu verführerisch. Zieht nicht jeder Besitz einen Rattenschwanz an Verpflichtungen hinter sich her? Bernd Geiling versteht es, dem historischen Dokument aktuellen Charme einzuhauchen. Und zieht den Blick für Momente vom täglichen Gerappel ab – bevor man wieder resigniert Stunden darin investiert, die Funktionen seines Handys zu verstehen.


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