Es ist kalt wie Sau, und alle Further haben einen Hau

"Das Matratzenhaus" von Paulus Hochgatterer

Sigrid Löffler
FALTER 6/2010

Das Matratzenhaus
Roman
Paulus Hochgatterer
Zsolnay, Paul 2010
€ 20,50

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Wer die Bücher von Paulus Hochgatterer kennt, der weiß, dass Idyllen bei ihm immer täuschen. Und spätestens seit seinem Krimi "Die Süße des Lebens" wissen wir, dass auch Furth am See eine falsche Idylle ist. Furth – das ist das trügerisch adrette, beschauliche Städtchen mit schöner Gebirgskulisse, Alpensee und honoriger Einwohnerschaft, in dem indes bei genauerem Hinschauen Gestörte und Kriminelle fast den Normalfall bilden.

Nichts, was in dieser netten, sauberen, dysfunktionalen, gewalttätigen Kleinstadthölle nicht vorkäme: prügelnde Väter, geisteskranke Mütter, erpresserische Drogendealer, drogensüchtige und selbstmörderische Jugendliche, missbrauchte Kinder, Opfer, die nach Rache dürsten und heimlich an Mordszenarios werken, Kinderschänder, die sich zu Pädophilenzirkeln zusammenschließen und in Hinterzimmern Snuff-Videos drehen.
"Das Matratzenhaus" ist Hochgatterers zweiter Furth-Krimi, und Machart und Personal sind uns inzwischen ebenso vertraut wie die schneidende Kälte, die das Romanklima bestimmt. Da ist er wieder, der joggende Benediktinermönch, der nicht einmal während der Messe die Stöpsel seines iPod aus den Ohren nimmt und der neuerdings ungeniert mit der jungen Lehrerin schläft ("Jeder habe so seine Kontakte, hat er erzählt, manche eher zu Frauen, manche zu Männern. Einige haben Kinder. Der Orden zahlt, was sonst").
Und da sind sie wieder, Kovacs und Horn als die traditionellen Instanzen der Aufklärung – der desillusionierte Kommissar und der zynische Psychiater, zwei abgebrühte Profis, denen nichts Menschliches fremd ist und die notgedrungen alle Verhaltenslehren der Kälte verinnerlicht haben. Ein finsterer Humor ist beiden eigen – ein Humor, der der Welt nicht viel Gutes zutraut, und den Menschen erst recht nicht. Beide sind entschlossen, sich von den Menschen nicht unangenehm überraschen zu lassen, doch den Spaß lassen sie sich trotzdem nicht verderben.

Neben der sinistren Kinderstimme einer 13-Jährigen sorgen Kovacs und Horn im Wechsel mit der naiven Lehrerin für die unterschiedlichen Erzählperspektiven, mit denen Hochgatterer die Psychopathologie der Further Gesellschaft einfängt. Denn genau genommen gehört die ganze Stadt ins Behandlungszimmer des Psychiaters. So gut wie jeder hat einen Hau in diesem Roman, nicht zuletzt auch der behandelnde Psychotherapeut selbst, der mit seinem halbwüchsigen Sohn genauso wenig zurande kommt wie Kommissar Kovacs mit seiner halbwüchsigen Tochter, die sich neuerdings zum Punk mit giftgrünem Irokesenkamm stilisiert.
Da der Autor Hochgatterer auch als Mediziner arbeitet und im Neben-Hauptberuf Kinder- und Jugendpsychiater am Landesklinikum Tulln ist, erstaunt es nicht, dass er Horn, den Kinderpsychiater im Ortskrankenhaus Furth, als sein Alter Ego ins Zentrum des Romans rückt.
In Horn verbindet sich das Aufklärungsinteresse mit einem klinisch sachlichen Blick, der das Verhalten seiner Mitmenschen prinzipiell skeptisch betrachtet. In seiner Weltsicht stellen die verschiedenen Spielarten psychischer Abweichungen das Konzept von Normalität grundsätzlich infrage: Auch das Krankhafte lässt sich immer als Variante des sogenannten Normalen lesen.
Gewiss: Hochgatterer hält sich in "Das Matratzenhaus" penibel an die bewährten Erzählstrategien seines ersten Furth-Krimis; er kupfert seine Spannungstechniken bei sich selbst ab, und auch sein Reduktionismus, der alles Sadistische ausspart und der Leserfantasie überlässt, ist gleich geblieben.

Und an der Dialogkunst des Autors fällt auf, dass er sie seinem gesamten Romanpersonal ohne Unterschied zuteilt: Alle reden gleich – sarkastisch, lakonisch, kaustisch und auf Pointe bedacht. Aber liegt nicht genau darin das Erfolgsgeheimnis von Kriminalromanen? Dass wir alles kennen und im Voraus ahnen und doch gern die Überraschten geben?


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