Margareten ist (fast schon) die Bronx

"Schön tot" von Edith Kneifl

Emily Walton
FALTER 8/2010

Schön tot
Ein Wien-Krimi
Edith Kneifl
Haymon Verlag 2009
€ 17,90

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Als Margarete im dritten Jahrhundert nach Christi Geburt von einem Stadtpräfekten begehrt wird und diesen zurückweist, landet sie im Kerker und wird beinahe vom Präfekten gefressen, der sich mittlerweile in einen Drachen verwandelt hat. Das Kreuzzeichen bringt nur vorübergehend Rettung. Es folgen: Enthauptung und Heiligsprechung.
Als sie durch den fünften Bezirk nachhause wankt und des Schicksals der Grätzelpatronin Margarete gedenkt, ist die Kellnerin Katharina Kafka nicht auf dem Trip, sondern hängt bloß einer besoffenen Sechs-Uhr-morgens-Träumerei nach. Aber so schnell, wie man einen Wodka im Szenelokal Motto kippen kann, wird sie aus dem Traum herausgerissen. Es knallt. Flammen. Möbel fliegen aus dem Fenster. Die Gasexplosion fordert eine Tote. Der Mörder hat sein erstes Opfer, ein weiteres trifft's im Filmcasino. Die dritte Leiche liegt im Park, mit einem Flaschenhals in der Vagina.
Wien hat einen Sexualtäter mit ­verlässlichen Vorlieben: Sein Typ ist jung, dunkel, osteuropäisch und weiblich – zumindest so lange, bis er sich an einem Mann vergreift. Der Transvestit Orlando kommt gerade noch mit Stichwunden in den Plastiktitten davon und schleppt sich in die Wohnung seiner Freundin – Katharina Kafka. Und während er sich auf der Chaiselongue ausstreckt, spielt sie Detektivin.
Eine beziehungsgestörte kellnernde Historikerin; ein schwuler Inszenierungskünstler im Sisi-Kostüm; eine eifersüchtige Exehefrau und ein Stadtpolitiker, dem jedes Beisl im Bezirk ­gehört. Psychoanalytikerin Kneifl widmet sich in ihrem jüngsten Krimi den schrägen Vögeln und baut ein buntes Klein New York (sie hat selbst in Amerika gelebt) im fünften Bezirk nach. Alt-Wiener spielen Karten bei Beuschel und Schinkenfleckerln, während Smart-rauchende Singles nach dem One-Night-Stand Schnaps zum Einschlafen ins Teehäferl gießen.
Es ist nicht der Psychothriller, den der Klappentext verspricht; stattdessen gibt es 175 kurzweilige Seiten über das Leben in der großen Kleinstadt. Schwarzer Humor, scharfe Charaktere und Traditionsküche. Ein Bobo-Roman vielleicht – und ein Kochbuch. Im Anhang gibt's Rezepte: nur die Innereien fehlen.


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