Der Frieden im Bauch der Welle

"Süchtig nach dem Sturm" von Norman Ollestad, Brigitte Heinrich

Paulus Hochgatterer
FALTER 10/2010

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In "Süchtig nach dem Sturm" erzählt Norman Ollestad von der Unmöglichkeit, vom toten Vater loszukommen

Am Morgen des 19. Februar 1979 besteigt der junge Norman Ollestad mit seinem Vater und dessen Freundin eine winzige Cesna 172, um von Santa Monica nach Big Bear in den Rocky Mountains zu fliegen. Am Vortag hat er die südkalifornischen Slalommeisterschaften gewonnen, sich unmittelbar danach an die Küste begeben, um ein Eishockeyspiel zu bestreiten, und dort soll er sich jetzt seine Medaille abholen. Ein Unwetter zieht auf, der Pilot ignoriert alle Warnungen, und das Flugzeug zerschellt knapp unter dem Gipfel. Der Bub überlebt als Einziger, bleibt wie durch ein Wunder weitgehend unverletzt, und macht sich auf den langen Abstieg durch die winterlichen Schluchten des Gooseberry Canons.
Die Schilderung dieses Abstiegs bildet den einen der beiden Erzählstränge des Buches. Alternierend dazu erinnert sich Ollestad in lose aufeinanderfolgenden Episoden an die Zeit mit dem Vater, an dessen Stärke und Sturheit, Ängste und Ansprüche.

Er erinnert sich an die Hippie-Idylle an den Surferstränden des Pazifiks, an gefährliche Fahrten nach Mexiko, an die Unzuverlässigkeit der Mutter, an die alkoholgetriggerte Impulsivität des Stiefvaters und daran, dass der Vater in Wahrheit beidem nichts entgegenzusetzen hatte. Vor allem jedoch erinnert er sich an die Sucht des Vaters nach der perfekten Welle und dem perfekten Hang, nach jenen ekstatischen Momenten, in denen man die ersten Schwünge durch den Tiefschnee zieht oder die Flanke der sich überschlagenden Woge entlangsurft – einerseits triumphierend, andererseits im Wissen, an so einem Ort nur gnädig geduldet zu sein. Von der Suche nach diesem "perfekten Ort" handelt das Buch, denn "in jeder Turbulenz gibt es ­einen stillen Punkt", im Bauch der Welle findet sich ein "schwer fassbarer, friedvoller Raum", "eine Traumwelt reinen Glücks".

Der verletzten Psyche des Buben konzediert man diese Sehnsucht, die Idee der Abwesenheit von Anstrengung und Schmerz, gern, und auch der pathetische Ton, der in diesen Passagen angeschlagen wird und die Grenzen des Kitsches entlangschrammt, stört kaum. Problematisch wird es eher dort, wo die Verschränkung der beiden Erzählstränge zu versagen droht, weil ein paar hundert Höhenmeter Abstieg von einem Berg einfach sehr kurz sind im Vergleich zu elf Lebensjahren und demzufolge mit Wiederholungen, Adjektiven und vagen Geländebeschreibungen gefüllt werden müssen.
Nach Kräften unterstützt wird dieses Unterfangen durch ein Bündnis der Schludrigkeit von Übersetzerin und Lektorat: Eine durch Enge gekennzeichnete Felsformation im Gebirge heißt im Deutschen nun einmal "Kamin" und nicht "Schornstein", das weiß man aus dem Kreuzworträtsel, und eine "Bachmündung, die aus Mangel an Regen trockengefallen" war, geht gar nicht.
In den letzten Kapiteln, und dort wird das Buch wieder packend und berührend, erzählt uns Norman Ollestad ein wenig davon, wie es in seinem Leben weitergegangen ist. Er erzählt von den alten Surferfreunden des Vaters, bei denen er Anschluss sucht, von der ungeheuren Wut, die ihn immer wieder überkommt, und davon, dass man manchmal eine Welle erwischt, die einen abwirft.

Der Schluss, zu dem er kommt, ist lapidar, aber einleuchtend: "Es gibt mehr im Leben, als einfach nur zu überleben." Am Ende, 27 Jahre später, ist er in der Lage, an den Ort des Unglücks zurückzukehren. Er findet winzige Fragmente des Flugzeugs und Gewissheit über die Ursache des Absturzes. Die Trauer über den Verlust seines Vaters holt ihn noch einmal ein. An diesem Punkt der Geschichte wissen wir freilich, dass er mit seinem siebenjährigen Sohn Noah längst gefährliche Tiefschneehänge befährt, und wir ahnen, dass auch die Welle nicht mehr lange warten wird müssen: Ollestad wohnt heute in Venice – und das liegt am Pazifik.


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