Sexy Stoffsammlung für Stammtischgespräche

"Kamasutra kopfüber" von Tobias Niemann

Peter Iwaniewicz
FALTER 10/2010

Kamasutra kopfüber
Die 77 originellsten Formen der Fortpflanzung
Tobias Niemann
Beck, C H - 2010
0,00

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Biologie: Zwei neue Bücher extemporieren über das Liebesleben der Tiere, einmal seriös, einmal als Pseudonaturkunde

Das Jahr 2010 wurde von der Uno zum Jahr der Biodiversität ausgerufen. Auch wenn man damit signalisiert, dass die Bedeutung einer globalen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten unumstritten ist, stellt sich immer noch die utilitaristische Frage, wozu wir denn die zurzeit geschätzten 13 bis 20 Millionen unterschiedlichen Lebewesen überhaupt brauchen. Im harmlosesten Fall, wenn man die Diskussion über Kausalitäten und Vernetzungen in ökologischen Systemen nicht führen will, beschränkt man sich darauf, aus menschlicher Position das "bizarre" Leben anderer Lebensformen zu beschreiben.

Besonders "absonderlich" erscheint dabei der Bereich der Fortpflanzung, der naturgemäß auf die ganz besonderen Anforderungen und Rahmenbedingungen einer Art abgestimmt sein muss. 1999 erschien bei Eichborn das Buch "Das bizarre Sexualleben der Tiere" von Michael Miersch. In diesem "populären Lexikon" wurde mit Blick auf die Zielgruppe Stammtischwitzerzähler ein Sammelsurium von Fakten zum Thema "Welche Tiere können wie lang und wie oft" zusammengetragen, das jede Erklärung verweigerte, warum sich denn diese Tiere auf diese speziellen Weisen paaren.
Zehn Jahre später bringt Eichborn ein neues Buch zum Thema heraus und lässt uns Markus Bennemann das "bizarre Paarungsverhalten der Tiere" näherbringen. Es ist zu vermuten, dass der Autor sich den Titel nicht ausgesucht hat, denn anders als Miersch oder Tobias Niemann, Autor der zweiten Neuerscheinung zum Thema, stellt er sich der Herausforderung, nicht nur über Positionen oder Rituale der Fortpflanzung zu räsonieren, sondern bemüht sich, diese auch in einen Kontext ökologischer bzw. evolutionärer Entwicklung zu setzen.
In der Einleitung erwähnt Bennemann, dass Charles Darwins weniger bekannte Forschungsobsession, die rätselhafte Fortpflanzung der Seepocken, letztlich Grundlage für seine epochale Theorie über die Entstehung der Arten wurde. Zwölf Jahre nach der Veröffentlichung von "On the Origin of Species" legte Darwin sein zweites zentrales Werk "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" vor. Der Titel ist irreführend, denn nur etwa ein Drittel setzt sich mit der Herkunft des Menschen auseinander, der Rest widmet sich der Idee der sexuellen Selektion. Damit konnte er viele "unnütze" Entwicklungen wie die überbordenden Pfauenfedern oder den oft anstrengenden Balzgesang erklären.
Gerade dort, wo es Bennemann gelingt, Erkenntnisse über spezifisches Sexualverhalten einer Tierart in ihrer Bedeutung für die menschliche Gesellschaft darzustellen, ist das Buch spannend: Wenn er im Zuge der revierbezogenen Duftmarkierungen von Goldhamstern über das Thema der Sexuallockstoffe Pheromone zu den von der Pharmaindustrie ausgestreuten Mythen über Kopuline – eine Art olfaktorischen Flirt- und Beischlafhilfe – Stellung nimmt, dann erweist sich das Buch als gut recherchiert und auf dem letzten Stand der wissenschaftlichen Diskussion.
Gegen Ende steigt jedoch der Drang, menschliche Analogien wie "Kuppler", "Heiratsschwindler" und "Transvestiten" zu bemühen. Und leider vermisst man diesmal einen durchgehenden Spannungsbogen, den Bennemanns letztes Buch "Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich" von 2008 durchaus aufweisen konnte.
In einem mit jeder Seite mehr nervenden, flapsig-witzelnden Stil ist das bereits erwähnte Buch von Tobias Niemann "Kamasutra kopfüber" geschrieben. Hier werden ohne jeden Zusammenhang die "77 originellsten Formen der Fortpflanzung" aufgezählt und mit Zeichnungen illustriert. Für unbedarfte Gemüter gibt es sicher viel zu staunen über schwangere Seepferdmännchen, die lesbische Liebe der Rüsselkäfer und die Pseudopenisse bei Vögeln.
Was als kurzer Beitrag in einer Regenbogenpostille zwischen Problemen des Hochadels und geriatrischen Wellnesstipps vielleicht noch erfrischend wirken kann, wird zwischen zwei Buchdeckeln zu einer 77 Kapitel langen und stilistisch unerträglichen Pseudonaturkunde.


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