Der verhinderte Rockstar

"Puppenspiel - Inspector Rebus 12" von Ian Rankin, Christian Quatmann

Thomas Askan Vierich
FALTER 10/2010

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Der Schotte Ian Rankin ist der unangefochtene Star unter den britischen Krimiautoren. Nun präsentiert er seinen neuen Protagonisten

Eigentlich wollte Ian Rankin Rockstar werden. Doch schon nach wenigen Monaten im Jahr 1978 sah er ein, dass sein Talent dafür nicht reichen würde. Seine Band hieß The Dancing Pigs, hatte einige Pubauftritte in Edinburgh hinter sich und sogar fünf Songs im Studio aufgenommen. "Aber keine einzige Plattenfirma interessierte sich dafür."
Acht Jahre und ein Literaturstudium später hatte Rankin die Idee für seinen ersten John-Rebus-Roman "Knots and Crosses" ("Verborgene Muster"). Und in "Black and Blue" ("Das Souvenir des Mädchens") ließ er 1997 die Dancing Pigs wiederauferstehen – als richtig erfolgreiche Band. "So sind wir doch noch Rockstars geworden – allerdings nur auf dem Papier." Im wirklichen Leben hat es Rankin immerhin zum führenden britischen Kriminalschriftsteller unserer Zeit geschafft. 2005 wurde er von der Crime Writers' Association für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Musik spielt immer noch eine große Rolle in Rankins Leben und Büchern. Auf seiner Homepage berichtet er ausführlich, welche Platten er gerade hört, auf welchen Konzerten er war. "Viele amerikanische und britische Kriminalschriftsteller benutzen Musik in ihren Büchern", sagt Rankin. "Viele von uns sind frustrierte Rockstars, und wir erwähnen die Musik, weil wir sie lieben. Außerdem ist sie ein gutes Mittel, um Personen zu charakterisieren."
John Rebus, Ian Rankins 17-facher Serienheld zwischen 1987 und 2007, mag die Rolling Stones, Leonhard Cohen, Van Morrison und einen Haufen britischer und amerikanischer Singer-Songwriter, die bei uns nur Eingeweihte kennen.
Viele Rankin-Buchtitel sind direkte Rockzitate – leider nur im englischen Original: "Let It Bleed" ("Ein eisiger Tod") und "Black and Blue" spielen auf Stones-Alben an, "The Hanging Garden", "Dead Souls" und "The Falls" ("Puppenspiel") auf The Cure, Joy Division und The Fall. Letztere sind sogar ein wichtiges Indiz in John Rebus' Jagd nach einem Serienmörder.
"Puppenspiel" ist einer der besten Rebus-Romane, in dem Rankins literarische Vorbilder und Intentionen am deutlichsten zu spüren sind: "Ich war kein Fan von Krimis – bis ich meinen ersten schrieb", bekennt er. "Ich wollte eine finstere Gruselgeschichte über ein Edinburgh schreiben, das die Touristen nie zu Gesicht bekommen. So etwas wie ‚Jekyll and Hide'. Es war eher Zufall, dass meine Hauptperson ein Polizeibeamter war."
Aber dann begann er, Krimis zu schreiben (und zu lesen), weil ihm dieses Genre das perfekte Mittel in die Hand gab, all das zu erzählen, was er sagen wollte: "Ich wollte über die wahre Stadt schreiben, ihre wirklichen Probleme, über soziale Fragen und Politik und die menschliche Natur."
John Rebus hat ihn buchstäblich angesprungen, alles war auf einen Schlag da: "Eines Nachts hatte ich die Idee für die Geschichte eines Mannes, der eine kodierte Nachricht erhält, die etwas mit seiner verschütteten Vergangenheit zu tun hat. Er sollte in seinen 40ern sein, der Job eines Polizisten hat ihn zynisch gemacht. Er sollte allein leben und Alkoholiker sein."
Also schrieb Rankin "Knots and Crosses". Noch war keine Rede von einer Serie – "aber Rebus hatte andere Pläne", erinnert sich Rankin. "Seine Persönlichkeit passte nicht in ein einziges Buch."
Die Leute begannen sich für ihn zu interessieren, die Bücher wurden immer besser, die Handlungen immer verstrickter. Rankin freundete sich mit einem Polizisten an, der ihm zeigte, wie es wirklich auf einem Kommissariat zugeht. Mittlerweile sind die meisten Rebus-Romane vom schottischen Fernsehen verfilmt worden.
Der Erfolg kam, anders als die Idee, nicht über Nacht. Noch 1990 zog Rankin mit seiner Frau nach Frankreich, um dort einen Bauernhof zu bewirtschaften. London konnten sie sich einfach nicht mehr leisten. Sie glaubten, in der Dordogne als Selbstversorger billig leben zu können. Was sich schnell als Irrtum herausstellte.
2007 ist John Rebus 60 geworden und Rankin hat ihn mit "Exit Music" ("Ein Rest von Schuld") in den Ruhestand geschickt. Danach veröffentlichte er eine kriminalistische Satire auf den Kunstbetrieb ("Der Mackenzie Coup"), und jetzt hat der Nachfolger von John Rebus die Edinburgher Bühne betreten: Malcolm Fox. Rankins Romane waren schon immer klassische Polizeiromane, samt vieler Details zur täglichen Kleinarbeit der ermittelnden Beamten und zum Ränkespiel hinter den Kulissen. Rankins Stärke war immer, dass er darüber hinaus viel über den geheimnisvollen Kosmos Edinburgh erzählt: Er führt die Leser in die finsteren Abgründe hinter der glänzenden Touristenfassade.

Rebus war eine eckige Figur, ein ruppiger Einzelgänger mit exquisitem Musikgeschmack und einem Hang zum Hochprozentigen. Seine Whiskys trank er mit Vorliebe in der Oxford Bar. Die Bar existiert wirklich. Und mit immer neuem Vergnügen verfolgten wir, wie er mit seiner jüngeren Kollegin Siobhan flirtete. So weit John Rebus überhaupt flirten konnte.
Malcolm Fox ist ein anderer Typ: Er trinkt keinen Tropfen, trägt auffällige Hosenträger, ist Anfang 40, geschieden und arbeitet in der "Inneren". Also in der Abteilung, die Missstände innerhalb des Polizeiapparats aufklären soll. Diese Kon­stellation sorgt leider dafür, dass es Rankin diesmal mit den Interna übertreibt. So interessant sind Polizisten nun auch wieder nicht. Und wir vermissen Siobhan.
Aber geben wir Malcom Fox etwas Zeit. Rebus musste sich auch erst entwickeln. Vielleicht wird Fox eines Tages schwach und greift doch wieder zum Malt. In Pubs geht er ja nach wie vor – um Tomatensaft zu trinken. Ein betrunkener John Rebus, der in die Wohnung von Verdächtigen einbricht, war unterhaltsamer als der freundliche, zurückhaltende, stocknüchterne Teamplayer Malcolm Fox. Bunte Hosenträger reichen nicht. Wir wollen rüde Rempler und spitzfindige Dialoge.
Warum hat Ian Rankin eigentlich statt Fox keinen gitarrespielenden Privatdetektiv erfunden? Den könnte er doch wunderbar über Rockmusik räsonieren lassen. Leider gibt es, anders als in den USA, im UK kaum noch Privatdetektive. "Die Mehrheit meiner Leser würde mir einen privaten Schnüffler einfach nicht abnehmen", sagt Rankin. "Außerdem kann ich gar nicht Gitarre spielen. Also könnte ich meine Leser nur schwer davon überzeugen, dass ich alles über Musik weiß. Deshalb spielen meine Protagonisten kein Instrument."
Hier spricht ein gewiefter Handwerker des Fiktiven. Ein Rockstar ist Ian Rankin nicht geworden. Aber ein großer Meister des Kriminalromans.


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