Der beste Roman der Welt

"Anna Karenina" von Lew Tolstoi

Erich Klein
FALTER 10/2010

Anna Karenina
Lew Tolstoi
Hanser, Carl 2009
€ 41,10

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Ehebruch in XXXL: Tolstois "Anna Karenina" in der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze

Einigkeit herrscht darüber, dass es sich bei Lew Tolstois (1828–1910) Roman "Anna Karenina" (1877) um ein Meisterwerk handelt. Nicht nur Dostojewski und Nabokov, ansonst literarisch und weltanschaulich inkompatibel, rühmten gleichermaßen den makellosen Stil des Buches, und als Time vor zwei Jahren nach dem besten Roman der Weltliteratur fragte, votierten auch Zeitgenossen wie Jonathan Franzen oder Tom ­Wolfe für das realistische Ehedrama. Die kürzlich erschienene russische Comicversion ist eher nicht jugendfrei, in einer russischen Twitter-Kurzversion wird "Anna Karenina" wie folgt beschrieben: "Sie hatte zwei Männer, zwei Kinder, unzählige Abendkleider, knallte durch. Selbstmord vor Zug. Klassische Anleitung zum Unglücklichsein!"

100 Seiten vergehen, bis Anna Karenina ihren ersten Auftritt hat – mit Rosemarie Tietzes Neuübersetzung des 1300-Seiten-Buches, die vor allem auf die Wiedergabe der gesprochenen Sprache Wert legt, ist man allerdings sofort mitten im Geschehen: "Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise. Drunter und drüber ging es bei den Oblonskis."
Der 34-jährige Fürst Oblonski hat seine Ehefrau Darja Alexandrowna mit dem französischen Hausmädchen betrogen. Die Fürstin ist dahintergekommen und weigert sich, mit dem Vater ihrer Kinder weiterhin unter einem Dach zu wohnen. Oblonski, Amtsvorsteher in einer Moskauer Behörde, ist der Bruder von Anna Karenina, ihrerseits in der Hauptstadt Petersburg mit dem ranghöheren Staatsrat Alexei Alexandrowitsch Karenin verehelicht und Mutter eines Sohnes, Serjoscha. Um zu retten, was noch zu retten ist, wird sie von ihrem Bruder nach Moskau gebeten. Dort trifft zur selben Zeit der Gutsbesitzer Lewin ein, der schon zum zweiten Mal um die Hand von Kitty, der Schwägerin seines Freundes Oblonski, anhalten will. Er wird abermals abgewiesen, Kitty hat sich ihrerseits in den wohlhabenden Grafen Alexei Kirillowitsch Wronski vergafft.
Ein Eislaufplatz, ein Bahnhof und ein Ballsaal sind die Hauptschauplätze des ersten von insgesamt acht Teilen des Romans. Das Panorama der russischen Gesellschaft gerät erstaunlicherweise nie unübersichtlich, auch wenn das handelnde Personal noch um ein gutes Dutzend weiterer Akteure ergänzt wird.
Schließlich ist es so weit: Karenina und Wronski, die beiden zentralen Figuren treffen erstmals aufeinander: Anna kommt gerade in Moskau an, Wronski holt dort seine – eher ungeliebte – Mutter am Bahnhof ab. "Mit dem Feingefühl des Mannes von Welt hatte Wronski die Dame, nach einem einzigen Blick auf ihr Aussehen, den höheren Kreisen zugeordnet. Er entschuldiget sich und wollte schon ins Wageninnere weitergehen, fühlte sich aber genötigt, noch einen Blick auf sie zu werfen. (…) Als er sich umblickte, wandte auch sie den Kopf." Wie im Groschenroman entscheidet auch dieser erste Blickwechsel alles Weitere.

Bei aller Detailbesessenheit und gleichzeitigen Eleganz der Darstellung – die Liebe des Autors gilt seiner Protagonistin, die er tatsächlich bis in die Haarspitzen beschreibt: "Ihre Frisur war unauffällig. Auffällig waren nur, und das schmückte sie, die eigenwilligen kurzen Kringel des lockigen Haars, die am Hinterkopf und an den Schläfen stets hervorrutschten. An dem gedrechselten, kraftvollen Hals trug sie eine Perlenkette."
Wir befinden uns auf einem Ball im Haus der Oblonskis. Annas Bild wird von Kittys innerem Monolog voller Eifersucht übertönt: "Wer ist es? Alle oder einer?" – will die Karenina, die mit Wronski tanzt, allen Männern oder nur einem bestimmten, nämlich dem angebeteten Wronski, gefallen? Der Schmerz dieses Moments wird Kitty noch Jahre später quälen. Anna versucht sich der entspinnenden Intrige zu entziehen und reist zu ihrer Familie, um im Zug abermals auf Wronski zu treffen, der ihr sogleich seine Liebe gesteht.

Tolstoi steckt seine Figuren aber nicht nur in elegante Kleider, er entblößt sie auch bis in das Innerste ihrer Seelen und damit auch die gesellschaftlichen Konventionen der auslaufenden und in Modernisierung schließlich untergehenden russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Umsichtig, ohne die für Dostojewski so typische schlampige Figurenzeichnung, entfaltet Tolstoi die Entwicklung zweier respektive dreier Paare. Während Anna und Wronski ihre eigene Ehe zerstören, konsolidiert sich die Liebe der Oblonskis, Lewin und Kitty gründen eine moralingesäuerte russische Idealfamilie Marke progressiver Landadel.
Am Ende des Buches wird das Spiegelspiel der Beziehungen noch einmal auf die Spitze getrieben. Anna wirft sich nach den Regeln der Dramaturgie des 19. Jahrhunderts vor den Zug, Wronski zieht freiwillig und ohne die Absicht, lebend zurückzukehren, in den Krieg der Serben gegen die Türken.
Geld und Religion, Spekulationsgeschäfte, Frauenerziehung, das Leben der Bauern und der Luxus des Adels – alle klassischen Tolstoi-Themen werden ausgiebig abgehandelt, geraten dabei aber nie zur propagandistischen Gottsucherei des alten Tolstoi.
Vladimir Nabokov meinte einmal: "Wenn Sie Tolstoi lesen, lesen Sie, weil Sie nicht aufhören können." Das ist vor allem auch deshalb der Fall, weil es diesem gelingt, was sonst nur Mozart zustande brachte. Er rechtfertigt mit "Anna Karenina" die Welt durch Literatur genau in dem Ausmaß, in dem er bald nach Beendigung des Romans den Nutzen jeglicher Kunst im Namen von Moral und Religion verteufeln sollte.


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