Pardauz, da platzt ein Äderchen im Köpfchen

"Roman unserer Kindheit" von Anke Feuchtenberger, Georg Klein

Leopold Federmair
FALTER 10/2010

Roman unserer Kindheit
Anke Feuchtenberger, Georg Klein
Rowohlt 2010
€ 23,60

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Mit seinem "Roman unserer Kindheit" hat Georg Klein ein großes Thema kleingekocht und kaputtgewitzelt

"Roman unserer Kindheit", der Titel hat Recht, er hascht nicht nach Effekten, sondern sagt, was sich Georg Klein vorgenommen hat. Der Plural bezieht sich zunächst auf eine Familie mit (mindestens) drei Kindern, dann auf eine Gruppe von Gören – wir sind im Ruhrgebiet – in einem Neubauviertel, schließlich auf die Kindheit einer Generation.

Es ist Nachkriegszeit, aber der Nachkrieg zieht sich bis in die 60er-Jahre und wird verkörpert von Kriegsinvaliden, die der Autor gehäuft auftreten lässt. Wobei er den Eindruck von Zerstörung mitten im beginnenden Wohlstand dadurch verstärkt, dass sich ständig jemand verletzt, dass ständig jemand eine Krankheit erleidet, stirbt – eine Marotte, die Klein schon in früheren Büchern ausgereizt hat.
Der Erzähler, der für diesen Plural spricht, ist ein Ich, das sich in den Figuren versteckt, mal diesem, mal jener über die Schultern schaut; es ist nicht nichts, sondern ein Nichtchen, die Nichte eines invaliden Exkommandanten. Das Ich ist letztlich: wir alle. Sogar unsere verlorengegangenen Föten.
So will es Georg Klein. An diesem Anspruch aber ist er – man kann nicht einmal sagen, gescheitert, sondern er hat das Ganze zu einem 446 Seiten starken Gesellschaftsromänchen eingekocht, das mit den Effekten des Schauer- und Widerlichen spekuliert, aber alles in allem recht adrett daherkommt und den offensichtlichen Zweck verfolgt, die Schreibkünste des Autors auszustellen. Wobei auch hier eher das Mittelmaß getroffen wird als irgendein (erwünschtes?) Extrem.
Schon wahr, der Autor versteht es, komplexe Sätze zu drechseln und die Hauptwörter mit vielen, bisweilen überraschenden, stets sorgsam gesuchten Beifügungen zu versehen. Aber diese Gesuchtheiten verhindern erst recht, dass der Motor in Schwung kommt. Und auch die Konstruktionsarbeit an mehreren Schichten, Ober- und Unterwelt, Keller und Wohngeschoß, Außenseiter- und Durchschnittsbürgerwelt wirkt angestrengt und hinterlässt die Frage: wozu?

Es fehlt dem angepeilten Opus magnum, das alles hat und alles will, an einer Perspektive, einem Thema, einer Problematik. Wo eine solche auftauchen könnte, kommt die sprachbarocke Manier dazwischen, Leerstellen immer und überall auffüllen zu müssen. So wie die Lücke in einer Häuserzeile mit einem kriegsinvaliden Akkordeonspieler aufgefüllt wird, der natürlich – karg-üppig, wie es sich für die Zeit des Wirtschaftswunders gehört – "der Fehlharmoniker" heißt. Wie witzig!
Überhaupt versanden viele Witze in diesem Roman vor Eintritt der Pointe, worauf der Autor selbst hinweist.Der Tonfall solchen Erzählens ist leiser Spott, mit dem all die Nachkriegskinder und -erwachsenen demokratisch bedacht werden.

Sensible Gemüter mögen sich von dieser oder jener Stelle schockiert fühlen; wir Abgebrühten hingegen sehen in ihnen nur Humoresken. Noch ein letztes kleines Beispiel gefällig? Bitte schön:
Im Kopf von Doktor Junghanns "platzt ein klitzekleines, seit langem ulkig ausgebeuteltes Äderchen hinten in seinem Kopf. Sogleich wechselt sein rechter Fuß vom Gaspedal zur Bremse, der andere kuppelt aus. Natürlich hat er als Arzt erkannt, dass es sich um ein Schläglein handelt. Er schaltet in den Leerlauf, dreht mit der Rechten den Zündschlüssel zurück, während die Linke bereits über die Schläfe nach hinten tastet."
Ulkig, nett und im Diminutiv – so kommt bei Klein der Tod daher. Hundert Seiten vorher hatte er einen Selbstmordversuch "schnell verraten", der "mit einem guten und zudem noch superglatt eingeseiften Seil aus Hanf" (wiewohl dann dennoch vergeblich) ausgeführt worden war. Der "Neger" im Sexheft ist übrigens nicht super-, sondern extraschwarz.
"Wozu noch Zeit verlieren?" lautet die rhetorische Frage im vorletzten Romankapitel, nach einem Showdown, dessen Ende schon allzu oft hinausgezögert wurde.
Danach ist der "Roman unserer Kindheit" aber auch schon vorbei, es wird nichts mehr kommen: Wozu haben wir unsere Zeit verloren? "Ich nehme mich noch einmal riesig wichtig. Ich blähe mich, nicht anders als der böse arme Blutkerl, mächtig auf, um jetzt (...) gründlich bemerkt zu werden."
Das sagt Kleins versteckter Ich-Erzähler, und auch, wenn es so nicht gemeint war, lässt es sich schnurstracks auf Kleins Schreiben beziehen. Der genannte Blutkerl ist übrigens mehr ein Kinderschreckgespenst als ein Wesen aus Fleisch und Blut. Ein blutroter Riesenluftballon in einem Bärenfell. Eine Art selbstbezügliches Symbol?


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