Das Paradies ist verloren. Aber was kommt danach?

"Der Karibische Dämon" von David Chariandy, Melanie Walz

Sigrid Löffler
FALTER 10/2010

Der Karibische Dämon
David Chariandy, Melanie Walz
Suhrkamp - 2009
0,00

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In der "Global Literature" ist der Gegensatz von Zentrum und Peripherie aufgehoben. Der Migrant wird zur Leitfigur der mobilen Moderne

Vor 50, 60 Jahren gab es junge Menschen, die nur ein Ziel auf Erden kannten – die Metropole des Weltreichs. Dort wollten sie hin, dort wollten sie sein. Diese jungen Leute bildeten eine Vorhut: Sie strebten von der Peripherie, von den Rändern des Weltreichs ins Zentrum. Sie waren Bürger des Commonwealth, und London war ihr Zielort.

Down and Out in London
Aber als sie dann endlich durch die Straßen Londons trotteten, fühlten sie sich dort nicht wohl. Sie waren unglücklich, zerquält, verschlossen, einsam und geistesabwesend. Sie fühlten sich fremd, und sie waren auch fremd. Sie schleppten ein Handicap mit sich, das ihnen anzusehen oder mindestens anzuhören war, sobald sie den Mund aufmachten: ihre Herkunft. Sie waren aus den Kolonien in die immer noch mächtige Hauptstadt des britischen Empire gekommen, und London ließ sie spüren, dass sie hier bestenfalls geduldet waren, Commonwealth hin oder her.
Ihre Herkunft war eine innere Wunde, die zu bluten nicht aufhörte. Diese Wunde bereitete ihnen Schmerz, und dieser Herkunftsschmerz zeitigte die widersprüchlichsten Gefühle: Sehnsucht, Abwehr, Scham, Selbsthass, Widerwillen und Trauer. Sie alle wollten schreiben, damit die Wunde sich schlösse. Doch zugleich wussten sie: Das Schreiben über die Herkunft (und worüber sonst sollten sie schreiben?) würde die Wunde ständig neu aufreißen. So lebten diese jungen Leute wie im Dämmerzustand, in einem Zwischenreich zwischen Herkunft und Ankunft, nicht mehr dort und noch nicht hier.
Diese jungen Leute der 50er-Jahre kamen aus Rhodesien, aus der Karibik oder aus Südafrika. Eine Art Krampf umklammerte in London ihre Seele und ihr Gemüt: Sie schämten sich ihrer Wurzeln, sie fühlten sich unterlegen und litten darunter. Dieser Krampf konnte erst weichen, als er beschreibbar geworden war, als die Schande der kolonialen Herkunft durch die Schrift getilgt wurde, aufgehoben in und durch Literatur.
Diese jungen Leute schrieben schließlich Romane über ihre ersten Londoner Jahre, denen die schmerzlichen autobiografischen Erfahrungen auf jeder Seite abzulesen waren. Ihre Bücher tragen Titel wie "Kinder der Gewalt", "Die jungen Jahre" oder "Das Rätsel der Ankunft". Indem diese Menschen über ihre Herkunft schrieben, die Fremde und ihr eigenes Fremdsein zu ihrem Thema machten, wurde der verschwiegene Makel der Herkunft offenbar und damit auch getilgt. Im Laufe der Jahre wurden die jungen Fremden zu literarischen Wortführern ihres Zeitalters, sie gelangten zu höchsten Ehren, wurden zum Teil geadelt, ihr Werk wurde kanonisiert, sie allesamt sind heute Literaturnobelpreisträger: Doris Lessing aus Südrhodesien, Sir V. S. Naipaul aus Trinidad und J.M. Coetzee aus Südafrika.
Sie waren die Vorhut, die Pioniere und Wegbereiter, sie widmeten sich als Erste dem Thema der Epoche, der "Fremde". In Anziehung und Abstoßung waren sie alle auf einen Ort fixiert und kulturell geprägt: auf die Weltstadt London in der Endphase der Auflösung des britischen Imperiums. Sie alle durchlebten in England identitätserschütternde Metamorphosen, doch letztlich gingen sie existenziell gestärkt und bereichert aus diesen Krisen hervor. Sie konnten noch klar erkennen, wo die Peripherie und wo das Zentrum war – und sie waren im Zentrum angekommen. London hatte sie durchgerüttelt und mit neuen Identitäten ausgestattet. Sie standen am Übergang zum postkolonialen Zeitalter, in ihren Büchern wurde das Zeitalter des Kolonialismus ins Postkoloniale umcodiert, ihnen wurde die koloniale Welt in der Stunde ihres Verschwindens auf völlig neue Art lesbar.

Ein Leben im Zwischenraum
Heute, ein halbes Jahrhundert später, hat sich der Umbruch, von dem die Bücher dieser Vorreiter kündeten, rasant beschleunigt. Aufbrüche und Umbrüche finden in allen Winkeln der Erde statt. Peripherie und Zentrum sind nicht mehr klar zu unterscheiden. Die globalisierte Welt ist eine nomadische Welt, und mit dem Zerfall traditioneller Zugehörigkeiten ist der Migrant zur Leitfigur einer mobilen Gesellschaft aufgerückt. Das Thema "Fremde" ist inzwischen zum Zentralbegriff der politischen Debatte avanciert.
Für die Migrationsströme aus den einstigen Kolonien ist London heute nur noch ein Ziel unter vielen. Allerorten haben sich Menschen in Bewegung gesetzt und in alle Richtungen auf den Weg gemacht, mitsamt ihren Erinnerungen, ihren Träumen und Sehnsüchten, ihren Enttäuschungen und Verlusterfahrungen, ihrer Sprache und ihrem ganzen kulturellen Gepäck. Zumeist kommen sie aus Krisenregionen und flüchten aus Bürgerkriegszonen, und zumeist suchen sie Zuflucht in der Europäischen Union oder in Nordamerika.
Ihnen allen gemein ist einzig die Erfahrung der Fremde. Die Geschichten, die diese Migranten zu erzählen haben, unterscheiden sich von allen, die wir bisher zu hören und zu lesen bekommen haben, sind doch die Autoren zumeist selbst, was sie thematisieren und problematisieren: Fremde. Der Migrant als Prototyp der mobilen Moderne ist zur Leitfigur der zeitgenössischen Literatur geworden. Fremde – der, die, das Fremde – erscheint als wichtigster Topos einer neuen transnationalen Literatur, die getragen wird von Autoren aus bisher literarisch kaum wahrgenommenen Weltgegenden.
So gut wie alle Literaturnobelpreisträger dieses Jahrtausends haben das Fremdsein und das Leben in der Fremde zu ihrem literarischen Thema gemacht: Orhan Pamuk ebenso wie V.S. Naipaul, J.M. Coetzee und Doris Lessing ebenso wie J.M.G. Le Clézio. Auf ihre Art auch Herta Müller, die "Reisende auf einem Bein". Sie alle beschreiben eine Welt "in Transit" und erzählen vom provisorischen Leben im permanenten Zwischenraum – in einem auf Dauer gestellten Transitorium zwischen Aufbruch und Ankunft.
Die Bedingungen der Literaturproduktion haben sich also grundlegend verändert, nationale Literaturen werden überlagert von trans- oder postnationalen Literaturen, die Entterritorialisierung der Autoren zeitigt auch eine neue entterritorialisierte Literatur. Wir bekommen es mit vielfältigen kulturellen Mischungen, aber auch kulturellen Konfrontationen zu tun. Längst lassen migrantische Welterfahrungen und das existenzielle Grenzgängertum dieser nomadischen Autoren mit ihren Mehrfach­identitäten die Unterschiede zwischen Peripherie und Zentrum verschwimmen. Je nachdrücklicher sich Stimmen aus bislang literarisch stummen Weltregionen Gehör zu verschaffen beginnen, desto weniger gefragt ist der alte paternalistische Eurozentrismus. Mit dem wohlwollend herablassenden Blick des zentrumsgewissen Westlers kann man dieser Literatur nicht gerecht werden.

Die Stunde der Sprachwechsler
Für diese neu entstehende, entterritorialisierte Literatur beginnt sich auch ein neuer Gattungsbegriff einzubürgern: Global Literature. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint der Begriff der Nationalliteratur längst als überholt; auch der Begriff der Weltliteratur greift angesichts dieser neuen Entwicklungen nicht mehr richtig. Wir bekommen es mit postnationaler Kultur und mit globalisierter Literaturproduktion zu tun. Insofern scheint der Terminus Global Literature in der Tat angebracht.
Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša StanišicŽ.
Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise.
Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: "Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden", sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt.
Da diese entterritorialisierten Autoren mit ihrem ganzen kulturellen Herkunftsgepäck in die neue Sprache und Kultur eingewandert sind, leisten sie als Migranten und als Sprachwechsler ihren Teil einer Übertragungs- und Vermittlungsarbeit zwischen den Kulturen – im Weltmaßstab. In einer Welt der Übersetzungen leisten sie Dolmetscherdienste, indem sie Kulturen – also Geschichte, Religion, Lebensstile, Mythen, Künste, Traditionen – nicht nur beschreiben, beglaubigen und tradieren, sondern indem sie ihre jeweilige Kultur auch anderen vermitteln, sie ihnen übersetzen. Durch diese Übertragungsarbeit ändert sich der Blick auf die eigene wie auch auf die fremde Kultur.

Das Ende des Multi-Kulti-Traums
Mit neuer Dringlichkeit umkreist und aktualisiert die Global Literature daher ihre zentralen Anliegen. Sie untersucht die Chancen eines friedlichen Zusammenlebens in Menschenwürde und Toleranz. Die Identitätsproblematik wird angesichts des Facettenreichtums interkultureller Amalgamierungen zur Grundfrage schlechthin und Hybridität zum Leitbegriff dieser Literatur.
Hybridität ist jedoch nicht gleichbedeutend mit individueller Glückserfahrung. Der Boom des multikulturellen Überschwangs ist lang vorbei, der Traum von der seligen kulturellen Melange aus Orient und Okzident à la Salman Rushdie ist ausgeträumt, das Paradies des Ethno-Mix gibt's nirgendwo. Stattdessen liest man eher von tragischen Identitätskonflikten und Ich-Spaltungen von Migranten, die zwischen Anpassungszwängen und Ausgrenzungen, zwischen Abschiebung und Fußfassen hin- und hertaumeln, als verunsicherte und nirgends zugehörige Wanderer zwischen den Kulturen.
In den meisten Fällen hat Migration sehr wenig mit dem Glück multikultureller Selbstintensivierung und der Lust an der Ich-Bereicherung durch hybride Mischungen zu tun; viel öfter ist sie eine Erfahrung des Mangels und bedeutet Leiden am Selbstverlust in der Fremde. Fremdheitsgefühle und Identitätskämpfe beherrschen das unglückliche Bewusstsein des Migranten.
In diesen Ambivalenzen bewegt sich die Global Literature von heute, wenn sie in vielfachen Brechungen und Spiegelungen die Frage der Zugehörigkeit von Migranten stellt. Diese Autoren erzählen vom Unglück der Menschen in Konfliktregionen und Bürgerkriegszonen, sei es im Nahen Osten, in Afghanistan, in Sri Lanka oder auf dem Balkan; sie erinnern an das Unrecht der Verfolgungen und Vertreibungen, seien es Kurden, Juden, Palästinenser, Tamilen oder Bosnier; sie zeigen die besonderen Herausforderungen des Lebens in der Fremde – und wie man damit fertig wird.
Diese Autoren schauen auf die Welt zugleich von außen und von innen. Es ist der Blick des doppelten Außenseiters, der sich nirgends ganz zugehörig fühlt – weder in seinem Herkunftsland noch in seinem Zufluchtsland und erst recht nicht in den Transitländern. Herkunft und neue Lebenswelt prallen in diesen Romanen oft heftig und widersprüchlich aufeinander und richten Tumulte an in der eigenen Seele.

Die Arbeit am "Anderen"
Wir leben in einer globalen Welt der Übersetzungen. Wir wissen nur noch nicht, wie weit unser Blick auf die eigenen Traditionen sich dadurch verändert. Das Hegemoniegefühl der westlichen säkularen Moderne ist allerdings erschüttert. In dieser Situation können heute die Schriftsteller als professionelle Blickveränderer fungieren. Aus dem Kulturenmix könnte in Umrissen ein Suchbild greifbar werden – eine andere, eine dritte Identität, erwachsend aus den verschwimmenden nationalen Identitäten.
Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk drückt dies in seiner Friedenspreisrede so aus: "Wer ist dieser ‚Andere', den wir uns vorstellen sollen? Diese uns so unähnliche Person appelliert an unsere primitivsten Instinkte und löst Aggressionen und Verteidigungsreflexe aus, Abscheu und Furcht. Wir wissen, dass diese Gefühle unsere Fantasie anregen und unsere Schreibaktivität befördern werden. Der Romanschriftsteller weiß, dass es ihn befreien wird, genau andersherum zu denken, als es der allgemeinen Erwartung entspricht. Er spürt, dass eine Identifikation mit dem ‚Anderen' fruchtbare Ergebnisse zeitigen wird. Die Geschichte des Romans kann auch als die Geschichte der Möglichkeit geschrieben werden, sich in andere hineinzuversetzen und sich durch dieses Vorstellungsvermögen zu verändern, ja zu befreien."


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