Wovon träumt eigentlich ein Superorganismus?

"Der Superorganismus" von Bert Hölldobler, M.C. Nelson, Edward Wilson

Peter Iwaniewicz
FALTER 10/2010

Der Superorganismus
Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten
Bert Hölldobler, M.C. Nelson, Edward Wilson
Springer Berlin 2009
€ 87,37

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Biologie: Sozialismus funktioniert doch – nur nicht mit der Spezies Mensch. Neues aus der Insektenforschung

Zwischen Ameisen und Menschen besteht ein überraschendes Gleichgewicht: Von unserer Art, Homo sapiens, leben gegenwärtig etwa 6,6 Milliarden Individuen. Die Anzahl gleichzeitig lebender Ameisen beträgt nach eher zurückhaltenden Schätzungen zwischen einer und zehn Billiarden. Ordnet man einem durchschnittlichen Menschen das Gewicht von ein bis zwei Millionen Ameisen zu, dann ist die Biomasse beider Lebensformen weltweit ungefähr gleich groß. Auch was die terrestrische Dominanz betrifft, stehen sich beide Gruppen um nichts nach und haben so gut wie alle Lebensräume auf dem Festland besiedelt.

Nur mit bloßem Auge sehen alle Ameisen gleich aus. Betrachtet man sie mit einer Lupe, dann unterscheiden sich die circa 14.000 bekannten Ameisenarten so stark voneinander wie Elefanten, Löwen oder Mäuse. Die Größenunterschiede sind verblüffend: Eine gesamte Kolonie der kleinsten Ameisen (Oligomyrmex sp.) könnte in der Kopfkapsel der Riesenameise (Camponotus gigas) leben. Und obwohl damit auch die Gehirngröße der Ameisenarten entsprechende Unterschiede zeigt, lässt sich kein relevanter Unterschied in der Intelligenz feststellen. Das Verhaltensrepertoire dieser Insekten variiert nur in geringem Ausmaß und beschränkt sich auf simple Tätigkeiten wie Futtersuche, Versorgung der Brut, Körper- und Nestpflege etc. Dennoch sind manche Ameisen und Termiten bereits vor ungefähr 50 Millionen Jahren vom Jäger- und Sammlerdasein zur Landwirtschaft übergangen und leben von den Erträgen ihrer raffiniert angelegten Pilzzuchten. Andere Arten, wie zum Beispiel die afrikanische Treiberameise, wirken bei ihren Beutezügen wie ein einziges, sich wie eine Riesenamöbe ausbreitendes Lebewesen. Mit 20 Metern pro Stunde strecken sich tentakelartig hunderttausende Arbeiterinnen über die Landschaft aus und ziehen sich abends geordnet zurück.
Der US-amerikanische Insektenforscher William Morton Wheeler führte 1911 für soziale Insekten wie Ameisen, Bienen und Termiten den Begriff "Superorganismus" ein und postulierte, dass sich solche Kolonien wie ein eigenständiger Organismus verhielten. Der Ameisenkönigin wies er – in der damals noch blumigeren Wissenschaftsprosa – die Rolle als Fortpflanzungsorgan zu. Die Arbeiterinnen waren Gehirn, Herz und Verdauungstrakt, während der Austausch von Futter unter den Koloniemitgliedern dem Blutkreislauf ­entsprach. Diese Betrachtungsweise erfreute sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit und wurde von verschiedenen weltanschaulichen Denkrichtungen auf menschliche Gesellschaften übertragen. In den 1960er-Jahren war der Begriff jedoch aus dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch wieder verschwunden.
Jetzt holen die beiden führenden Ameisenforscher Bert Hölldobler und Edward O. Wilson ihn wieder hervor und legen 20 Jahre nach ihrem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Monumentalwerk "Die Ameisen" eine gewichtige (1,8 kg!) Publikation zur Evolution sozialer Insekten vor. Das lesbare und anregende Buch der beiden Experten ist nicht nur ein Referenzwerk zum Stand der Forschung, sondern bietet auch für Nichtbiologen eine Fülle von Informationen über eine rätselhafte Lebensform, die sich nicht audiovisuell, sondern chemosensorisch verständigt. Leider wurde der Untertitel des Originals, "The Beauty, Elegance, and Strangeness of Insect Societies", nicht übernommen, sondern ersetzt durch "Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten". Letztere beide Insektengruppen kommen nämlich kaum vor.

Seltsam mutet nur der doch etwas ­veraltete Instinktbegriff an, den die Autoren den sozialen Insekten zur Abgrenzung vom menschlich-bewussten sozialen ­Handeln zuweisen. Da Ameisen auch schlafen, dabei eine dem Menschen vergleichbare Haltung mit auf die Brust gesunkenem Kopf einnehmen und ihre Fühler in gewissen Abständen so wie unsere Pupillen in der REM-Phase zu zittern beginnen, vermuten Forscher, dass auch diese Insekten Träume haben. Bloß wovon träumt ein Superorganismus?


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