Eine Schnittmenge namens Paris Hilton

"Bodies" von Susie Orbach, Cornelia Holfelder von der Tann

Julia Kospach
FALTER 10/2010

Anzeige


Die bekannte britische Psycho­analytikerin Susie Orbach nimmt den Körper­fetischismus unter die Lupe

Jeder, der einen Internetzugang besitzt, kennt sie: die aus dem Nirgendwo eintrudelnden Mails mit der Aufforderung, sich den Penis verlängern oder die Brüste vergrößern zu lassen, das Potenzmittel Viagra günstig zu erwerben, ein Wundergerät zur Körperertüchtigung oder die ultimative neue Diät auszuprobieren. Die Botschaft ist laut und deutlich: Die Biologie kann, nein soll überlistet oder zumindest umgangen werden – mit den Mitteln der Chirurgie, der Pharmazie oder der Fitness- und Schönheitsindustrie. In US-TV-Serien wie "The Swan" lassen sich Frauen vor laufender Kamera kosmetisch und chirurgisch rundumerneuern, in den Model-Shows der Privatsender und den Partnersuche-Shows auf MTV gilt das strenge Prinzip der Auslese nach körperlicher Fitness und optischer (Klischee-)Entsprechung.

Verhältnismäßigkeit? Individueller Ausdruck? Körperliche Vielfalt? Nie gehört. Die schöne neue Welt hat einseitig klare Vorstellungen davon, was schön und erstrebenswert ist. Die Sexualisierung der Oberfläche ist allgegenwärtig. Das angestrebte Ideal findet sich ziemlich präzise in einer Schnittmenge, die man auf den Namen Paris Hilton taufen könnte und die als Monokultur der Körperdarstellungen rund um den Globus für Verheerung sorgt. Kleines Beispiel? Rund 50 Prozent aller koreanischen Mädchen lassen sich ihre asiatischen Schlupflider operieren, um stattdessen "westliche" Augenlider zu bekommen.
Körperkult, Diät- und Schlankheitswahn, Höhenflüge der kosmetischen Chirurgie, aber auch Anorexie, Essstörungen, Fettsucht und eine Massenfixierung auf das Thema Ernährung: Der Druck, unsere Körper zu trainieren, zu korrigieren, zu perfektionieren und umzumodeln, ist riesig. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist eines der Hauptmerkmale der Bewohner der industrialisierten Welt geworden. Wesentlicher Teil davon ist die Überzeugung, dass sich Probleme über den Körper lösen lassen, anders gesagt: dass emotionale und psychische Probleme kleiner werden, wenn nur der Körper straff, schlank, jugendlich und sexy ist. Auf diesem Schlachtfeld der Körper bedeuten Zuwiderhandeln und Verweigerung moralisches Versagen. Und Versager gibt es viele in der schönen neuen Körperwelt, weil viele darunter leiden, nicht zu entsprechen. Für sie ist ihr Körper ein stetiger Quell des Schmerzes, der Ursprung von schlechtem Gewissen und Unzulänglichkeitsgefühlen.
Nicht dass es das alles nicht auch schon früher gegeben hätte: Was neu ist, ist die Zahl an Optionen und die Loslösung der Körpermodifikationen von gesellschaftlichen Ritualen. Denn seinen Körper gemäß – vor allem medial – vorgegebener Bilder zu gestalten wird dem Einzelnen als Verpflichtung auferlegt. Wer sich das nicht leisten kann, bleibt kläglich auf der Strecke.
In ihrem neuen Buch "Bodies. Schlachtfelder der Schönheit" untersucht die britische Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin Susie Orbach genau diesen Körperfetischismus der industrialisierten Welt und zeigt, wie stark unser Selbstwertgefühl durch unser Körpergefühl geprägt und häufig destabilisiert wird. Denn der Körperkult schlägt schnell in Körperhass um. Orbach, 64, weiß, wovon sie spricht. Schon seit über 30 Jahren ist der Körper ihr großes Forschungsthema. 1978 wurde sie mit dem Buch "Fat Is a Feminist Issue" schlagartig bekannt. Es war eine der ersten Arbeiten, die sich mit den Einstellungen von Frauen zu Ernährung, Übergewicht und Diäten beschäftigte. Die nicht minder berühmte Feministin und Schriftstellerin Naomi Wolf sagt über sie: "Praktisch die gesamte Debatte über Körper-Bilder und Schönheits(wahn)vorstellungen verdankt ihre Existenz den beharrlich entlarvenden Formulierungen von Susie Orbach."

Bei Orbach lag Prinzessin Diana auf der Couch, die sich wegen ihrer Bulimie an sie gewandt hatte. Sie hat einen Lehrauftrag an der London School of Economics, gründete das Women's Therapy Centre in London und New York und war Mitentwicklerin der seit 2004 laufenden Werbe- und Marketingkampagne der Kosmetikfirma Dove, in der "normale" Frauen verschiedener Altersgruppen die Vielfalt von Frauenkörpern abseits des Magermodel-Klischees repräsentieren. Wie gesagt: Orbach kennt sich aus. Und ihre Diagnose ist düster: Die Schönheitsnormen haben sich in den letzten Jahrzehnten verengt, das Ideal der Schlankheit "quält alle, die ihm nicht entsprechen, und selbst diejenigen, die ihm entsprechen, tragen oft eine beklemmende Körperunsicherheit in sich". Mit einem Wort: "Ständige ängstliche Selbstbeobachtung und -kontrolle beherrschen viele Menschen vom Aufwachen bis zum Einschlafen."
Neben der Fixierung auf Schlankheit und Schönheit, worunter vor allem Frauen und Mädchen dauerhaft leiden, geht ein anderes Schreckgespenst um: die zunehmende Fettleibigkeit. Orbach entlarvt beides als die zwei Seiten derselben Medaille. "Emotionales und physisches Aufbegehren gegen ein Leben aus Essrestriktionen, Verzicht und zwanghafter sportlicher Betätigung können entweder zu einer anorektischen Reaktion führen oder aber zum scheinbaren Gegenteil – exzessivem Essen." Magersucht und Fettsucht sind Geschwister.
Auf dem Gebiet des Körpers, konstatiert Orbach traurig, hat der Feminismus verloren. Eines seiner Hauptziele, Frauen als gleichberechtigte Partner auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren, hatte einen hohen Preis. Es wurde pervertiert: Das Mehr an Rechten, so Orbach, gab es für Frauen nur um den Preis, im öffentlichen Raum einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Dazu kommt: Statt zu individueller Selbstverwirklichung werden junge Frauen inzwischen häufig zu Superleistungsträgerinnen erzogen, die sich im Wettlauf um Ausbildungen, Leistungen und Errungenschaften verausgaben, statt sich um den Ausdruck ihrer eigenen Interessen kümmern zu können.
Zugleich ist es schwierig geworden, die Grenze zwischen einer positiven Beschäftigung mit dem eigenen Körper und krankhafter Fixierung zu ziehen. Denn natürlich gehören Schönheitsoperationen inzwischen in weitaus stärkerem Maße zum Alltag als noch vor wenigen Jahrzehnten und sind auch nicht in allen Fällen und per se alarmierender Ausdruck schwerer Körperunsicherheiten. Dazu kommt, dass ein "natürlicher" Körper, so Orbach, nicht existiert. Körper sind sozial und kulturell geformt. Orbach beschreibt einige Extrembeispiele, die die Vorstellung vom Körper als etwas Natürlichem nachhaltig ins Schwanken bringen.
Unter anderem den Fall von Andrew, einem Mann in mittleren Jahren, der zeit seines Lebens seine Beine als so überflüssig empfand, dass er sie chirurgisch entfernen lassen wollte, um sich ganz fühlen zu können. Als das nicht möglich war, packte er seine Beine so lange in einen Sack mit Trockeneis, bis eine Amputation medizinisch unumgänglich war. Es ist das Extrembeispiel eines Leidens am eigenen Körper, das durch eine drastische Aktion tatsächlich Erleichterung erfuhr. Und doch sieht Orbach ihn als "emblematisch für den heutigen Fokus auf das, was an unserem Körper nicht ‚stimmt'". Wir begreifen unsere Körper als Arbeitsprojekte. Ein fataler Schluss, so Orbach: "Die Tatsache, dass wir unseren Körper umgestalten können, macht ihn zum Gegenstand einer Unzufriedenheit, die überwindbar ist." Denn theoretisch ist jede Form des Wandels möglich, praktisch ist sie nicht jedem zugänglich und führt vor allem nicht automatisch zur gewünschten Erleichterung.
In den Vorstellungen, die wir uns von Körpern machen, vom Dick- und vom Dünnsein, stecken vielschichtige gesellschaftliche und individuelle Ideen und Gefühle. Für Orbach steht fest, dass der laufende Diskurs "eine neue Destabilisierung des Körpers und eine neue obsessive Beschäftigung mit ihm" hervorruft. Wir ziehen eine Generation von Menschen mit unsicherem Körpergefühl heran, Menschen, die sich in sich selbst nicht wohlfühlen und darum auf ein immer größeres Repertoire von immer ausgefeilteren Ersatzhandlungen zurückgreifen, die Schönheits-, Diät- und Fitnessindustrie für sie bereitstellen. Diese Industrie ist riesig und erwirtschaftet gigantische Umsätze.

Zugleich ist jeder von uns pro Woche zwei- bis fünftausendmal Bildern ausgesetzt, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden. Das erzeugt Druck. Dieser Druck sucht sich Auswege: In Orbachs Buch sind sie alle beschrieben. Die Selbstverletzungen und die Flucht in den virtuellen Raum, in dem man beliebige Identitäten (und erfundene Körper) annehmen kann, die Möchtegern-Amputierten und Magersüchtigen, die Fetten und die Fitnessbesessenen, die maskenhaften Schönheitsoperierten, die, die nur einmal am Tag essen, und die, die ausschließlich einige wenige ausgewählte Lebensmittel zu sich nehmen. Sie alle verfehlen ihre Körper.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Darf ich Zahlen?

    Geschichten aus der Mathematik Mit zwei großen Problemen hadert die Zahlenkunde bis heute – dem Unendlichen und ihrem Image Die Geschichte des Unendlichen ist eine Geschichte...
    Rezensiert von Martina Gröschl in FALTER 10/2010
  • Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten - Afrika

    Afrika vor der WM: Asfa-Wossen Asserate und Rupert Neudeck analysieren die Misere Afrikas, Oliver Becker dessen Fußball 1960 gilt als "Achsenjahr"...
    Rezensiert von Oliver Hochadel in FALTER 10/2010
  • Brünner Erzählungen

    "Das Versprechen des Architekten" von Jiří Kratochvil ist eine grandiose Parabel über individuelle Schuld im Totalitarismus Schuld ist eine...
    Rezensiert von Josef Gepp in FALTER 10/2010
  • Der Junge

    Eine afrikanische Kindheit Mit "Sommer des Lebens" setzt J.M. Coetzee die Reflexion über das Genre Biografie auf raffinierte Weise fort Als erster Schriftsteller erhielt...
    Rezensiert von Karl A. Duffek in FALTER 10/2010
  • Kamasutra kopfüber

    Die 77 originellsten Formen der Fortpflanzung Biologie: Zwei neue Bücher extemporieren über das Liebesleben der Tiere, einmal seriös, einmal als Pseudonaturkunde Das Jahr 2010 wurde von der...
    Rezensiert von Peter Iwaniewicz in FALTER 10/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 10/2010

Anzeige

Anzeige