Und täglich grüßt der Traum vom Untergang

"Menetekel" von Gerhard Henschel

Veronika Seyr
FALTER 10/2010

Menetekel
3000 Jahre Untergang des Abendlandes
Gerhard Henschel
Eichborn 2010

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Die Furcht vor dem Menetekel ist so
alt wie unsere Kultur selbst, sagt Gerhard Henschel

Gerhard Henschel, freier Publizist und Autor aus Hamburg, der 2008 mit "Neidgeschrei" eine akribische Studie über den sexuell konnotierten Antisemitismus vorlegte, ergötzt uns in seinem neuen Buch mit einer Parade der Unheilsverkünder aus fast 3000 Jahren. Angefangen mit der Geschichte des ursprünglichen Menetekels aus dem Buch des Propheten Daniel, in dem der babylonische König Nebukadnezar das geheimnisvolle "Mene mene tekel u-pharsin" an der Wand sieht, das seinen Sturz einleitet, über alle Sodoms, Gomorrhas und Babylons, den Untergang des Römischen Reiches, die Endzeitprophezeiungen des Mittelalters bis zu den heutigen Mahnern vor dem Untergang des Abendlandes – Henschel gibt Entwarnung: Immer schon war die drohende Schrift an der Wand nur ein Mythos.
Nach allem, was wir wissen, sind die Klagen über den Verfall der Sitten und die Suche nach der guten alten Zeit so alt wie die Menschheit selbst oder mindestens so alt wie die frühesten Zeugnisse unserer Schriftkultur. Der griechische Dichter Hesiod beklagte schon 700 v. Chr. den Verlust eines goldenen Zeitalters und lieferte auch gleich den Grund mit: die menschliche Schwäche. Schnell waren sich die Herren der Apokalypse einig darüber, wer am Niedergang der Werte Schuld hatte: die Frauen, besser gesagt, das Weib, besser gesagt, das sinnliche Weib.

Wie überhaupt die Dekadenz der Menschheit mit dem Sündenfall beginnt, mit der Versuchung des Mannes und der Vertreibung aus dem Paradies. Um die neue christliche Moral zu verankern, malten schon die frühesten Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts den Sündern die Hölle aus: Dort würden "die Weiber an ihren Flechten über siedendem Koth aufgehängt". Augustinus, vor seiner Bekehrung zum Christentum praktizierender Wüstling, erwartete ungeduldig das Ende der Zeiten und konnte in seinen "Confessiones" oder in "De civitate Dei" eine gewisse Schadenfreude an den Höllenqualen der Sünder nicht unterdrücken.
1500 Jahre lang beschäftigten sich Endzeitfanatiker jeder Couleur mit dem Fall des Römischen Reiches – von den mittelalterlichen Philosophen und Kirchenvätern bis zu den "Rassenhygienikern" des Dritten Reiches – und machten die Ausschweifungen, Sittenlosigkeit, Promiskuität, Verweichlichung und Verweiblichung und nicht zuletzt die unheilvolle Vermischung mit anderen Rassen als dessen Ursache aus. Die Horden der Alemannen, Franken, West- und Ostgoten, Sweben, Vandalen und Hunnen sollen der Verworfenheit der Römer ein Ende bereitet haben.
Der deutsche Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts sah in der angeblichen Keuschheit der Barbaren (= Germanen) und ihrer höheren Moral die Ursachen für den Fall Roms. Auch der NS-Ideologe Alfred Rosenberg meinte sein altes Rom und dessen Schlafzimmer gut zu kennen. Genüsslich und mit pornografischem Blick zelebrierten die Untergangs­apostel die römischen Sünden und ließen sich das Raffinement der Sittenlosigkeit auf der Zunge zergehen. Ernst Moritz Arndt und Turnvater Jahn operierten mit dieser Geschichtsfälschung ebenso wie der Verfasser des sprichwörtlich gewordenen "Untergangs des Abendlandes" von 1913, Oswald Spengler – und sie reicht sogar hinein in die Formulierungen der Nürnberger Gesetze "zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre".

Die Deutung des Untergangs der römischen Zivilisation als Folge einer "rassenhygienisch" mangelhaften Gattenwahl stieg nun in den Rang einer amtlich abgesegneten Staatsdoktrin auf. Eine 1934 edierte "Staatsbürgerkunde" versprach den Lesern "eine Fülle von Beispielen, wie Kulturvölker in den Schlamm und Schmutz eines charakterlosen Mischvolkes ­herabsanken. Rom selbst wurde semitisch, d.h. vorderasiatisch und orientalisch."
Dass die Legende vom Menetekel, dem Untergang durch Sittenverfall und Rassenmischung, auch nach den Millionen Toten der beiden Weltkriege nicht vergessen ist, lässt so manche Äußerung zu Asyl, Migration und Integration bis auf den heutigen Tag durchklingen. Umberto Eco hat das Dilemma auf den Punkt gebracht mit folgenden Fragen: "Wie sollen wir diejenigen, die das Ende der Welt kommen sehen, davon überzeugen, dass andere, in der Vergangenheit, das auch schon so gesehen haben, und das in jeder Generation? Dass es sich um eine Art wiederkehrenden Traum handelt, wie zum Beispiel, dass uns die Zähne ausfallen oder wir nackt auf der Straße stehen? Nein, wird man antworten, dieses Mal ist es viel ernster."


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