Lernen Sie die Alloeltern kennen!

"Mütter und Andere" von Sarah Blaffer Hrdy

Kirstin Breitenfellner
FALTER 10/2010

Mütter und Andere
Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat
Sarah Blaffer Hrdy
Berlin Verlag 2010

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Sarah Blaffer Hrdy erforscht den Einfluss der kooperativen Aufzucht auf die Entstehung des Menschen

Die meisten Menschen wollen vor allem herausfinden, wer sie eigentlich sind. Die amerikanische Evolutionsforscherin und Primatologin Sarah Blaffer Hrdy bekennt in ihrem vielbeachteten Buch "Mutter Natur" (dt. 2000), das soeben wiederaufgelegt wurde, dass sie ihr Erwachsenenleben vor allem der Frage gewidmet habe, "wie es zu Geschöpfen wie mir gekommen ist".
Während sie in "Mutter Natur" die von Darwin und seinen "Söhnen" lange vernachlässigte weibliche Seite der Evolution rekonstruiert und "die Kombination von Liebe und Ambivalenz auf der mütterlichen Seite der menschlichen Elterngleichung" analysiert hat, konzentriert sie sich in ihrem neuen Buch "Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat" auf das "schwankende Engagement von Vätern und auf die Rolle, die die kooperative Aufzucht bei der Evolution dieser fakultativen Fürsorge spielte". Denn, so ihre Hypothese: Schon lange vor der Entstehung des Homo sapiens waren Mütter nicht nur auf die Erzeuger, sondern auch auf andere "Alloeltern" in Form von Vätern, "zusätzlichen" Vätern, Großmüttern, Geschwistern, Onkeln, Cousinen oder Nachbarn angewiesen, um ihren sich unvergleichlich langsam entwickelnden, unvergleichlich kostspieligen Nachwuchs aufziehen zu können.
Deswegen stehen nicht, wie noch immer mit dem Begriff Evolution vorrangig assoziiert, Konkurrenz und Aggression im Fokus ihrer Aufmerksamkeit, sondern die Kooperation innerhalb der Gruppe, die Schenkbereitschaft und "Hypersozialität" des Menschen, die Blaffer Hrdy im Eingangskapitel eindrücklich anhand eines vollgestopfen Flugzeugs beschreibt, in dem sich die Passagiere nicht gegenseitig zerfleischen, sondern mit Höflichkeit und Rücksichtnahme begegnen, die, wie sie meint, evolutionär gesehen schwerer zu verstehen seien als antisoziale Verhaltensweisen.

Ausgangspunkt bildet die Frage, weshalb sich Empathie und die Fähigkeit, die Absichten anderer zu verstehen, bei bestimmten Menschenaffen besonders stark entwickelt haben – bei anderen, etwa unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, hingegen nicht. Während Schimpansenmütter ihre Babys niemals aus der Hand geben und im Schnitt alle sechs, Orang-Utans sogar nur alle acht Jahre trächtig werden, pflanzen sich Menschen, die unter allen Menschenaffen die größten, sich am langsamsten entwickelnden und ungewöhnlich spät ins reproduktionsfähige Alter kommenden Nachkommen hervorbringen, am schnellsten fort. "Diese Hyperfertilität setzt voraus, dass Mütter in den Populationen unserer Vorfahren auf alloelterliche Unterstützung zählen konnten." Alloeltern waren auch deswegen überlebenswichtig, weil das Fürsorgeverhalten menschlicher Väter schon immer wenig verlässlich war. "Ohne Verwandte und Als-ob-Verwandte (…) hätten es im Pleistozän nur wenige Kinder ins Erwachsenenalter geschafft." Da die noch nicht sesshaft gewordenen Homininen vor etwa 1,8 Millionen Jahren nicht, wie viele Menschenaffen heute noch, nur eine Bezugsperson hatten, sondern die Fähigkeit entwickeln mussten, in den Gesichtern von wechselnden Betreuern zu lesen und zu verstehen, welche Absichten sie hegten, wurden ihre kognitiven Fähigkeiten, so Blaffer Hrdy, in Richtung mehr soziale Intelligenz (und damit einhergehend auch Hirnmasse) selektiert.
Dass das menschliche Gehirn auf Intersubjektivität abgestimmt ist und nicht vorrangig auf "machiavellistische" Intelligenz, also rücksichtslose Durchsetzungskraft, hängt also eng mit diesen Aufzuchtbedingungen zusammen, die sich auch bei anderen, weniger nah verwandten Tierarten finden wie den Elefanten, Nacktmullen oder Krallenaffen. Aber nur in der "beispiellosen Kombination" Menschenaffe und kooperative Aufzucht konnten die Evolutionsdrücke, denen die Homininen auf dem Weg vom Homo erectus zum Homo sapiens ausgesetzt waren, diese weitreichenden Folgen entwickeln. "Ohne Alloeltern hätte es nie eine menschliche Spezies gegeben."

Dass die Bedeutung anderer Bezugspersonen als der Mutter so lange übersehen werden konnte, wertet Blaffer Hrdy als Paradebeispiel ideologisch bedingter wissenschaftlicher Blindheit. "Vor vielen Jahren schrieb Darwin, nicht falsche Ideen würden den wissenschaftlichen Fortschritt behindern, sondern ‚falsche Tatsachen'." Dazu gehört nach Blaffer Hrdy der lange Zeit selbstverständliche, aber wissenschaftlich nicht haltbare Vergleich zwischen Menschen und Schimpansen, die aufgrund anderer Aufzuchtbedingungen nicht die geeigneten Modelle sind, um Sozialverhalten und Kinderfürsorge der Homininen zu rekonstruieren, sondern eher Wildbeuterkulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Zudem verhinderte die Fixierung der Ethnologen auf die mütterliche Versorgung, dass ergänzende Formen der Kinderfürsorge überhaupt wahrgenommen wurden. Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Veränderung des Blickwinkels spielte die verstärkte Teilnahme von Frauen an der Forschung, die, angefangen mit Jane Goodall, durch empathischere Formen der Beobachtung zu neuen Erkenntnissen gelangten.
Aber auch die "harten Fakten" erwiesen sich bei Betrachtung aus neuen Blickwinkeln als unhaltbar. So führte die Neuauswertung alter ethnologischer Daten seit den 90er-Jahren zu erheblichen Korrekturen bei der Erfassung von Residenzmustern (etwa, ob eine Familie in der Sippe des Mannes oder der Frau lebte oder flexibel war), Familienzusammensetzungen und Formen der Kinderbetreuung in Wildbeuterkulturen. Befunde von Humanverhaltens­ökologen und Soziobiologen Ende des 20. Jahrhunderts zeigten, dass in diesen Kulturen mit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit die Unterstützung durch Alloeltern "von zentraler Bedeutung für das Überleben von Kindern" und den Fortpflanzungserfolg der Gruppe waren. Dass dabei Großmütter eine entscheidende Rolle spielen, hat sich in den letzten Jahren herumgesprochen.
Auf gut 400 Seiten (Anmerkungen und Register kommen auf zusätzliche 130 Seiten) zeichnet Blaffer Hrdy die Entwicklung der Forschung nach und argumentiert ihre Hypothese, dass die Evolution des Menschen ohne Alloeltern anders verlaufen wäre, in einer angenehm umsichtigen, differenzierten, sachlichen Weise. In überzeugend angelegten Kapiteln mit Titeln wie "Weshalb ein Dorf notwendig ist" oder "Lernen Sie die Alloeltern kennen" gibt sie anhand von zahllosen Beispielen aus noch existenten Wildbeutergesellschaften wie den Hadza in Tansania oder Ju/'hoansi in Namibia sowie aus dem Tierreich von Löwen über Erdmännchen bis zu Buntbarschen und Bienen einen Überblick über Varianten der kooperativen Aufzucht und deren Einbettung in das Tierreich.

Überraschend an diesem lesenswerten Buch sind allerdings die Schlussfolgerungen auf den letzten 15 Seiten. Im Gegensatz zu Debatten-Trendsetter Jeremy Rifkin, der kürzlich in "Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein" (2009) ein positives Fazit aus dem besonderen Einfühlungsvermögen des Menschen im Hinblick auf die fortschreitende Globalisierung gezogen hat, sehen diese nämlich überraschend pessimistisch aus. Von einer Autorin, deren Bücher als erfrischende Korrektive zu Klischees von der Naturgegebenheit des Mutterinstinkts ("Mutter Natur") und der Kernfamilie ("Mütter und andere") gelesen werden können, und die immer wieder betont, dass Flexibilität ein Kennzeichen der menschlichen Familie war und ist, hätte man sich in diesem Zusammenhang ein Plädoyer für neue, kreativere und flexiblere Formen der alloelterlichen Kooperation in Zeiten der vielbeklagten Auflösung der Kernfamilie aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kindern erwartet.
Stattdessen wartet Blaffer Hrdy mit Sorgen um die Zukunft unserer Spezies auf, die sie daraus ableitet, dass sich Empathie und wechselseitiges Verstehen nur unter bestimmten Aufzuchtbedingungen entwickeln. Im Pleistozän seien Eltern und andere Verwandte danach selektiert worden, wie gut sie auf lebensbedrohliche Risiken reagierten. Jedes Kind, das überlebte, habe "automatisch ein Gefühl emotionaler Sicherheit" erworben. Das sei heute nicht mehr der Fall, vor allem in "Bevölkerungsgruppen, die ein hohes Risiko für Missbrauch und Vernachlässigung tragen" und wo bis zu 80 Prozent von Kindern an einer "desorganisierten/hochunsicheren Bindung" leiden – und die sich doch reproduzieren. Weswegen Blaffer Hrdy Zweifel anmeldet, ob das über hunderttausende von Jahren entstandene Interesse daran, sich in mentale Zustände anderer hineinzuversetzen und sich mitzuteilen, nicht schwinden oder gar verschwinden könnte.
Zum Glück kann man ihr Buch auch mit Gewinn lesen, ohne sich diesen Schlussfolgerungen anzuschließen.


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