Im Auktionshaus der Relikte einer vergangenen Liebe

"Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck" von Leanne Shapton, Rebecca Casati

Matthias Dusini
FALTER 10/2010

Anzeige


Leanne Shapton erzählt eine Lovestory in Form eines Kataloges mit einst erotisch und emotional aufgeladenene Objekten

Schon der mehrzeilige Titel des Buches verrät die Absicht der Autorin, mit literarischen Kategorisierungen zu spielen: "Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck." Nicht die "seltsamen Abenteuer" des Seemanns Robinson Crusoe, wie es im endlosen Titel von Daniel Defoes berühmtem Roman heißt, sind die Sujets dieses Buches, sondern Objekte des privaten Gebrauchs, in denen gleichwohl so viel narratives Potenzial steckt, dass sie die Geschichte ihrer vormaligen Eigentümer zu erzählen vermögen.

Als Leanne Shapton vor drei Jahren anlässlich der Versteigerung des Nachlasses von Truman Capote im Auktionskatalog blätterte, schien es der auch als Illustratorin und Verlegerin tätigen New Yorker Autorin, als würde sie in einer Autobiografie lesen. Also machte sie sich daran, einen fiktiven Auktionskatalog anzulegen, der mit über 300 Exponaten beschreibt, was von der Beziehung eines New Yorker Paares, Leonore und Harold, übriggeblieben ist: Fotos, Postkarten, CDs, Kleider.
Postkarten erotischen Inhalts werden ausgetauscht, Liebeserklärungen auf Kinozettel gekritzelt, als sich das Paar im Jahr 2002 kennenlernt. Dass die beiden der gebildeten Mittelschicht angehören, ist schwer zu übersehen. Er berichtet aus London von einer Vernissage in der Tate Modern, aus der er in einen Saal mit pornografischen Bildern von Balthus flüchtete: "Stellte mir vor, Du stündest neben mir und wir betrachteten sie gemeinsam."
Sie wiederum schenkt ihm Mix-CDs mit Nummern der Indierock-Helden Yo La Tengo und Silver Jews. In einem auf Briefpapier der New York Times geschriebenen Brief berichtet sie, sie arbeite an einer ­Geschichte über handwerklich hergestellten Balsamicoessig. "Deine Buttercreme­schritte."
Die Autorin wählte für ihre Liebesgeschichte eine Form, die auch das Material einer ethnografischen Untersuchung sein könnte. Objekte symbolisieren die Anwesenden, aber auch die Standeszugehörigkeit. So entsteht das Porträt von zwei Konsumbürgern, die auch über musikalische Vorlieben und misslungene Soufflés in Konflikt geraten können. Der Herrenkulturbeutel mit ungefähr 200 Salben, Pillen und Wässerchen ist ein Indiz dafür, dass die umfassende Kuratierung des Selbst längst kein Privileg von Wall-Street-Yuppies wie Patrick Bateman ist, der in Bret Easton Ellis' Roman "American Psycho" (1991) die Edelmarkeninnenwelt eines Serienmörders offenbart.

Ein wenig Nostalgie stellt sich beim Betrachten dieses intimen Museums schon ein: Die materielle Kommunikation – durch Briefe, Postkarten und Zettel – scheint hier noch intakt, der Selbstausdruck noch nicht in die Alben digitaler Social Networks verlagert worden zu sein. Bei der analogen Hasselblad-Kamera mit einem Rufpreis von 400 Dollar würde man am liebsten mitsteigern.
Nach der x-ten Helmut-Lang-Hose, dem x-ten Tiffany-Schlüsselanhänger und Losnummer 186, zwei Flaschen Château Calon-Ségur, beginnt man die sich anbahnende Krise der beiden allerdings schon mit leichter Schadenfreude zu registrieren. Im Mai 2005 schreibt sie an ihn: "Ich kann es nicht fassen, dass Du angeblich keinen Kuchen mehr sehen kannst. Damit verdiene ich meinen Lebensinhalt, und Deine Worte haben mich tief verletzt."

Leanne Shapton greift auf ein Verfahren zurück, das seit dem Surrealismus zum Repertoire der bildenden Kunst gehört. Die Pariser Avantgardisten suchten auf den Flohmärkten nach unscheinbaren Dingen, die ihre Schönheit entfalteten, weil sie aus ihrem Gebrauchszusammenhang gerissen wurden. Ins Layout eines Auktionskatalogs eingespannt, verlieren die gezeigten Objekte aber ihren surrealen Glanz; die Erzählung stockt und wird selbst zum Ready-­made, dem man indifferent begegnet, wie ein Flaneur auf dem Flohmarkt einem alten Regenschirm. Die indexiert verbürgte Fiktion laboriert nämlich an einem logischen Grundfehler: Kein Auktionshaus würde auf die Idee kommen, den Krempel zweier Unbekannter zu versteigern.
PS: Bei Nummer 1332, getrockneten vierblättrigen Kleeblättern, gepresst und aufbewahrt von Leonore, muss man dann doch ein Tränchen zerdrücken.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • TEUBNER Handbuch Vegetarisch

    Zutaten - Küchenpraxis - Rezepte Das Frühjahrsangebot an Kochbüchern beschränkt sich aufs Einfache, oft auch allzu Einfache Anliegen dieser Rubrik ist es, Trends zu identifizieren...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 10/2010
  • Das vergessene 20. Jahrhundert

    Die Rückkehr des politischen Intellektuellen Geistesgeschichte: Tony Judt erinnert an das 20. Jahrhundert, den Kommunismus und "die Intellektuellen" Wer heute jünger als 40 ist, hat den...
    Rezensiert von Erich Klein in FALTER 10/2010
  • Mütter und Andere

    Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat Sarah Blaffer Hrdy erforscht den Einfluss der kooperativen Aufzucht auf die Entstehung des Menschen Die meisten Menschen wollen vor allem herausfinden,...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 10/2010
  • Bodies

    Schlachtfelder der Schönheit Die bekannte britische Psycho­analytikerin Susie Orbach nimmt den Körper­fetischismus unter die Lupe Jeder, der einen Internetzugang besitzt,...
    Rezensiert von Julia Kospach in FALTER 10/2010
  • Mutter Natur

    Die weibliche Seite der Evolution Sarah Blaffer Hrdy erforscht den Einfluss der kooperativen Aufzucht auf die Entstehung des Menschen Die meisten Menschen wollen vor allem herausfinden,...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 10/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 10/2010

Anzeige

Anzeige