Sprung ins Leben, Sturz in den Tod

"Der letzte Badegast" von Hugo Ramnek

Julia Zarbach
FALTER 10/2010

Der letzte Badegast
Hugo Ramnek
Wieser Verlag 2010
€ 18,80

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Der Sprung als Metapher für das Erwachsenwerden inspiriert Autoren wie Buchgestalter gleichermaßen

Die Jugend: eine Zeit der verdichteten Empfindungen, in der die ­großen Gefühle zwischen Selbstzweifel, Sehnsucht, Rausch und Grenzgang Premiere haben und Sprünge ins kalte Wasser des Lebens gewagt werden müssen. Nicht ohne Grund findet sich das Sujet von Springenden oft auch in Büchern, die ihren halbwüchsigen Protagonisten auf dem schwierigen Weg durch die Pubertät folgen.

Kurz vor dem Absprung, im freien Fall oder beim Eintauchen ins Wasser: Die Buchcover verweisen auf jenen Zustand des Dazwischen, in dem sich die jungen Helden an der Grenze von Kindheit und Erwachsensein bewegen und dabei letztendlich ziemlich auf sich allein gestellt sind. In den vier hier besprochenen Werken, die allesamt mit der Ikonografie des Sprungs arbeiten (und übrigens keineswegs als Jugendbücher gelten können), sind die Eltern eher ab- als anwesend.
Thomas Langs Protagonist Jan Bodenlos etwa verurteilt die Beziehung seiner Eltern als gescheiterte, bürgerliche Farce. Die ehemals schwerkranke Mutter und der am Sohn desinteressierte Vater überlassen Jan dem Unverstandensein, hohen, nicht verwirklichbaren Idealen und der ersten, unerfüllten Liebe.
Gleich zu Beginn des Buches leitet Jans Sprung vom Zehnmeterbrett eine Lebensphase ein, in der er wahrlich keinen Boden unter seinen Füßen mehr gewinnen wird: "Zur milden Euphorie des Falls kam jetzt der Schwindel; er wusste nicht mehr, in welche Richtung es zurück an die Oberfläche ging, er rollte weiter, bis ihm die Luft ausging, er panisch die Augen öffnete, den blauen Himmel nicht mehr vom blauen Grund des Beckens unterscheiden konnte."
Im Debütroman der Irin Nicola Keegan flüchtet die junge Pip aus Kansas vor ihrer abweisenden Familie in den Schwimmsport, der ihr Ablenkung von der überforderten Mutter und der Strenge des Vaters verschafft.
Ihr tägliches Training wird zur obsessiven Kompensation für mangelnde Zuneigung, das Schwimmbecken zum Ort der Verdrängung: "Stan greift nach der ­Trillerpfeife. Ich folge ihrem Klang, genieße die uralte Technik, alle Gedanken ­auszulöschen, die Ohren mit Wasser zu verschließen, mit einem Druck, der ein ­angenehmes, vibrierendes Summen erzeugt."

Von Autoritäten, seien es die Eltern, sei es die Religion, erfahren die Protagonisten keinerlei Unterstützung. Ist der Katholizismus bei Nicola Keegan lästige Pflicht, so ist der Islam in Alan Drews "Die Wasser des Bosporus" eine Disziplinierungsinstanz: Írem, ein junges, kurdisches Mädchen – bloß ein Mädchen –, leidet unter den ­strengen Glaubensgrundsätzen des Elternhauses, während ihr jüngerer Bruder den ­Lebensmittelpunkt der Familie darstellt. Im Unterschied zu Írem wird der "kleine Pascha" durch den Initiationsritus der ­Beschneidung in die Gesellschaft der ­Erwachsenen eingeführt. Ihre erste
Periode hingegen ist für Írem bloß ein als beschämend empfundenes Ereignis. Nur am Wasser, am Meer, findet sie ein Refugium und Raum für die Entdeckung der eigenen Sexualität.

Das Wasser als sinnliches und zugleich gefährliches Element spielt auch in Hugo Ramneks Prosadebüt "Der letzte Badegast" eine bedeutende Rolle. Hier ist es ein See, der sowohl Ort der Zuflucht als auch Schauplatz von tragischen Unfällen ist: Der Vater des Protagonisten, der sich auf den Grund des Sees sinken lässt, um vor seiner Frau zu flüchten ("Da drunten ist es viel friedlicher als sonst wo auf der Welt"), wird später dort ertrinken – ein Badeunfall unter vielen.
Und auch bei Alan Drew ist das Wasser nicht nur mit Stille und Kontemplation ­assoziiert, sondern auch mit Flucht und Tod. Der Sprung von der Brücke erscheint Írem als letztmöglicher Ausweg aus einer verbotenen Liebe: "Es sah so aus, als könnte sie fallen und fallen bis in alle Ewigkeit. Dann ließ sie los und war einen Moment tatsächlich schwerelos, fiel taumelnd nach unten, wie ein Vogel mit gekappten Schwingen."
Der Sprung ins Wasser wird in den ­genannten Büchern nicht so sehr als erste Bewährungsprobe der jugendlichen Protagonisten auf dem Weg ins Erwachsenenleben dargestellt, sondern vielmehr mit ­einem Sturz ins Chaos und in den Tod verglichen: "Denn Schwimmen ist eine Vorform des Untergehens", heißt es bei Ramnek – eine Passage, die durchaus symptomatisch dafür steht, wie sehr in den genannten Werken mit dem Tod geliebäugelt wird.
Die Frage, ob es nicht besser wäre, das Zeitliche zu segnen, bevor die Wirklichkeit einen gänzlich überrollt, stellt sich die Schwimmerin Pip nach ihrem frühen Karriere-Aus ebenso wie Jan Bodenlos, nachdem seine einzige Bezugsperson gestorben ist. "Schließ dich an. Du musst nicht warten. Du wirst nicht bereuen", ziehen suggestive suizidale Gedanken durch seinen Kopf.

Das Bild von der Jugend, das die vier Romane zeichnen, ist eines des Versinkens und der Verlorenheit in einem Meer der Gefühle. Die ähnliche Covergestaltung scheint im Vergleich mit dem Inhalt der einzelnen Werke fast euphemistisch: Denn der Sprung ins Wasser hat in ihnen den Reiz der Unbeschwertheit gänzlich verloren. Jugend ist ein schmerzhafter Kampf, der keinen Stillstand erlaubt: "Unsere Welt ist eine Welt, in der die Zeit in Errungenschaften gemessen wird: Unsere Welt ist eine Welt, in der die Zeit schlicht ausgeübter Bewegung entspricht", stellt Pip fest und begrüßt damit eine Phase, in der das Warten auf den Sinn des Lebens mitunter ziemlich lange dauern kann.


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