Der Geburtstag einer gekränkten Nation

"Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert" von Hans Woller

Matthias Dusini
FALTER 11/2010

Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert
Hans Woller
C.H.Beck 2010
€ 27,80

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Der italienische Staat begeht seinen 150. Geburtstag. Am 17. März 1861 rief Viktor Emanuel II. in Turin das Königreich Italien aus. Zum Feiern ist der Nation freilich nicht zumute. Die Regierungspartei Lega Nord möchte einen eigenen norditalienischen Staat. Ministerpräsident Silvio Berlusconi steht demnächst wegen des Umgangs mit einer minderjährigen Prostituierten vor Gericht. Er erklärte den 17. März per Dekret zum Feiertag, sonst wäre die nationale Rückbesinnung wohl noch spärlicher ausgefallen.
Der Münchner Zeithistoriker Hans Woller legt einen fundierten Überblick über die italienische Geschichte im 20. Jahrhundert vor. Ein Resümee dieses Gangs durch zahllose politische Auseinandersetzungen könnte lauten: Es war nie anders. Und: Eine grüblerische Nation ist besser als eine stolze. Benito Mussolini rief in den 1930er-Jahren das Neue Römische Imperium aus. Der Preis waren durch das italienische Militär angerichtete Genozide in Libyen und Äthiopien.
Der Autor richtet seine Aufmerksamkeit auf die wenig bekannte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Er beschreibt die Motive dafür, dass ein in viele Sprachen und Kulturen zersplittertes Land allmählich der Rhetorik eines Großitaliens verfallen konnte. "Der Nationalismus hatte in Italien als organisierte Kraft lange Zeit überhaupt keine Rolle gespielt."
Die Entscheidung, die historische Zäsur nicht mit dem Ersten Weltkrieg zu setzen, hilft dabei, die große Modernisierungsphase um 1900 ins Blickfeld zu bekommen. Da expandierte die Industrieproduktion; es begann die Geschichte des Großkonzerns Fiat. Der Ministerpräsident Giovanni Giolitti wird als Reformer mit nüchternem Realitätssinn geehrt. "Er wollte das rückständige Italien auf dem Weg der Modernisierung voranbringen – vor allem für die in fast sklavischer Unmündigkeit lebenden unteren Schichten", lautet Wollers Urteil über einen Politiker, der heute als Zauderer und Taktierer gilt.
Die Verarmung der Bevölkerung, der Verfall des Bildungswesens und die Wirtschaftskrise nagen heute am Selbstwertgefühl. Irgendwie beruhigend: Die Therapie ist diesmal nicht der Nationalismus.


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