Die langen Schatten islamischer Geheimdienste

"Schattenarmeen" von Wilhelm Dietl

Marion Bacher
FALTER 15/2010

Schattenarmeen
Die Geheimdienste der islamischen Welt
Wilhelm Dietl
Residenz - 2010
21,90

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Wilhelm Dietl seziert die Arbeit nahöstlicher Geheimdienste. Dabei vergisst er leider, westliche Kollaborateure zu erwähnen.

Wie ein Herzinfarkt hätte der Tod des Hamas-Funktionärs Mahmud al Mabhuh in Dubai aussehen sollen. Im Zimmer 237, im DAl-Bustan-Rostana-Hotel. Die Geheimagenten, die den Waffenschmuggler der radikalislamischen Hamas am 19. Jänner ermordeten, hatten ihre Rechnung jedoch ohne Dahi Khalfan Tamim gemacht. Der Polizeichef des Emirates Dubai veröffentlichte Namen und Fotos von elf Verdächtigen und beschuldigte den israelischen Geheimdienst Mossad.

Steckt hinter dem Mord wirklich der Mossad? Diese Frage bewegte am 22. Februar in der Wiener Buchhandlung Kuppitsch so manches Gemüt. Der Journalist und ehemalige Bundesnachrichtendienstagent Wilhelm Dietl saß ein wenig gebückt vor rund 50 Interessierten. "Wenn es die Israelis waren, dann war es nicht der Mossad alleine, sondern ein Joint Venture der drei großen Geheimdienste", sagte er in leicht bayrisch eingefärbtem Hochdeutsch und zählt sie auf: Auslandsgeheimdienst Mossad, Militärgeheimdienst Amman und Inlandsgeheimdienst Shin Bet.
Wilhelm Dietl war an jenem Donnerstag jedoch nicht wegen Interviews über den Mord gekommen, sondern um sein neuestes Buch "Schattenarmeen" vorzustellen. Die geheimen Armeen islamischer Regimeführer dienen anders als westliche Geheimdienste nicht dazu, Staat und Bürger zu schützen, sondern ausschließlich die bestehenden Gegebenheiten einzubetonieren. Dietl spannt in seinem Buch den Bogen von Muammar al-Gaddafis dilettantischer Garde zu den hoch intelligenten Geheimdiensten des Mullahregimes im Iran. Eine Eigenschaft, sagt er, eint die so unterschiedlichen Handlanger: ihre Grausamkeit.
Ausführlich und detailverliebt seziert Dietl Geheimdienstaktionen wie den Mord am libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafiq Hariri 2005, die Kurdenmorde im griechischen Restaurant Mykonos in Berlin 1991 oder den Flugzeugabsturz der "PanAM 103" über der schottischen Stadt Lockerbie 1988. Er verzichtet dabei auf Anonymität. Geheimagenten, Opfer, Lockvögel. Manchmal geht er so sehr ins Detail, dass der Leser weiß, bei welcher Tür er klingeln müsste. Informationen, die zeitweise sogar den Blick aufs Wesentliche versperren.
Woher Dietl all diese Informationen hat? Neben seiner jahrzehntelangen journalistischen Tätigkeit, etwa für die Süddeutsche Zeitung oder das Nachrichtenmagazin Focus, machte Dietl zwischen 1982 und 1993 einen Abstecher in die Parallelwelt der Geheimdienste. Der Bundesnachrichtendienst (BND) heuerte den damals 27-jährigen Bayern an. Unter dem Decknamen "Dali" trug Dietl Informationen aus Ländern in Nordafrika bis Ostindien zusammen. Rund ein Jahrzehnt später war das Arbeitsverhältnis zu Ende, nicht jedoch der Kontakt zu BND-Funktionären.
Als öffentlich wurde, dass der BND jahrelang Journalisten bespitzeln hatte lassen, geriet auch Dietl 2006 ins Kreuzfeuer der Medien. Er soll Kollegen beim Focus ausspioniert haben. Während Dietl den Vorwurf stets zurückwies, distanzierte sich der BND nicht ausdrücklich davon. Die Rache des angeschwärzten Journalisten ließ nicht lange auf sich warten. In seinem Buch "Deckname Dali. Ein BND-Agent packt aus" schrieb Dietl über seine Zeit beim Dienst.

Eine Stadt, die im Buch häufig Erwähnung findet, ist Wien. 17.000 Diplomaten arbeiten für hochkarätige internationale Institutionen. Das Grazer Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) schätzt, dass rund die Hälfte der in Wien ansässigen Diplomaten Verbindungen zu Geheimdiensten hat. Viele davon sind den Behörden bekannt. Doch die Mentalität der Diskretion und Diplomatie – man will es sich ja nicht mit Handelspartnern wie etwa dem Iran verscherzen – ist nicht förderlich für die Aufklärung von Verbrechen.
Wilhelm Dietl hat sich viel Platz und Zeit genommen, um Ereignisse wie den Überfall auf die Opec-Zentrale 1975 oder die Kurdenmorde in Wien im Jahr 1989 zu beschreiben. Selten lässt er andere zu Wort kommen wie etwa den Sicherheitssprecher der Grünen, Peter Pilz, der sich mit den Kurdenmorden in Wien auseinandergesetzt hat. "Terroristische Regime wie das in Teheran brauchen Regierungen wie die in Wien, um überleben zu können", lautete die These von Pilz. Der Autor kommentiert solche Aussagen nicht. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Mitverantwortung westlicher Staaten an Auftragsmorden durch islamische Geheimdienste findet kaum statt. So bleibt nach der Lektüre trotz der Informationsfülle doch der Eindruck von Unvollständigkeit.


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