Der schnellen Pointe sollst du misstrauen!

"Das andere Gestern" von Alfred P Schmidt

Paul Pechmann
FALTER 15/2010

Das andere Gestern
Alfred P Schmidt
edition keiper 2010
€ 17,60

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In seinem neuen Roman "Das andere Gestern" schickt der Grazer Autor Alfred Paul Schmidt sein Alter Ego in den Ruhestand

Mit den Krimis hab ich nur mein Geld verdient. Aber mit Herz und Hand bin ich gescheiterter Schriftsteller", weiß die Hauptfigur des Romans "Das andere Gestern" über sich zu berichten. Auch dessen Autor Alfred Paul Schmidt verdankte sein finanzielles Auskommen lange dem Medium Fernsehen, das er mit unzähligen Spielvorlagen für diverse Serien wie "Tatort", "Eurocops" oder "Stockinger" belieferte. Und ebenso wie jener Lukas Feistritzer hat der 1941 geborene Schmidt mit dem Drehbuchschreiben in einem Alter aufgehört, in dem ein Durchschnittsbürger in Pension geht. Im Roman jedenfalls wird ein triftiger Grund für den Rückzug aus dem TV-Geschäft genannt – "wo's viel Geld gibt, gibt's naturnotwendig auch viele Trotteln".
Seinem Dasein Sinn zu verleihen versucht der 55-jährige Lukas fortan durch das Ausleben seiner liebsten Freizeitbeschäftigung: das Nachdenken. Dank seiner besonderen Beziehung zum Alkohol und eines ausgeprägten Bedürfnisses nach Konversation begegnet er bald Gleichgesinnten, mit denen er Freundschaft schließt: dem Taxifahrer und ehemaligen Versicherungskeiler Franz, dem verkrachten Psychologen und Nebenerwerbsbaggerfahrer Per sowie der kaufsüchtigen Erbin Hemma, die letztlich ihre berufliche Befriedigung in der Behindertenbetreuung findet.
Die vier recht unterschiedlichen Charaktere hält ein Gleichklang in der Lebenshaltung zusammen: Alle kultivieren sie auf ihre Art den Gestus des siegreichen Scheiterns gegenüber gängiger "Zwangsnormalität". Und schließlich verbindet sie auch der Eros miteinander: Hemma zunächst mit Lukas, der diese allerdings an Franz verliert, nachdem sie ihm offenbart, dass sie eigentlich alle drei Männer haben will. Nachdem Franz mit dem Motorrad tödlich verunglückt, übernimmt Per die von Franz schwangere Hemma. Als dieser wiederum unheilbar an Krebs erkrankt, schlägt er Lukas vor, er solle allenfalls doch eine Familie mit Hemma samt Kind gründen.

Diese verquere Geschichte erfährt der Leser aus den Gesprächen der vier, aus denen das Buch im Wesentlichen besteht. Die Dialoge wirken streckenweise merkwürdig gespreizt, besonders die Reden des Schriftstellers scheinen vom Zwang beherrscht, für alles und jedes ein Bonmot prägen zu müssen. Nicht unzutreffend bezeichnet er seine Äußerungen als "Kunst geschwollenen Daherredens". Aus dem quälenden Bemühen, aus jedem noch so banalen Stoff einen originellen Gedanken herauszupressen, versucht er eine chaotische, durch den Zufall und das Unbewusste regierte Welt sprachlich immerhin in den Griff zu bekommen. Dabei zerfließt das Gespräch schon einmal zum Gewäsch, wobei Lukas die Überzeugung ausspricht, dass sich auch aus dem Schwachsinn "die schönsten Klugheiten herausziehen" lassen.
Mehr noch als um die verkorksten, zwischen präziser Milieuschilderung, heiterem Bezirksgericht und affektiertem Kitsch angesiedelten Erzählungen aus der erfundenen Stadt Schenn, deren Schilderung deutlich an Graz erinnert, ist es dem Autor in seinem "Schatzkästlein für alles und jedes" um Formen des sprachlichen Umgangs mit der Welt zu tun. Da misstraut jemand, der selbst 22 Jahre lang die Kleine Zeitung mit Aphorismen beliefert hat, zutiefst der Treffsicherheit der schnell hingeworfenen Pointe. Als vorformuliertes Resümee lässt der sogenannte geistreiche Ausspruch ein tieferes Durchdringen des jeweiligen Gegenstandes für obsolet erscheinen. Im Roman gibt es deren Dutzende zu ebenso vielen Themen, wie etwa zur Xenophobie, zur Willensfreiheit, zur Demokratie und Demut bis hin zum Kartenspielen oder zur Libido von Krankenschwestern.
Wie gedanklicher Geziertheit und sprachlicher Wichtigtuerei mit deren eigenen Mitteln der Garaus zu machen ist, führt Alfred Paul Schmidt in "Das andere Gestern" mit dem für ihn typischen ironischen Augenzwinkern vor.


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