Pizza, Mord und Vorstadtelend

"Zehn" von Andrej Longo

Matthias Dusini
FALTER 21/2010

Zehn
Andrej Longo
Eichborn 2010

Anzeige


Neapel wirkt auf den mülltrennenden Mitteleuropäer wie ein Märchen, in dem die Hexe die Prinzessin besiegt hat. Man denkt an einen pittoresken Fischerhafen und romantische Sonnenuntergänge und sieht stinkende Autoschlangen zwischen barocken Palazzi und Müll neben griechischen Säulen.
Der Marktplatz, wo einst Waren aus aller Welt ausgebreitet wurden, ist heute leer, der Blick auf den Hafen von einem Wohnblock verstellt, den ein korrupter Bürgermeister in den 50er-Jahren in den Himmel wachsen ließ. Erbarmungslos brach die Zementmoderne über diese Stadt herein.

Auf der Piazza Mercato steht an einem kühlen Märztag der Schriftsteller Andrej Longo mit einer Gruppe von Journalisten, die sein deutscher Verlag anlässlich der Übersetzung des Buches "Zehn" hierher brachte, und schweigt. Das Wort führt ein in Neapel lebender, deutscher Journalist, der erklärt, was man alles berücksichtigen müsse, wenn man über diese Stadt ­schreiben will: den auf diesem Platz 1268 geköpften, deutschen Prinzen Konradin, den Revolutionär Tommaso Masaniello, der am Platz wohnte, und die Bourbonenherrscher, die jedes bürgerliche Aufbegehren unterdrückten. Was habe die einst so reiche Stadt in den letzten 200 Jahren nicht alles erleiden müssen. Zuletzt auch noch Roberto Savianos fragwürdigen Bestseller "Gomorrha" über das organisierte Verbrechen, der das Image der Stadt beschädige.
Der Schriftsteller Andrej Longo steht etwas abseits, versteht ein paar Brocken von dem, was der Journalist sagt; er hat an der Hotelfachschule etwas Deutsch gelernt. Leise gibt er zu bedenken, dass die aristokratische Vergangenheit wenig mit der Gegenwart Neapels zu tun habe. Masaniello? Ein Einzelkämpfer! Und auch an das aufgeklärte Bürgertum möchte der Schriftsteller nicht so recht glauben. "Die Revolutionen wurden immer von der Bourgeoisie niedergeschlagen."
"Dank Saviano redet die Welt endlich über die Zustände in Neapel", zollt Longo dem berühmten, von der Camorra zum Tod verurteilten Kollegen Respekt. Nur mit dessen Pathos der Revolte ist er nicht einverstanden. Wen sollten sich die jungen Leute in den von der Verwaltung vergessenen Vororten, Wohnwüsten ohne Kneipe und Kino, denn zum Vorbild nehmen, um dem Sumpf von Drogen und Kriminalität zu entkommen? Longo spricht so, als wollte er nicht widersprechen. Das große Wort ist nicht sein Beruf, sondern das Zuhören und Beobachten.
Eigentlich ist Andrej Longo in Neapel selbst ein Tourist, stammt er doch von der Urlaubsinsel Ischia. Sein literarischer Durchbruch gelang ihm erst 2009, als der renommierte Adelphi-Verlag einen Band mit Kurzgeschichten publizierte. Es sind schneidend knapp gehaltene, dem Stil Hemingways und Raymond Carvers verpflichtete Storys über den neapolitanischen Alltag.
"Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht missbrauchen" handelt von einem Volkssänger, der einen mächtigen Gönner um Unterstützung seiner Popkarriere bittet. Er überschätzt seine Popularität und schlittert in einen Abgrund aus Koks und Schulden. Als menschliches Versuchskaninchen für Drogen wartet er auf den Tag, an dem der Stoff so schlecht ist, dass er sein unwürdiges Leben beendet.
Ein biblisches Gebot nach dem anderen wird pervertiert. "Du sollst Vater und Mutter ehren" endet damit, dass ein Bub seine todkranke Mutter erstickt. "Du sollst nicht töten" handelt von einem Killer, der mit seinem kleinen Sohn am Computer virtuelle Feinde umbringt. Die Geschichten werden aus der Sicht der Protagonisten erzählt, wie Stromstöße erlebt der Leser deren Schicksalsschläge.

In einer Welt, in der soziale Normen nichts gelten, heißt es, ständig auf der Hut zu sein: den Blick von Passanten richtig interpretieren; keinen Motorradhelm aufsetzen, denn sonst könnte man mit einem jener Teenager verwechselt werden, die vom Mofa aus Auftragsmorde begehen. Jede Geschichte, erklärt der Autor, gelange an den Punkt, an dem sich die Figuren ihrer Situation bewusst würden –  "auch wenn es oft zu spät ist". Seine jungen Leser sollen es anders machen. Wenn Saviano der Großschriftsteller des süditalienischen Unrechts ist, dann ist Longo dessen leiser Chronist.
Longo freut sich noch immer über die Wende in seinem Leben. Hinter ihm liegen zahllose Absagen von Verlagen, Jobs beim Rundfunk und in der Gastronomie. Im Sommer arbeitete er auch als Pizzabäcker. Geduldig beantwortet er Fragen nach dem Rezept für die berühmte neapolitanische Pizza (siehe Marginalspalte). Auch eine seiner Geschichten handelt von einem Pizzaiolo, der nach Rom zur Arbeit pendelt und seit Jahren von einem Urlaub träumt.
Im Restaurant unterhält sich Longo im Dialekt mit dem jungen Kellner. "Er kommt aus Secondigliano." Mit diesem Viertel assoziiert der Gomorrha-Leser und der Besucher des gleichnamigen Films kaputte Wohnburgen aus den 70er-Jahren, ein Gebiet, aus dem sich der Staat längst zurückgezogen hat und das Longo nur einmal in Begleitung eines dort wohnhaften Freundes besucht: "Wenn man sich nicht sehr gut auskennt, sieht man nichts. Es gibt nicht einmal eine Bar dort." Nun erzählt ihm der Bursche aus der Vorstadt, wie er täglich den weiten Weg hierher macht. Der Schriftsteller hört mit.

Über den Winter lebt Longo bei seiner Frau in Rom, Neapel besucht er regelmäßig. Er ist fasziniert vom Gewirr sozialer Gruppen, die in der Altstadt auf engem Raum miteinander leben. Der Reichtum verbirgt sich hinter bröckelnden Fassaden, die Armut äußert sich in viel zu dicken Kindern und den alten Gesichtern junger Frauen. Aus Sicht der Sozialwissenschaften sind solche Recherchen natürlich unbrauchbar. "Die Soziologie ist manchmal zu kalt und dringt nicht bis zum Kern der Dinge vor", erklärt der Autor, dem Einwurf begegnend, die Literatur verschleiere mit ihren Fiktionen die wahren Verhältnisse.
Ein weiterer Roman, ein Krimi mit dem Titel "Chi ha ucciso Sarah?", ist inzwischen erschienen. Plötzlich gewinnt Longo Literaturpreise, wird von Filmproduzenten angerufen und von Schulen und Kulturvereinen zu Lesungen eingeladen – vielfach ohne Honorar. Neulich habe er in einem Dorf im Umland von Neapel gelesen und musste dann mit den drei Kindern des Gastgebers in einem Raum übernachten. Und wieder hat der Erzähler sein Netz ausgeworfen.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige