Sei gut zu deiner Frau, deinem Haustier!

"Himmelsreise" von Necla Kelek

Sibylle Hamann
FALTER 22/2010

Himmelsreise
Mein Streit mit den Wächtern des Islam
Necla Kelek
Kiepenheuer & Witsch - 2010
19,50

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Seyran Ates und Necla Kelek, "die Gute" und "die Böse" im deutschen Integrationsdiskurs, eint die Analyse der Grundprobleme des Islams

Seyran Ates und Necla Kelek sind Deutsche mit türkischer Abstammung und muslimischem Religionsbekenntnis. Beide sind Kinder der ersten "Gastarbeiter"-Generation, die in den 60er-Jahren nach Deutschland zogen. Über Frauen mit türkischen Vornamen wird oft diskutiert dieser Tage, mit mitleidigem oder verächtlichem Unterton. Einmal prangert man ihre Sichtbarkeit an, das andere Mal ihre Unsichtbarkeit; einmal ihre Kleidung, das andere Mal ihre Unterdrückung. Sie sind zum Sinnbild für "das Fremde" geworden und taugen als Illustration sämtlicher Versäumnisse in der Integrationspolitik.
Seyran Ates und Necla Kelek sind vor einigen Jahren angetreten, diese Lücke im Diskurs zu füllen – und selber zu formulieren, was sich in Deutschland ändern muss. Ates, eine engagierte Rechtsanwältin, die nach mehreren Morddrohungen ihre Berliner Kanzlei schließen musste, tut das in verbindlichem, persönlichem Tonfall. Die Soziologin Kelek hingegen identifiziert ihre Gegner, nennt Namen, und scheut keine Gelegenheit zur Konfrontation.
Das hat den beiden Frauen in der deutschen Öffentlichkeit eine seltsame Rollenverteilung eingebracht: hier "die Brave", der jeder um Integration bemühte Politiker respektvoll zuhört; da "die Böse", deren Argumente allenfalls von Feministinnen zustimmend aufgegriffen werden – und am rechten, kulturkämpferischen Rand des publizistischen Spektrums.
Was dabei übersehen wird, ist das Inhaltliche: Da sagen beide Frauen, über weite Strecken, nämlich Ähnliches.

Im Zentrum des Problems sehen beide die muslimische Sexualmoral und die Autoritätshörigkeit sowie das verkrampfte, verlogene Verhältnis der Geschlechter, das sich daraus ergibt. Beide Autorinnen verwenden das Wort "Apartheid", um zu beschreiben, welche Regeln in den Parallelgesellschaften gelten.
Zu Recht: Männer und Frauen gelten, wie Islamgelehrte stets beteuern, nämlich als "gleichwertig, aber verschieden" – ähnlich haben auch die Verfechter der Rassentrennung immer argumentiert. Gleiche Rechte und das gleiche Recht auf Selbstbestimmung lassen sich aus diesem Ordnungsprinzip nicht ableiten. Eher Fürsorge nach der Art "Sei gut zu deinem Haustier!", wie Ates es formuliert. "Die Jungfräulichkeit gilt als Gradmesser dafür, wie ehrbar eine junge Frau ist – und damit die ganze Sippe", erklärt Ates. Der Kult um die weibliche Unberührtheit führe zu lückenloser Kontrolle über die Mädchen, zur Abkapselung vor dem westlich-kulturellen Umfeld, zu frühen Verheiratungen und oft auch zu Misshandlungen.
Ates wie Kelek finden es gleichermaßen unerträglich, dass die Mehrheitsgesellschaft solche Gewaltverhältnisse achselzuckend hinnimmt, verharmlost oder sogar, mit Hinweis auf "kulturelle Unterschiede", rechtfertigt. Wenn es um die Suche nach den Schuldigen geht, unterscheiden sich die beiden Autorinnen atmosphärisch allerdings deutlich.

Kelek sieht Absicht am Werk; eine strategisch geplante Landnahme durch jene Islamisten, die die Toleranz der europäischen Rechtsstaaten gezielt ausnützen. "Mangelndes bürgerliches Selbstbewusstsein" spürt sie in Deutschland und warnt: "Wenn wir den Bestrebungen der Islamvereine, ihr System der Scharia durchzusetzen, nicht Einhalt gebieten, nehmen wir die Entstehung einer anderen Gesellschaft in Kauf."
Diffamierender klingt es allerdings, wenn die Autorin Kelek dem türkischen Familienvater Osman ähnliche böse Absichten unterstellt.
1972 kam der als Fabriksarbeiter nach Deutschland. "Schon damals kursierten die abenteuerlichsten Tipps, wie man es zum Frührentner bringen konnte. Noch immer beherrscht er keinen ganzen deutschen Satz. Den Tag verbringt er in der Moschee, die er mitgegründet hat, spielt Karten, betet und wacht über seine Frauen." Man bekommt Wohngeld, Kindergeld, Hartz IV; Kelek empört, dass "manche die Gesellschaft, die ihnen ein solches Leben ermöglicht, auch noch verachten".
Selbstverständlich wird es Menschen wie Osman geben. Auch bei Ates kommen sie vor. In ihren Augen hingegen sind sie ebenfalls Gefangene – eines rigiden Moral- und Autoritätssystems, das ihnen nicht viel Wahlfreiheit lässt. "Wenn ich mir den in der muslimischen Welt vorherrschenden Erziehungsstil anschaue, finde ich genau das wieder, wogegen die westliche Jugend in den 60er-Jahren aufbegehrt hat", meint sie.
Und sie formuliert ihre Hoffnung: dass eine ähnliche sexuelle Revolution auch im Islam stattfindet – und die Macht der Osmans bricht. Inschallah!


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