Ein irrlichternder Dichterheld

"Texas als Texttitel" von Max Höfler

Teresa Falk
FALTER 22/2010

Texas als Texttitel
Ein Rabiatkomödienroman
Max Höfler
Ritter Klagenfurt - 2010
13,90

Anzeige


Mit 'Texas als Texttitel' ist dem Autor und Künstler Max Höfler ein erstaunlich heiteres Stück experimenteller Literatur geglückt
An einer Stelle seines Buchs 'Texas als Texttitel' gibt sich Max Höfler freimütig als Autor zu erkennen, der zugunsten dieses Romanvorhabens seine Dissertation zu einer Post-Wittgenstein'schen Ästhetik vernachlässigt. Im Spiel mit den Prämissen der Literatur hält er den entsprechenden Wissenschaften aber ohnehin einen Spiegel vor, der sie als Zerrbild sinnlich erfahrbarer Sprache wieder mit an Bord holt.
Das Personal seines vielfach zu lesenden Buches setzt sich also zusammen aus Autor, Ich, Du und ' 'zwar nicht müllers kuh, aber trotzdem einen sehr schlechten witz' darstellend ' 'anna, dem weiblichen otto' und 'otto, dem normalen otto'. Das verliebte Paar scheint die Aufgabe des Niederschreibens der Geschehnisse übernommen zu haben. Penibel recherchiert und belegt wird die Geschichte des Revolutionärs George A. Atzerodt, der sich, so die Erzählung, aufgrund einer Verschwörung gegen US-Präsident Abraham Lincoln und nach einem wegen Trunkenheit gescheiterten Mordversuch am Vizepräsidenten zu einer abenteuerlichen Flucht nach Manila gezwungen sah, dabei stets an seinem großen literarischen Werk fortschreibend.
Manches an dieser Geschichte, einem der Erzählstränge von Höflers 'fortsetzungsroman', der auch in die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift perspektive überschwappt, ist sogar wahr. Durch all das irrlichtert der 'dichterheld'. Seine selbstverständlich exemplarisch grausame Kindheit wird in unterschiedlichen Versionen dargestellt, in jedem Fall aber hat sie seine Berufung und damit einhergehende Rücksichtslosigkeit zu verantworten. Daneben gilt unsere Aufmerksamkeit den exzessiven Unternehmungen einer 'Herrenreisegruppe', kurz Hrg. genannt. Diese Abenteurer tragen durchwegs illustre Vornamen ' Immanuel, Friedrich, Søren oder Ludwig ' und zeichnen sich durch ihre fröhliche und lebensbejahende Brutalität aus.
Bei Max Höfler selbst dürfte es sich um einen Dadaisten handeln. Der mutmaßlichen Vorliebe seiner Leserschaft für Derbheiten jeder Art, Kraftausdrücke und deplatzierte sexuelle Handlungen scheint er allergrößtes Verständnis entgegenzubringen. Auch das Bedürfnis der Menschen, sich in Sicherheit zu bringen vor jeglicher Gewalt, rührt ihn offensichtlich.
Die Befürchtung, in Höflers Text einer linearen Erzählung folgen zu müssen, muss jedenfalls nicht aufkommen. Die Vorreden der perspektive-Redaktion zu den einzelnen Kapiteln ' die ursprünglich tatsächlich in der Grazer/Berliner Literaturzeitschrift erschienen sind und nun überarbeitet zum Roman gebündelt wurden ' tun alles, Höflers Machwerk dem Konsumenten anzupreisen und mitunter kopfschüttelnd vor allzu drastischen Passagen zu warnen. An Fußnoten, fingierten Zitaten und Aufrufen, zu kaufen, nein, doch den ganzen Literaturbetrieb als Markt über den Haufen zu werfen, das Buch beiseite zu legen, persönlichste Daten dem Verlag zu übereignen, und dergleichen fehlt es nicht.
Der Roman des 1978 geborenen Autors, Musikers, Perfomance- und Netzkünstlers gerät angesichts dieser barocken Fülle von Ebenen jedoch nie zum Stückwerk, der Übergang unterschiedlicher Stile gelingt wie nebenbei. Das trägt zum Lesevergnügen bei, die literarische Intelligenz Höflers ist freilich auch anderswo begründet. Etwa wenn aus endlos scheinenden rückbezüglichen Satzreigen Momente von beharrlicher Poesie entstehen. Wenn Zeichengröße, Groß- und Kleinschreibung und primär visuell poetische Passagen montiert werden, scheint dies beiläufig und aus der Expressivität der Sprachspiele folgend zu geschehen. Da kann ein enigmatisch verschlüsselter Absatz ' als historisch belegte erste Anwendung der écriture automatique bejubelt ' durchaus bestehen und unterhalten. Leichter und heiterer gelingt experimentelle Literatur nicht oft.
Während schließlich von Anarchie, Kunst und ihren Produktionsbedingungen fabuliert wird, bilden sich gesellschaftliche Bedingungen sehr genau ab. Die scheinbare Naivität der Figuren mag ein abgekartetes Spiel sein und bitter deren grotesk scheiternde Emanzipationsversuche ' sie sind doch jederzeit ernst zu nehmen. Max Höfler will irritieren und positioniert sich im Widerspruch zu einer l'art pour l'art-Ästhetik. So bleibt von der Lektüre zuerst Verwirrung zurück, Eindruck eines fröhlich destruktiven, schillernden Werkes. Zu sagen, dass sich der lustvollen Erzählung eines selbstbewussten Autors am Ende auch ein wenig Erkenntnis von Wirklichkeit, ja Wahrheit, verdankt, ist nicht zu hoch hinaus gewollt. In den Applaus, den Max Höfler sich im Buch selbst zu zollen pflegt, könnte in Zukunft mancher einstimmen.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Ort

    Erzählungen Alfred Goubran begibt sich in seinem Erzählband "Ort" auf Spurensuche in die Stadt seiner Kindheit und Jugend Der in Graz geborene und in Klagenfurt...
    Rezensiert von Paul Pechmann in FALTER 22/2010
  • Sogar Papageien überleben uns

    Roman Wir sind Zeitspeicher. Nicht nur die früheren Ichs, aus denen sich unser jetziges Bewusstsein entwickelt hat, sind in uns aufbewahrt, auch die...
    Rezensiert von Ulrich Rüdenauer in FALTER 22/2010
  • Gaming the World

    How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture Der bekannte Fußballsoziologe und US-Politikwissenschaftler Andrei Markovits über die Ausnahmesituation Stadion, mächtige Frauen und die Hoffnung...
    Rezensiert von Daniel Nutz in FALTER 22/2010
  • Jahre des Kummers überlebt

    Czernowitz und die transnistrische Verbannung 1939-1950 Was wissen wir über den Zweiten Weltkrieg? Noch immer viel zu wenig. Vergangenen Herbst erschien die deutsche Übersetzung eines Buches, das erzählt,...
    Rezensiert von Wolfgang Zwander in FALTER 22/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 22/2010

Anzeige


Anzeige