Vom Ganges geflutet, vom Krieg gebeutelt

"Andere Räume, andere Träume" von Daniyal Mueenuddin

Sigrid Löffler
FALTER 24/2010

Andere Räume, andere Träume
Daniyal Mueenuddin
Suhrkamp 2010
€ 20,50

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Die Debüts von Daniyal Mueenuddin und Tahmima Anam erlauben einen neuen Blick aufs zerrissene Pakistan

Pakistan ist ein junger Staat, eben mal 60 Jahre alt geworden, gehört aber zu den krawalligsten Ländern der Welt.
Abgespalten erst von Indien (1947) und dann von Bangladesch (1971), verfeindet mit allen Anrainern und geschlagen mit einem Nachbarn im Dauerchaos, Afghanistan, bietet Pakistan eine Katastrophengeschichte sondergleichen: außenpolitisch ein haltloser Zickzackkurs zwischen Russland, den USA und China, innenpolitisch eine Serie von Staatsstreichen, Attentaten und Umstürzen, von Kriegsrecht, atomarer Aufrüstung, Wahlschwindel und Me­gakorruption, eine Abfolge von Diktatoren, Putschgenerälen und ermordeten oder exekutierten Politikern, ganz abgesehen vom bürgerkriegsbrenzligen Dauerkonflikt mit den Taliban.
All dies macht aus dem Land naturgemäß einen großartigen Romanstoff, der sich allerdings ganz unterschiedlich aufbereiten lässt. Salman Rushdie und Mohammed Hanif beispielsweise knöpften sich in ihren Romanen die 1980er-Jahre vor, die Ära des berüchtigten Putschgenerals Zia ul-Haq – Rushdie in Form einer politischen Phantasmagorie ("Scham und Schande"), Hanif in Gestalt eines sarkastischen Politthrillers ("Eine Kiste explodierender Mangos").
Nun sind ein Autor und eine Autorin hinzugekommen, die in ihren Erstlingswerken Pakistan wieder ganz anders in den Blick nehmen: Daniyal Mueenuddin, 47, aus Lahore in Westpakistan, und Tahmima Anam, 35, aus Dhaka in Bangladesch, dem ehemaligen Ostpakistan. Beide Erzähler sind westlich erzogen, haben in den USA studiert und zumindest zeitweilig in New York gelebt; und beide Debütanten schreiben auf Englisch.

Daniyal Mueenuddin entstammt selbst der alten Großgrundbesitzerklasse Westpakistans, von deren Niedergang er in "Andere Räume, andere Träume" erzählt, aus Herren- und aus Dienerperspektive. Er verknüpft acht Erzählungen, denen Schauplatz und Personal gemeinsam sind: die ländliche Region Punjab am Indus und deren müßiggängerische, immer noch steinreiche und seit britischen Kolonialzeiten im Lebensstil anglifizierte Feudalgesellschaft samt ihren Domestiken – Gutsverwalter, Chauffeure, Gärtner, Köche und Diener.
Tahmima Anam macht in ihrem historischen Roman "Zeit der Verheißungen" den blutigen Sezessionskrieg von 1971 zum Thema, den Unabhängigkeitskampf der Bengalen, der zur Teilung West- und Ostpakistans und zur Geburt einer neuen Nation führte: Bangladesch.
Da die Autorin diesen neunmonatigen Bürgerkrieg nicht selbst erlebt hat, erzählt sie den Abfall Bengalens vom Gesamtstaat Pakistan als revolutionäre Leidens- und Loslösungsgeschichte ihrer Elterngeneration – nicht als nationales Befreiungsepos, sondern in aller Ambivalenz als Bruderkrieg, der Familien spaltet und deren Mitglieder vor moralische Zerreißproben stellt. Aus diesem Konflikt geht keine von Anams Romanfiguren unbeschädigt hervor.
"Was sollte es für einen Sinn ergeben, in einem zweigeteilten Land zu leben, das wie zwei Hörner rechts und links an Indien klebte?", fragt sich Rehana, die Heldin des Romans, am Vorabend des Bürgerkriegs. Sie ist eine jugendliche Witwe mit zwei fast erwachsenen Kindern und verkörpert in ihrer Person alle Unvereinbarkeiten des Subkontinents: Sie stammt aus Indien, aus einer verarmten aristokratischen Familie in Kalkutta, ihre Schwestern sind in Westpakistan verheiratet, sie selbst hat einen Westpakistani geheiratet, lebt aber nach dessen frühem Tod weiterhin in Dhaka, der Hauptstadt von Ostpakistan.

Anfangs ist Rehana nur eine biedere Hausfrau und beschränkt auf Haushalt, Garten und ihre studierenden Kinder. Doch unter dem Eindruck der pakistanischen Besatzung mit ihren Folter- und Mordexzessen und unter dem Einfluss von Sohn und Tochter, die sich auf der Universität linksrevolutionär politisieren und dem bengalischen Guerillakampf anschließen, verändert sich auch sie. Aus der unpolitischen Hausfrau wird eine Amateur-Freiheitskämpferin für Bangladesch, die ihre bengalische Identität entdeckt.
Am Ende hat Rehana sich und ihre Kinder lebend durch den Bürgerkrieg gerettet, aber um einen hohen Preis. Ihr sind moralische Entscheidungen abverlangt worden, die sie vor sich selbst nur schwer rechtfertigen kann.
Tahmima Anam hält sich an herkömmliche realistische Erzählmuster. Ihre Detailfreude in Sachen Haushaltsführung, Speisezettel und Kleiderwahl muss man als Leser nicht teilen (zumal ein Glossar für die vielen Begriffe fehlt, die man als Nicht-Bengale gern erläutert gesehen hätte). Doch zeichnet die Autorin ein lebhaftes Bild des Sumpflandes Bengalen im Mündungsdelta des Ganges mit seinem zyklischen Auf und Ab: "Jedes Jahr verschwindet das Land unter Wasser und verwandelt sich in ein Meer und taucht dann wie durch ein Wunder wieder auf. Dieser Refrain, diese ewige Wiederkehr ist das Archiv seiner langen, von der Flut bestimmten Geschichte."
Auch Anams westpakistanischer Kollege Mueenuddin kann in seinem Land keinerlei Aufwärtsdynamik erkennen. Die gesellschaftlichen Umbrüche im Punjab, die er in seinem Erzählband so knapp wie illusionslos skizziert, vollziehen sich immer nur horizontal, der Fortschritt ist letztlich keiner.
Mit der alten gutsherrlichen Feudalklasse geht es zu Ende – sie lebt zwar noch in großem Stil, lässt aber die Wirtschaft schleifen und sieht gleichgültig zu, wie sich eine neu emporkommende Schicht von korrupten Beamten, Richtern, Verwaltern, Managern und Politikern durch Veruntreuung und Unterschleif an ihrem uralten Besitz betrügerisch bereichert.
Im Zentrum der Erzählungen steht der Patriarch K. K. Harouni in den letzten Lebensjahren, die er abwechselnd in seinem Stadthaus in Lahore und auf seinem riesigen Landgut in Dunyapur verbringt – vereinsamt, denn seine Töchter leben in Karachi, New York und Paris und fliegen nur notgedrungen ein. Die teure Lebensführung zehrt das Familienvermögen auf, Harouni wird von seinem Verwalter betrogen und von seiner Dienerschaft bestohlen.
Nach dem Tod des Alten bricht alles auseinander: Die Dienerschaft steht vor dem Nichts, die Töchter verscherbeln den Besitz. Die jüngeren Mitglieder der Harouni-Familie sind entweder einflussreiche Unternehmer geworden oder party- und konsumsüchtige Nichtstuer und Verschwender des elterlichen Reichtums. Ein junger Guts­erbe, der seine Landwirtschaft als modernes Mustergut zu führen versucht, kommt bei der trägen und verderbten Jeunesse Doree von Islamabad rasch in den Ruf eines Strebers und Sonderlings.

Manipulation in allen sozialen und politischen Bereichen ist der eigentliche Motor dieser Gesellschaft: Verlogene Komplimente und korrupte Machenschaften halten diese Geschichten und diese Gesellschaft zusammen.
Daniyal Mueenuddin kann in sparsamen, präzisen Strichen ein prägnantes Gesellschaftspanorama zeichnen. Er beschreibt vielerlei Elend und mancherlei Misere, doch sein Ton ist weder zynisch noch sentimental. Dieser Debütband ist bezwingend: Er erinnert an Tschechow – genauso kühl und knapp im Stil, genauso unbestechlich in der Menschenkenntnis.


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