Das Glück braucht weder Gott noch Jenseits

"Das glücklichste Volk" von Daniel Everett

Sebastian Kiefer
FALTER 25/2010

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Man kennt das: Ein wohlgenährter Westler lässt sich zu Urwaldindianern fliegen, um wieder einmal festzustellen, wie viel Weisheit, Naturnähe, Freiheit und Sinnfülle bei den angeblichen "Primitiven" verborgen liegt. Aber Daniel Everett kam nicht als Tourist, sondern als Missionar – und ging als Bekehrter. Die Piraha lachten ihn schlichtweg aus mit seinen Legenden vom Vater im Himmel und hätten keinen Augenblick gezögert, ihn umzubringen, wenn er ernsthaft versucht hätte, sie zu bevormunden. Er erfuhr "leibhaftig", welche Anmaßung in der Botschaft von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen liegt – angesichts von Menschen, die augenscheinlich glücklich im Hier und Jetzt leben.
Für die Piraha sind Bäume, Menschen, Tiere, Flüsse, Himmel und Geister so sehr eins, dass es kein Jenseits und keine Vergangenheit geben kann, die dem Leben erst seinen Sinn verleihen – und also auch keine Schöpfungsmythen. Sie kennen nur eine Evidenz, das unmittelbare Wahrnehmungserleben, und daher keine kategoriale Differenz zwischen Traum und Realität. Ihre Sprache, eine Mischung aus "primitiver" Grammatik, minimaler Phonemzahl und feinen Intonations- und Implikationsmethoden, kennt weder Numerus noch perfektische Tempora: Alles, was ist, wird erlebt – und ist daher unabgeschlossen.
Um den Zusammenhang von Erfahrungs-, Welt- und Erlebnisstruktur zu verstehen, hat Everett sich zum Linguisten ausbilden lassen und als einziger Fremder ihre Sprache und Gebräuche erlernt. Sein Buch ist eine wunderbare Basislektion über das Verhältnis von Sprache und Erfahrung und zugleich über die Grenzen unserer Zivilisation, auch wenn er sich manchmal in Scheingefechten mit Chomskyanern verirrt und nicht ganz gefeit gegen die Idealisierung der "guten Wilden" ist.
Deren bitteres Ende ist leider vorprogrammiert: Die Piraha werden von der Regierung geschützt und pflanzen sich nur untereinander fort, weswegen sie angesichts der geringen Populationsgröße und ihrer Unwissenheit in Fragen der Genetik vermutlich als Volk nicht sehr lange überleben werden.


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