Schwesternkrieg und Nudeln mit Blutsauce

"Schwestern der Angst" von Lydia Mischkulnig

Sebastian Fasthuber
FALTER 30/2010

Schwestern der Angst
Roman
Lydia Mischkulnig
Haymon Verlag 2010
€ 19,90

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Lydia Mischkulnig erzählt das Psychodrama zweier Schwestern aus der Perspektive einer Irrsinnigen.

Acht Jahre nach "Umarmung" legt die österreichische Autorin ­Lydia Mischkulnig (Jg. 1963) einen neuen Roman vor. Dazwischen hat sie einen Erzählband und ein paar kleine Gemeinschaftsarbeiten mit Sabine Scholl publiziert.
Marktkonformes Agieren ist Mischkulnigs Sache offenbar nicht, was aber nicht bedeuten soll, ihre Texte wären von Haus aus schwierig oder für Leser ohne Germanistikabschluss und absolviertes Genderforschungsseminar ungenießbar.
"Schwestern der Angst" erzählt, teils in Rückblenden, aber letztendlich doch recht linear von A nach B eine fesselnde Geschichte. Zu danken ist dies zunächst der Ich-Erzählerin.

Renate ist, wie schnell klar wird, besessen von ihrer kleinen Halbschwester Marie. Irgendetwas muss zwischen den beiden vorgefallen sein, denn Renate darf sich Marie nur mehr bis auf 30 Meter nähern. Eine Anordnung, der sich Renate des Öfteren ­widersetzt. Gleich im ersten Kapitel dringt sie in Maries Wiener Wohnung ein.
Natürlich hat ein Mann mit der Sache zu tun. Renates kleine Schwester ist seit vielen Jahren mit Paul zusammen, den sie der Älteren als junges Mädchen weggeschnappt hat. Dass Paul, bevor es ihn zu Marie zog, noch schnell Renate vergewaltigt haben soll, weil diese gerade ohnmächtig war – weswegen sie sich halt nicht hundertprozentig an die Sache erinnern kann –, wirkt allerdings nicht nur in der Nacherzählung etwas dick aufgetragen.
Manchmal begibt sich Mischkulnig – absichtlich? – in die Nähe von TV-Krimis. Auch der Großvater tritt als Vielleicht-oder-vielleicht-auch-nicht-Vergewaltiger in Erscheinung. Überhaupt, die Männer­figuren! Selbst Renates zunächst als harmlos erscheinender langjähriger Liebhaber ist ein Böser – er bestiehlt sie und erhält am Ende seine Strafe.

"Missbrauch gehört zu unseren Leben wie das Amen zum Gebet." Im Kern ist "Schwestern der Angst" ein Buch über Machtstrukturen. Renate kommt auch deshalb nicht gut mit Männern zurande, weil diese ihrem eigenen Machtanspruch in die Quere kommen.
Nachdem ihre Mutter bei Maries Geburt verstorben ist, bemüht sich Renate noch als Kind, die Mutterrolle zu übernehmen – und zwar so richtig. Sie gibt ihre eigene schulische Laufbahn auf und widmet sich der strengen Erziehung der kleinen Schwester: "Ich war wichtig, ja notwendig und zum ersten Mal zum Wohle eines schutzbedürftigeren Menschen als meiner selbst gebraucht."
Als sich Marie eines Tages aus ihrer Kontrolle entwindet und ihr den Satz "Fixiert sein ist irre" entgegenschleudert, dreht Renate durch. Und als sie später von den Hochzeitsplänen von Paul und Marie erfährt, flippt sie richtig aus. Es folgt ein zunehmend tempo-, action- und gewaltreicher Amoklauf, der in einer grausig-guten Folterszene kulminiert, während der sich Renate lässig ein paar Nudeln kocht.

Mitunter mag man die Monoperspektive des Romans als bedrückend empfinden. Dadurch bleibt allerdings schön in der Schwebe, wie verrückt Renate nun tatsächlich ist und welche Details nur ihrer Fantasie entstammen.
Zwischenzeitlich vermag Mischkulnig auch mit gut dosiertem schwarzem Humor aufzuwarten. Besonders die Nudel-Szene erreicht in ihrer kalten Perversion die Qualität von Bret Easton Ellis' "American Psycho". Von der Anlage her aber erinnert "Schwestern der Angst" mitunter auch an einen anderen österreichischen Roman aus jüngerer Zeit, nämlich an Peter Roseis "Das große Töten".
Bei allem Unbehagen, das dieser Text erzeugt, gelingt es ihm aber auch zu unterhalten, was sich auch von der bitterbösen Schlusspointe behaupten lässt: Auch nach der letzten Seite wird die unheilvolle Geschichte von Renate, Marie und Paul kein Ende gefunden haben.


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