Der letzte Auftritt des letzten Regiefürsten

"Die Wanderjahre" von Peter Zadek

Wolfgang Kralicek
FALTER 31/2010

Die Wanderjahre
1980 - 2009
Peter Zadek
Kiepenheuer & Witsch 2010
€ 25,70

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Memoiren zu schreiben ist für mich besonders schwierig, weil meine Arbeit eigentlich meine Autobiografie ist", schreibt Peter Zadek im dritten Teil seiner Memoiren, die nun trotzdem auf insgesamt rund 1500 Seiten angewachsen sind. Nach "My Way" (1926–1969) und "Die heißen Jahre" (1970–1980) umfasst der von Zadeks Lebensgefährtin Elisabeth Plessen posthum herausgegebene Band "Die Wanderjahre" das letzte Lebensdrittel des im Vorjahr verstorbenen Theaterregisseurs.
In diese Zeit fallen Zadeks eher glücklose Intendanzen am Hamburger Schauspielhaus und am Berliner Ensemble, die spektakulären Theatermusicals "Ghetto" und "Andi", seine sieben Inszenierungen an Burg- und Akademietheater sowie diverse Festwochen-Koproduktionen.
Mit Zadek hat einer der letzten ­Regiefürsten des deutschen Theaters die Szene verlassen; die "Wanderjahre" sind sein letzter großer Auftritt. Herrlich präpotent macht er Kollegen wie Jürgen Flimm ("kein sehr guter Regisseur") oder Claus Peymann ("er versteht sehr gut, was Theater ist, er kann es leider nur nicht selber machen") herunter; entwaffnend offen spricht er von seinen Obsessionen ("‚Alice im Wunderland' ist das erotischste Buch, das ich kenne"); mit imponierender Chuzpe beteuert der teuerste Regisseur des deutschen Sprachraums, man könne in diesem Beruf nicht reich werden ("man verdient unter Umständen gerade genug, dass man gut davon leben kann").
Natürlich ist das ein eitles Buch, wie sollte es anders sein, und wenn Zadek über modernes Theater ("diese Dekonstruktion will kein Mensch") oder neue Kommunikationsformen ("kein Mensch telefoniert mehr") lamentiert, wird's schnell auch ganz schön spießig. Aber was Zadek über die eigene Arbeit zu sagen hat, ist klug und überraschend schonungslos.
Misserfolge werden nicht schöngeredet; von seinen insgesamt rund 250 Inszenierungen seien nur fünf "wirklich aufregend" gewesen. Peter Zadeks persönliche Top Five: "Die Geisel" (Ulm 1961), "Maß für Maß" (Bremen 1967), "Lulu" (Hamburg 1988), "Der Kirschgarten" (Akademietheater 1996) und "Hamlet" (Wiener Festwochen 1999).


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