Nicht zu Pferde, mit dem Herzen reist man

"Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien" von Laurence Sterne

Klaus Nüchtern
FALTER 32/2010

Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
Von Mr. Yorick
Laurence Sterne
Galiani 2010

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Wenn man partout ein Reisebuch in den Urlaub mitnehmen will, dann ist man mit Laurence Sternes "Empfindsamer Reise" fraglos bestens bedient. Zum einen ist die wunderschön und dennoch unprätentiös gestaltete Ausgabe dieser Neuübersetzung durch Michael Walter selbst ein idealer Reisegefährte: kompakt, mit flexiblem Leineneinband, abgerundeten Ecken und einem ­lesefreundlichen Druck, der die Lektüre auch in zwielichtigen Kaschemmen erlaubt. Zum anderen ist die Gefahr gering, dass es zu unliebsamen Interferenzen zwischen der vom ­Autor und der vom Leser bereisten Gegend kommt.
Für den empfindsam Reisenden ist das Ziel nämlich zweitrangig, wie ein programmatischer Eintrag verdeutlicht: "Mich dauert der Mann, der von Dan bis nach Berseba reisen und rufen kann, 's ist alles öd und leer – und das ist es; und so muss die ganze Welt dem erscheinen, der die Früchte, die sie zu bieten hat, nicht hegen will. Fürwahr, sprach ich, indem ich munter in die Hände klatschte, wär' ich in einer Wüste, ich wollte schon etwas darinnen finden, das meine Zuneigung erregte – Böte sich nichts Besseres, ich heftete sie an eine süß duftende Myrte oder suchte mich einer melancholischen Zypresse innig zuzuwenden."
Sterne, der sich mit dem "Tristram Shandy" den Ruf eines Schweinepriesters erworben hatte (Priester war er tatsächlich), konnte sich mit seinem unvollendet gebliebenen Reisebericht (der Autor starb nur drei Wochen nach Erscheinen von Band I) neu positionieren.
Dass die Epoche der Empfindsamkeit, deren Name sich der "Sentimental Journey" verdankt, die ebenso herzergreifenden wie komischen und scharfen Beobachtungen ­Sternes als Apotheose platonischer Zuneigung missverstehen konnte, mutet heute freilich nur noch bizarr an. "Ihr, deren leichenkalte Hirne und laue Herzen Eure Leidenschaften hinwegdisputieren oder maskieren können – sagt mir, welches Vergehen liegt darin, dass der Mensch welche hat?", ruft er angesichts einer fille de chambre aus, die buchstäblich in seinem Bett landet. Und der letzte Satz lautet: "Wie ich also die Hand ausstreckte, ­erhaschte ich der Kammerjungfer."


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