"Jung? Was soll das heißen?!"

"Fegefeuer" von Sofi Oksanen

Sibylle Hamann
FALTER 39/2010

Fegefeuer
Roman
Sofi Oksanen
Kiepenheuer & Witsch 2010
€ 20,60

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Diese Frau ist ein Punk. Oder ein Goth? Ältere Menschen erinnert ihr Outfit an Nina Hagen in ihren besten Jahren, jüngere denken wahrscheinlich eher an Lady Gaga. Den tiefdunklen Lippenstift jedenfalls verwendet sie in ähnlich dicken Schichten, und hinten am Kopf sind etwa ein Kilo Rastalocken befestigt, mit knallbunten Strähnen drin. Sie raucht und hustet abwechselnd, in störrischer Konsequenz.

Tatsächlich aber ist Sofi Oksanen ganz anders. Das ahnt man, wenn man in ihren jüngsten, rasanten Roman hineinliest, der einen sofort davonträgt. In Skandinavien hat "Fegefeuer" sämtliche Literaturpreise abgeräumt und wurde zum Bestseller. Eben ins Deutsche übersetzt ist das Buch auch hierzulande mit Lob bedacht worden (Rezension in Falter 37), in New York kommt demnächst eine Theaterversion auf die Bühne.
Ein durchschlagender Erfolg auf der ganzen Linie – a star is born. Aber wie geht sich das aus, bei einer derart sperrigen Person? Noch dazu, wo diese sperrige Person derart sperrige Anliegen hat?
Oksanen nämlich geht es um so unsexy Anliegen wie zeitgeschichtliche Wahrheit, Menschenrechte, Feminismus oder um Identität – alles Begriffe, die sie vollkommen ironiefrei ausspricht.
Sie hat über Stalin geschrieben, über die sowjetische Okkupation Estlands, über Frauenhandel und Zwangsprostitution. Sie entwirft historische Panoramen; sie springt mit souveräner Detailkenntnis durch drei Jahrhunderte, als sei sie in jedem einzelnen dabeigewesen. Und ist doch gerade einmal 33 Jahre alt.

Sofi Oksanen sitzt auf der Bühne des Wiener Rabenhof, zieht misstrauisch eine expressiv schwarzgemalte Augenbraue hoch, und wehrt sich gegen den Vorwurf, "noch verdammt jung" zu sein. "Jung? Was soll das heißen?!", schnauzt sie zurück, wobei nicht der leiseste Hauch von Koketterie zu spüren ist. "Mittelalt bin ich. Alt genug jedenfalls."
Spätestens jetzt weiß man: Diese Frau will gar nicht spielen. Es ist ihr ernst.
Sofi Oksanen interessiert sich für Macht. Sie will wissen, wie sich Herrschaftsverhältnisse auf die privaten Beziehungen auswirken; was sie mit Liebe, Neid und Gewalt zu tun haben. Sie schaut ganz genau hin, um zu verstehen, was in Zeiten politischer Umbrüche passiert: wie Opfer zu Tätern werden und umgekehrt. An welchen Gesten man ablesen kann, wer gewinnen und wer verlieren wird.
"Es gibt eine Sorte Menschen, die immer oben landen", sagt sie. "Das sind die Opportunisten." Historisch betrachtet waren sie meistens Männer und trugen schwarze Stiefel. Heute fahren sie schwarze Autos.
Um zu recherchieren, verbringt Oksanen viele Wochen in staubigen Archiven. Etwa, um die Spitzelakten des sowjetischen Inlandsgeheimdienstes NKWD zu durchforsten. "Erst als ich mich auf die Sprache in diesen Akten eingelassen habe, auf den Tonfall, in dem Menschen zu Dingen gemacht werden, habe ich verstehen können, wie das System funktioniert."

Ähnlich gewissenhaft geht sie vor, um sich vom Alltagsleben an fremden Orten, zu fremden Zeiten ein Bild zu machen – vom alten Estland zum Beispiel. Sie selbst hat noch vage Kindheitserinnerungen an diese Welt. Ihre Großeltern mütterlicherseits wohnten in einem kleinen Dorf im Westen Estlands, militärisches Sperrgebiet, das Ausländern nicht zugänglich war. Die Geräusche und Gerüche aus den Ferien kann sie noch abrufen – das Marmeladenkochen mit der Oma etwa.
Mit Sicherheit kann Oksanen sagen, dass es im Kommunismus wesentlich mehr Fleischfliegen gab als in den Zeiten der estnischen Unabhängigkeit. Für alle anderen Details – übers Melken, Gurkeneinlegen, Deckchensticken – studierte sie mit Hingabe ganze Stapel von Frauenzeitschriften aus vorsowjetischer Zeit.

"Die Aufgabe von Schriftstellern besteht darin, neue Dinge herauszufinden und der Welt davon zu erzählen", sagt Oksanen. Das klingt altmodisch. Man kann auch Aufklärung dazu sagen. Sie selbst verwendet lieber das Wort "Gerechtigkeit".
"Wir müssen genau wissen, was passiert ist, bevor wir halbwegs normal mitein-
ander leben können", meint sie. Was den Kommunismus anbelangt, ist sie davon überzeugt, dass große Teile seiner wahren Geschichte noch nicht rekonstruiert sind – insbesondere jene aus der Perspektive von Frauen. Und: "Irgendwer muss diese Teile ja erzählen."
Das ist im neuen Russland, das gern an autoritäre Traditionen des alten Russland anschließt, naturgemäß nicht allen recht. Und damit, dass sich Oksanen konsequent und selbstverständlich als "Feministin" bezeichnet, macht sie sich sogar im aufgeklärten, fortschrittlichen Finnland Feinde.
Ja, sie habe schon gehört, dass sie in Onlineforen beschimpft werde. Oksanen zuckt nur mit den Achseln: "Daran muss man sich gewöhnen, wenn man öffentlich auftritt. Und daran, dass Frauen wie ich öffentlich auftreten, müssen sich eben die alten Männer gewöhnen."

In solchen Momenten beneidet man Sofi Oksanen um die Coolness, mit der sie alles an sich abrinnen lässt. Man beobachtet, um wie viel leichter das fällt, wenn man sich vorher verkleidet hat. Und wird blitzartig von einer Ahnung gestreift: Vielleicht ist Sofi Oksanen gar kein Punk – oder was auch immer. Vielleicht sitzt hier einfach eine ernsthafte, gebildete, belesene Frau, die sich ihr schrilles Outfit nicht zugelegt hat, um gesehen zu werden, sondern um von sich abzulenken. Damit sie dahinter ihre Ruhe hat. Und Zeit für Wichtigeres.


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