In 580 Minuten durch ein halbes Jahrhundert

"Das Geisterhaus" von Isabell Allende

Anja Hirsch
FALTER 38/2010

Das Geisterhaus
Isabell Allende
Suhrkamp 2009

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Manche Bücher altern nie. Man schlägt sie auf, beginnt zu lesen, und sie verströmen noch den gleichen Charme wie vor Jahren, als man 18 war und eine Welt entdeckte. Isabel Allendes Roman "Das Geisterhaus", ihr Erstling von 1982, ist so ein Buch. Und auch wenn Kenner der lateinamerikanischen Literatur einem einreden konnten, es sei Trivialliteratur, spürt man sofort den alten Sog: Frauen, angeschlossen an die Welt der Magie, die sie mehr als andere wissen lässt; Männer mit brutaler Sinnlichkeit, die zwar Landstriche besiedeln helfen, aber doch letztlich kläglich scheitern würden ohne diese wunderbaren, nach Zitrone und Lavendel duftenden Frauen, Mütter, umfangenden Wesen. Klar, das sind Klischees, so wie die Vorstellung, Allende schöpfe ihre Geschichten aus uralter Quelle – man möchte sie sich aber doch nicht nehmen lassen.
Nach der Verfilmung von 1993 mit Meryl Streep und Jeremy Irons ist der Bestseller nun als Hörspiel zu erleben. Wenig Hektik, viel Ruhe, viel Raum fürs Erzählen prägen diese Bearbeitung der Familiensaga um Clara und Esteban Trueba. Pierre Oser sorgt mit seinen Kompositionen für eine stimmige musikalische Untermalung des üppigen Erzählkosmos, ohne pompös zu werden. Und so greift hier unter der ruhigen Regie Walter Adlers alles wunderbar ineinander: Ulrich Matthes' dringliches, leicht trotziges, aber sehr genaues Erzählen, das den schönsten Stellen nachspürt und die kitschverdächtigen unbeirrbar nimmt; Gefühlsausbrüche, die Trauer und Geburten begleiten; und all die tausend kleinen Geräuscheinfälle, die koloniale Räume, stille Schreibstunden mit zirpenden Grillen, missionarischen Katholizismus und spirituelle Entrückung suggerieren.
Der Gemeinschaftsproduktion von Südwestrundfunk und Hessischem Rundfunk gelingt es, in knapp zehn Stunden die Zeit zwischen den 20er-Jahren bis zum Terror des Militärputsches von 1973 erstehen zu lassen. Trotz der Länge wird der Zuhörer absorbiert. Das Team um Altmeister Walter Adler, der schon mit Projekten wie "Orientzyklus" oder "Otherland" brillierte, arbeitet mit Fingerspitzengefühl und wagt zugleich ein großes Panorama. Ein beachtlicher Spagat.


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