Mathe macht Spaß â€“ und selten war Lotto so morbid

"Warum Mathematik glücklich macht" von Christian Hesse

Martina Gröschl
FALTER 39/2010

Anzeige


Der Begriff ,negative Zahl' ist anstößig und zahlenfeindlich. Er sollte durch den Ausdruck ,nicht positive von Null verschiedene Zahl' ersetzt werden." So beginnt Christian Hesse das Kapitel "Eine Initiative zur Eindämmung politisch inkorrekter Ausdrucksweisen, Sektion Mathematik".
Wer hier nicht lacht, wird es mit Christian Hesse schwer haben. Von satirisch über sarkastisch bis fast schon böse – der Humor zieht seinen schwarzen Faden durch das neue Buch des deutschen Mathematikers, der 2006 mit dem vielgelobten Essayband "Expeditionen in die Schachwelt" als Sachbuchautor debütierte und im Vorjahr mit "Das kleine Einmaleins des klaren Denkens" sein erstes Werk zum Themenfeld öffentlichkeitswirksame Mathematik veröffentlichte.

Dabei beginnt alles so unscheinbar. "Wa­rum Mathematik glücklich macht – 151 verblüffende Geschichten" präsentiert sich auf den ersten Blick als buntes Mathematikallerlei altbekannter Machart. Ein Sammelsurium von Histörchen zur Mathematik in allen Lebenswelten und -lagen, wie es so oder so ähnlich mit schöner Regelmäßigkeit und verwechselbarer Aufmachung auf den Markt geworfen wird, "Mathematik macht Spaß" als Lieblingsmantra rezitierend.
Doch sobald man einmal die Angst vor der komatösen Endlosschleife überwunden hat und zu lesen beginnt, erkennt man schnell: Auch dieser Hesse ist ein typischer Hesse, also anders.
Mit Hochgeschwindigkeit und allem ihm zur Verfügung stehenden Wortwitz peitscht der Mathematiker, als dessen Lieblingsfreizeitbeschäftigungen Lesen, Schreiben, Schlafen und Schach angegeben werden, durch die großen und kleinen Geschichten. Altes wird entpatiniert und Neues kreiert. Auch Hesse schreibt – wie bereits seine nationale und internationale Kollegenschaft mehrfach vor ihm – über die Wahrscheinlichkeit für einen Lottosechser oder die Primzahllebenszyklen gewisser Zikadenarten.

Aber selten war Lotto so morbid ("Wenn jemand den Tippzettel am Tag vor der Ziehung in der Annahmestelle einreicht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, zur Zeit der Ziehung bereits verstorben zu sein, größer als die Wahrscheinlichkeit für sechs Richtige") und Fortpflanzung so schonungslos: "Hat der (potentielle Partner) sich gefunden, kommt es zu Paarung, Eiablage und Tod in schneller Abfolge."
Es mangelt weder an satirischen Seitenhieben gegen Berufsgruppen, die eine mäßige mathematische Begabung an den Tag zu legen scheinen wie Journalisten ("Die Prozentrechnung ist die Königsdisziplin des deskriptiven Journalismus") oder Ärzte (bei denen er überhaupt gleich "statistischen Analphabetismus" in weiter Verbreitung diagnostiziert), noch an skurrilen Bonmots, für die er sich aus Gesetzestexten und Zeitungen, bekannten wie unbekannten Köpfen bedient. "Stirbt der Beamte während der Dienstreise, ist die Dienstreise damit beendet" (§26 Landesreisekostengesetz NRW).

Darüber hinaus verbindet Hesse Themen mit der Mathematik, bei denen das gemeinhin nicht getan wird. So legt er dar, dass die doppelte Verneinung in der Umgangssprache im Gegensatz zur Mathematik (Minus Minus ist Plus) nicht zwangsläufig eine Bejahung sein muss (Beispiel aus dem Plattdeutschen: Ick krieg gaar keen Ruh nich). Mit seinem schwarzen Humor und satirischen Blick auf die Welt empfiehlt sich Christian Hesse als ernsthafte Konkurrenz zu den etablierten Mathematikpopularisierern von Albrecht Beutelspacher bis Ian Stewart.
Mit den Mathematikallerleibüchern hat sich ein Genre für die leichte Mathematikkost zwischendurch entwickelt, das Hesse auf Anhieb perfekt beherrscht. Unabhängig von Hesses offensichtlichen Qualitäten stellt sich angesichts des mittlerweile durchaus als inflationär zu bezeichnenden Auftretens solcher Bücher jedoch die Frage, ob der Markt nicht schön langsam übersättigt ist.
Aber darüber werden wohl die Verkaufszahlen entscheiden.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Meine Küchengeheimnisse

    Meine Herbstschau beginnt mit der üblichen Klage (jedes Jahr werden es mehr, diesmal habe ich selber noch eines beigesteuert, siehe Marginalspalte),...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 39/2010
  • Tanz der seligen Geister

    Die Erzählerin in der ersten Geschichte von Alice Munros "Tanz der seligen Geister" ist ein Mädchen. Kein kleines Kind mehr, aber noch weit davon...
    Rezensiert von Ulrich Rüdenauer in FALTER 39/2010
  • Der vierte Kontinent

    Wie eine Karte die Welt veränderte Die Weltkarte von Martin Waldseemüller besteht aus zwölf Einzelteilen und misst insgesamt 1,37 Meter mal 2,43 Meter. Sie wurde 1507 in einer...
    Rezensiert von Oliver Hochadel in FALTER 39/2010
  • Natürliche Mängel

    Das Jahr ist 1970, der Ort Los Angeles. Der Held der Geschichte heißt Larry "Doc" Sportello, ein 30-jähriger Hippie mit gutem Herz und einer...
    Rezensiert von Sebastian Fasthuber in FALTER 39/2010
  • Was bisher geschah

    Eine kleine Weltgeschichte Loel Zwecker blättert im Bilderbuch Weltgeschichte. Obwohl er nur einzelne Schwarzweißfotos verwendet, gelingt es ihm, viel Farbe ins Werden...
    Rezensiert von Andreas Kremla in FALTER 39/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 39/2010

Anzeige

Anzeige