Die Vorhaut im Gurkenglas

"Ein französischer Roman" von Frédéric Beigbeder, Brigitte Grosse

Georg Renöckl
FALTER 39/2010

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Eitelkeit, Geilheit und Todessehnsucht sind die Triebfedern des Romans "Der beste Teil der Menschen", dessen Cover anstelle des Eiffelturms auch ein barockes Vanitas-Stillleben mit Totenschädel zieren könnte. 2008 erregte das Debüt des damals 26-jährigen Philosophiestudenten Tristan Garcia gehörig Aufmerksamkeit im Pariser Bücherherbst. Die Geschichte dreier Vertreter der Intellektuellen- und Schwulenszene im Paris der 80er-Jahre ist nämlich (auch) ein Schlüsselroman: Die Starphilosophen Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Levy, der Schwulenaktivist Didier Lestrade und der Skandalautor Guillaume Dustan sind unschwer hinter den Romanfiguren auszumachen.
Garcia verknüpft seine Intellektuellensatire mit kruden Schilderungen morbider schwuler Erotik im Angesicht von Aids.
Barebacking, ungeschützter Analverkehr, wird zur fatalen Mode.
Trotz einiger wuchtiger Passagen und viel Lust am Groben ist Garcias Roman alles andere als Unterhaltungslektüre, und das liegt nicht nur am Ernst des Themas: Die subtile Brutalität dieses Pariser Jahrmarkts der Eitelkeiten wird detailliert ausgebreitet und stellt die Geduld von landeskundlich womöglich nicht ganz so interessierten Lesern auf eine harte Probe. Auch der langwierige Grabenkrieg zwischen Barebackern und Kondombenutzern zermürbt wohl nicht nur manche Romanfigur.
Am gelungensten ist der Roman dort, wo die Erzählerin und Geliebte des mediengewandten Philosophen Jean-Michel den Betrieb, der sie selbst gnadenlos aufreibt, mit etwas Distanz kommentieren darf. So definiert sie etwa das in Frankreich beliebte Genre der Autofiktion als "über sich selbst sprechen, um Macht zu erlangen", das ein prähistorischer Mensch erfunden haben müsse, "und schon damals hörte keiner zu, worüber er redete, sondern man sah ihm zu, wie er redete".
Genau nach diesem Prinzip funktionieren die Romane des schriftstellernden Medienphänomens Frédéric Beigbeder, der – in diesem Zusammenhang tatsächlich zufällig – vor Jahren einmal den oben erwähnten Guillaume Dustan zu einer "Nackt-Nummer" seiner Literaturfernsehsendung einlud.

2008 verbrachte Beigbeder wegen öffentlichen Koksens zwei Nächte in Polizeigewahrsam, was er in seinem neuen Buch zur Rahmenhandlung für literarische Ausflüge in die eigene Kindheit und Familiengeschichte macht. Von "Autobiografie" steht nirgends was zu lesen, also wird "Ein französischer Roman" wohl wieder einmal "Autofiktion" sein. Deren Vorteil besteht darin, dass sie zwar wie eine Autobiografie aussieht, der Autor aber stets auf die Gattungsbezeichnung "Roman" verweisen kann und dabei gegebenenfalls ganz laut "ätsch!" sagen darf: Wer einer Romanfigur ihre Anschauungen vorhält, versteht ja bekanntlich nichts von Literatur.
Wozu also soll man sich über die Mischung aus Selbstverliebtheit, Pathos und Hysterie, verbrämt mit Wickie-
Slime-und-Paiper-Nostalgie, ärgern? Die
Romanfigur Frédéric Beigbeder vergleicht sich jedenfalls mit Charles Baudelaire, von Nazis verfolgten Juden und iranischen Regimegegnern, ist stolz auf Papas prominente Freunde und erinnert sich ans Schwarzweißfernsehen.
Autor Beigbeder lässt die Figur Beigbeder ein paar richtig schlimme Dinge sagen. Und das Lustige: Die im Buch namentlich genannten Romanfiguren gibt es auch in echt, aber eh nur so ähnlich. Schade nur, dass das Buch so schlecht geschrieben ist.
Leïla Marouane hingegen, die in den 90er-Jahren vor der Gewalt in ihrer algerischen Heimat nach Frankreich geflohen ist, ist zurückhaltend genug, dem Alter Ego in ihrem neuen Roman einen anderen Namen zu geben. Ob es besonders elegant ist, der Schriftstellerin "Loubna Minbar" eine zentrale Rolle im eigenen Roman zuzuschanzen und die Handlung zum Schauplatz einer Privatfehde mit Schriftstellerkollegen zu machen, ist eine andere Frage.

"Das Sexleben eines Islamisten in Paris", so der peppige Titel, bietet aber wesentlich mehr als Selbstinszenierung. Seine Hauptfigur Mohamed ist ein erfolgreicher Banker mit algerischem Migrationshintergrund, streng religiöser Vergangenheit und akuter Sinnkrise. Er ist 40, noch Jungfrau und wohnt im Hotel Mama in der Banlieue. Das soll nun anders werden. Seinen Namen hat er franzisiert, die Haare geglättet, die Haut gebleicht. Anders hätte er keine Chance im nur scheinbar egalitären Frankreich, weder auf dem Arbeits- noch auf dem gnadenlos brutalen Pariser Wohnungsmarkt. Auch bei französischen Frauen hofft er nun endlich auf Erfolg.
Marouane tänzelt sichtlich vergnügt durch gesellschaftspolitische Minenfelder. Mohamed mag eine Karikatur sein – nichtsdestotrotz sind Diskriminierung, Assimilierungszwang sowie die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat eben auch in Frankreich Realität, woran nicht zuletzt die gelegentlichen Gewaltausbrüche in den Vorstädten erinnern. Besonders hat es die Autorin aber auf die in patriarchalen Traditionen und übertriebener Religiosität gefangenen Einwanderer abgesehen: Mohameds Mutter etwa bewahrt die Vorhaut ihres zum Islam übergetretenen Schwiegersohns im Gurkenglas auf, nur, um bei den Nachbarn ja keine Zweifel an der Rechtgläubigkeit des neuen Familienmitglieds aufkommen zu lassen.
Nur scheinbar gelingt es Mohamed, die als Fesseln empfundenen Wurzeln zu kappen. Er zieht zwar aus und erscheint nicht mehr zum sonntäglichen Couscous bei Muttern, doch sind alle Frauen, die er von nun an kennenlernt, Exilalgerierinnen. Sie haben aufwühlende Geschichten von Gewalt, Flucht, Exil und dem Kampf um die eigene Würde zu erzählen; bloß will Mohamed von all dem nichts mehr hören und stattdessen endlich Sex haben.
Im Vergleich mit den Büchern seiner Landsleute nimmt sich Tanguy Viels Ansatz ausgesprochen bescheiden aus: Der neue Roman des 37-jährigen Erfolgsautors, der für seine formvollendeten und spannungsreichen Kurzromane bekannt wurde, ist "nur" eine Familiengeschichte, und bekanntlich interessiert sich "kein Schwein" für Familiengeschichten, wie eine der Figuren weiß.

Ein koketter Satz, der seinen Zweck erfüllt – man möchte ihm natürlich sofort widersprechen. An der Stelle, an der er fällt, steckt man schon bis über beide Ohren in einer virtuos konstruierten Geschichte rund um Erbschaften, Millionenbetrug, falsche Freunde, innerfamiliäre Machtspiele und zerstörte Lebensentwürfe, die sich so spannend liest wie ein Krimi und im Tonfall nach Lust und Laune zwischen Situationskomik und bitterem Ernst changiert.
Ein Verbrechen gibt es zwar auch, die Frage nach dem whodunit stellt sich aber nicht. Schicht für Schicht werden die Geheimnisse sichtbar, die hinter der properen Fassade einer nicht ganz alltäglichen bretonischen Familie lauern und diese schließlich zur Implosion bringen.
Da gibt es eine Großmutter, die sich auf ihre alten Tage noch einmal verliebt und unerwartet Millionärin wird, einen Vater, der Millionen veruntreut und in den verhassten französischen Südwesten ziehen muss, bis Gras über die Sache gewachsen ist, einen Bruder, der Fußballstar wird und dabei seine Homosexualität entdeckt, eine übertrieben ehrgeizige, hartherzige Mutter, die an der Nervenkrankheit Tetanie leidet und sich bei Stress, in den sie leicht gerät, einen Plastiksack über den Kopf stülpen muss.
Und es gibt schließlich den Ich-Erzähler, einen sensiblen, nicht eben selbstbewussten jungen Mann, der sich von einem falschen Freund viel zu oft zu Dingen überreden lässt, die ihm später leidtun werden.
Gerade einmal 140 Seiten braucht Tanguy Viel für das alles. "Paris-Brest" ist ein feinmechanisches Meisterstück, bei dem jedes Wort millimetergenau sitzt. Und sogar ein paar schlaue Bemerkungen zum Roman an sich und zur Autofiktion gehen sich noch aus


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