Claude Lanzmann präsentiert sich als feiger Held

"Der patagonische Hase" von Claude Lanzmann

Eva Blimlinger
FALTER 39/2010

Der patagonische Hase
Erinnerungen
Claude Lanzmann
Rowohlt 2010

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Er hebt vor allem seine Feigheit hervor, wenn er sich an sein Leben erinnert, das Leben des Franzosen, Journalisten, Schriftstellers, Regisseurs und Widerstandskämpfers Claude Lanzmann. Feigheit, Mut und der Tod ziehen sich wie ein roter Faden durch die nun auf Deutsch vorliegende Autobiografie "Der patagonische Hase" dieses außergewöhnlichen Protagonisten des 20. Jahrhunderts. Hunderte Leben hätten nicht ausgereicht, seine Neugier auf das Leben zu stillen, meint Lanzmann, und nach dem Lesen bleibt der Eindruck, dass es tatsächlich mehrere Leben waren, die er gelebt hat oder noch immer lebt.

Lanzmann wurde 1925 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Weißrussland und der Ukraine in Paris geboren. Vater und Großvater waren 1913 eingebürgert worden und dienten also im Ersten Weltkrieg, was dem Großvater mütterlicherseits erspart blieb. Dieser konnte sein Geschäft ausbauen, und so war Pauline, seine Tochter, eine gute Partie bei der durch eine Heiratsvermittlung arrangierten Hochzeit, die zu einer unglücklichen Ehe führte. Die Mutter verließ in den 30er-Jahren die Familie und schlug sich mit Arbeit in einer Konservenfabrik durch, Claude, seine jüngere Schwester und sein Bruder blieben beim Vater, lebten mal bei den Großeltern, mal bei einer Witwe, bei der sie in Pension gegeben wurden. Immer fühlt sich Lanzmann verantwortlich für die kleineren Geschwister, für den Vater, ja sogar für die Mutter, zu der der Kontakt nur sporadisch und kompliziert war.
Im besetzten Frankreich überlebte die Familie durch List, Unterstützung, abenteuerliche Reisen – und nicht zuletzt durch den Widerstand. In Clermont-Ferrand, wo Lanzmann, ausgerüstet mit falschen Papieren, ganz offiziell zur Schule geht, schließt er sich, so wie der Vater, der Résistance an. Der Familie gelingt es, den Nationalsozialismus zu überleben, der Gestapo zu entkommen. Lanzmann stellt sich der Frage, was er getan hätte, wenn ihn die Gestapo doch erwischt hätte. Und stellt fest, dass er zu feige gewesen wäre, sich vorher eine Kugel in den Kopf zu schießen, um nicht unter Folter zu sprechen. Diese exzessive Feigheitseigeninterpretation scheint allerdings nicht nur der Realität, sondern auch einem gewissen moralischen Narzissmus geschuldet zu sein.

Manche Erinnerung wird in einen Interpretationszusammenhang gestellt, der dann doch etwas überhöht und konstruiert wirkt. Wenn die Mutter ihn während des Nationalsozialismus zwingt, in einem Geschäft unzählige Schuhe zu probieren, er sich nicht entscheiden kann und nach dem feindseligen Auftreten des Abteilungsleiters mit seinen "provinziellen Schnürschuhen" einfach davonläuft, schreibt Lanzmann von der Folter der "spanischen Stiefel" und bezeichnet sich selbst als "echten Antisemiten", als "antisemitischen Juden", der seine Mutter in dieser Situation im Stich lassen musste.
Nach dem Krieg studiert Lanzmann Philosophie, unter anderem auch in Tübingen, und unterrichtet 1948/49 als Lektor an der Freien Universität Berlin. Dennoch will er keine akademische Karriere einschlagen und arbeitet als Journalist. In den frühen 50er-Jahren beginnt seine lebensbestimmende Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und seine Liebe zu Simone de Beauvoir, die er Castor nannte und die ihn letztlich davon abhielt, nach Israel auszuwandern. Sartres "Das Sein und das Nichts" las er bereits in der Schule, bis heute gibt Lanzmann die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes heraus.

Es sind seine Filme, die Lanzmann international berühmt machten: "Warum Israel" (1973), "Shoah" (1985) und "Tsahal" (1994). Mit dem neun Stunden dauernden Dokumentarfilm "Shoah", in dem Lanzmann ohne Archiv- oder anderes Beweismaterial auskommt und nur Zeitzeugen – Opfer und Täter – im bloßen Interview und allenfalls vor den kläglichen Resten der "Originalkulisse" präsentierte, schaffte er ein Monument, das heute mit seinem Namen gleichgesetzt wird. "Mein Film musste die äußerste Herausforderung annehmen: die nicht existierenden Bilder vom Tod in den Gaskammern zu ersetzen", sagt Lanzmann dazu. Das ist ihm gelungen, den "Friseur von Treblinka" vergisst man nie mehr, hat man ihn einmal gesehen.
Lanzmann der, wie er schreibt, "mit einem selten visuellen Gedächtnis begabt" ist, verzichtet auch in seiner Autobiografie auf Fotografien – keine Bilder, nur Worte, die dann doch wieder zu eindrucksvollen, lesenswerten Bildern werden.


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