Die Angst vor dem Verglimmen des Joints

"Natürliche Mängel" von Thomas Pynchon, Nikolaus Stingl

Sebastian Fasthuber
FALTER 39/2010

Anzeige


Das Jahr ist 1970, der Ort Los Angeles. Der Held der Geschichte heißt Larry "Doc" Sportello, ein 30-jähriger Hippie mit gutem Herz und einer schlechtgehenden Privatdetektei.
Eine Art Strand-Marlowe mit Afro und Joint, bekommt Sportello zwar ausreichend Aufträge, allerdings stammen die meisten direkt oder indirekt von "Bigfoot" Bjornsen, einem schwedischstämmigen Polizeiermittler mit dubiosen Kontakten. Er macht Doc das professionelle Leben schwer, so gut er kann, und schickt ihn gleichzeitig gern vor, um sich von ihm Drecksarbeit erledigen zu lassen.
Irgendwann im letzten Drittel des Romans fragt sich Sportello nachvollziehbarerweise, für wen oder was er eigentlich arbeite. Seine – ebenso verständliche – Angst besteht darin, "dass die psychedelischen Sechziger, diese kleine Parenthese aus Licht, ja vielleicht doch zu Ende und komplett verschüttgingen, in Dunkelheit zurückgeholt wurden" – und zwar so schnell, "wie man einem Kiffer den Joint abnimmt und ihn endgültig ausdrückt".
Thomas Pynchon meldet sich nur drei Jahre nach dem gigantomanischen "Gegen den Tag" mit einem weitaus kleineren Roman zurück. Nicht nur, dass die knapp 500 Seiten "Natürliche Mängel" für seine getreue Lesergemeinde einen literarischen Snack darstellen; das Buch kommt darüber hinaus auch noch ebenso unverrätselt wie unterhaltsam daher.

Pynchon interessiert sich seit jeher für den Moment, in dem Systeme kippen. Hier ist es der Hippietraum, der durch Charles Manson auf einmal ausradiert wurde. Wenn er nicht von jeher eine Illusion war: "War es möglich, dass (...) finstere Gestalten schon immer, bei jeder Zusammenkunft – Konzert, Friedenskundgebung, Love-in, Be-in und Freak-in hier, im Norden, im Osten, ganz gleich wo – eifrig damit beschäftigt gewesen waren, die Musik, den Widerstand gegen die Macht, jedes sexuelle Verlangen von episch bis alltäglich, alles, was sie erwischen konnten, für die alten Kräfte von Gier und Angst zu reklamieren?"
Doc kämpft in der an Hard-Boiled- Krimis angelehnten Handlung stellvertretend für alle seine Kifferfreunde, Musiker, Filmfreaks und Groovy Girls gegen das Böse, das ihm in vielerlei Gestalten entgegentritt.
Da wäre ein Immobilienfinsterling namens Mickey Wolfmann, der seine deutschen Wurzeln hochhält und durchdreht, wenn sein Name mit nur einem "n" geschrieben wird. Das sind zahlreiche Gangmitglieder, darunter solche einer arischen Bruderschaft und Unterstützer der Black Panther; natürlich das FBI; eine Surfband, die aus Zombies besteht – sowie eine dubiose Vereinigung von Zahnärzten, zu der auch ein Schmuggelschiff zu gehören scheint.
Neben immer neuen, zum Teil gewalttätigen Widersachern hat Doc aber auch sein eigenes Erinnerungsvermögen zum Feind: Die Dauerkifferei hinterlässt gewisse Lücken, und es passiert schon mal, dass er im entscheidenden Moment wegdöst oder zu halluzinieren beginnt.

"Natürliche Mängel" ist ein Trip voller Sex (die betreffenden Szenen sind erfreulich bodenständig!), Drogen (jeglicher Art) und Rock 'n' Roll (sowie ein paar Schnulzen), und der inzwischen 73-jährige Pynchon lässt wenig Gelegenheiten aus, den 16-Jährigen in sich von der Leine zu lassen.
Wie in allen seinen Werken hat er Spaß daran, sich absurde Namen auszudenken: Sauncho Smilax für einen Marineanwalt, Spotted Dick für eine Band, Fritz Drybeam für einen Internetpionier, eine passende Bezeichnung für Docs Büro: "Lokalisierungen, Sicherheitschecks, Detektei". Und wie immer brechen seine Figuren gern in alberne Lieder aus oder erfreuen sich an alten Witzen. Ein Hippie beim Betreten eines Drugstores: "Ja, Tag, ich hätte gern paar Drogen, bitte."
Die an den Dude in "The Big Lebowski" erinnernde Hauptfigur und der Kifferhumor können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen höchst nostalgischen, wehmütig zurückblickenden Roman handelt. Auch Pynchon soll um 1970 in Los Angeles gelebt haben und dürfte wohl ein paar eigene Erfahrungen verarbeitet haben.
Um diese Zeit herum ließen sich immer mehr Exponenten der Gegenkultur als geheime Spitzel auf die Gehaltsliste des FBI setzen, um nicht ins Gefängnis zu wandern. Gleichzeitig wurde Heroin in Kalifornien nicht nur in der Musikszene zu einem Riesenproblem. Der Spaß war vorbei.
Und irgendwo in einem Schuppen zapften die ersten Freaks das (ursprünglich von der Luftwaffe entwickelte) Arpanet an – das allerdings die Erwartungen auf schockhafte Weise enttäuscht: "Das System kann mit Seelen nichts anfangen. So funktioniert es nicht."


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Family Matters

    D, GB "Friedemann trank und schrieb dann nicht. Emanuel trank nicht und schrieb. Christian trank und schrieb dann." Mit gar nicht so feiner Ironie...
    Rezensiert von Carsten Fastner in FALTER 39/2010
  • Ich zeichne das Gesicht der Zeit

    Essays - Reportagen - Feuilletons Merken Sie sich, Klötzel: Bei der Frankfurter Zeitung schreibt man nicht für die Leser, sondern für die Nachwelt", stutzte Joseph Roth einst...
    Rezensiert von Georg Renöckl in FALTER 39/2010
  • Food Change

    7 Leitideen für eine neue Esskultur Meine Herbstschau beginnt mit der üblichen Klage (jedes Jahr werden es mehr, diesmal habe ich selber noch eines beigesteuert, siehe Marginalspalte),...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 39/2010
  • Wölfe

    Roman In der Frick Collection in New York hängen ihre Porträts einander gegenüber, gemalt vom jüngeren Holbein: Thomas Morus, der Lordkanzler, und...
    Rezensiert von Sigrid Löffler in FALTER 39/2010
  • Putze!

    Mein Leben im Dreck Das Schlimmste ist das erste Mal. "Oder, besser gesagt, all die ersten Male, wenn man aufstehen muss, während die Stadt noch schläft." Den Kittel...
    Rezensiert von Sibylle Hamann in FALTER 39/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 39/2010

Anzeige

Anzeige