Schwarmintelligenz

"Gadget" von Jaron Lanier

Lukas Wieselberg
FALTER 39/2010

Gadget
Warum die Zukunft uns noch braucht
Jaron Lanier
Suhrkamp 2010
€ 20,50

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Ist Jaron Lanier ein weiterer alter Sack, der von der goldenen Zeit vor dem Internet redet, als alles noch überschaubarer und irgendwie besser war? Nein, ist er nicht. Erstens ist er mit seinen 50 Jahren noch gar nicht so alt. Zweitens sieht er mit seinen schulterlangen Dreadlocks den Kopffüßern, die er so verehrt, immer ähnlicher und damit schick aus. Und drittens weiß er, wovon er spricht. Das alleine unterscheidet ihn von vielen anderen, die glauben zur Internetdebatte beitragen zu müssen.

Lanier ist Informatiker, Künstler und Autor. In den frühen 80er-Jahren hat er Computerspiele programmiert und war ein Pionier beim Erschaffen künstlicher Welten. Den Begriff "virtuelle Realität" hat er geprägt oder zumindest popularisiert. Von Anfang an war er dabei, als die Hippies und Nerds in Silicon Valley begannen, die Welt umzugestalten.
Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter ist er aber heute nicht mehr der Meinung, dass Computer und Internet die Welt ausschließlich demokratischer und besser gemacht haben. Besonders skeptisch zeigt er sich gegenüber den heiligen Kühen Linux, Open Culture, Creative Commons und Wikipedia. In seinem neuen Buch "Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht" dekliniert er dieses Unbehagen auf unterschiedlichen Ebenen.
Der rote Faden: Während das frühe Internet von Usenet und ersten Webseiten noch ein Hort der Kreativität und Neugier war, untergraben Design und Praxis des Web 2.0 die Schöpfung originärer Leistungen. An die Stelle des Individuums ist eine Schwarmintelligenz getreten, die es immer besser weiß; eine Masse, die, geschützt durch eine "beiläufige Anonymität", mit Kommentaren und Postings ihre Mobspur hinterlässt; eine Weisheit der vielen, deren Arbeitsleistung für das Crowdsourcing findiger Unternehmen taugt, während ihr eigenes berufliches Ein- und Fortkommen alles andere als gesichert ist.
"Digitalen Maoismus" und "kybernetischen Totalitarismus" nennt Lanier die dahinter stehende Philosophie. Damit beweist er zwar nicht unbedingt historische Trennschärfe, aber Mut zu Diskussion und Zuspitzung.

Lanier belässt es nicht bei einem Buzzwording, das intellektuell nicht so sattelfeste Anhänger diverser Piratenparteien womöglich noch cool finden, sondern geht seiner Skepsis anhand zahlreicher Beispiele auf den Grund. Manche davon sind so simpel wie überzeugend. Wer z.B. hat sich noch nicht geärgert, wenn sich Word wieder einmal selbstständig macht? Dessen Autovervollständigung gibt vor, die menschliche Intention zu erraten – für Lanier ist dies ein Beispiel einer "neuen Philosophie, wonach der Computer sich zu einer Lebensform entwickelt, die den Menschen besser versteht als sich selbst". Dahinter stecken ihm zufolge in der IT-Szene weit verbreitete Gedanken ("Singularität", "Noosphäre"), die davon ausgehen, dass es dereinst einen transhumanen, weltweiten, auf Computern basierenden Netzwerkgeist geben wird, Bewusstsein inklusive.
Gegen diese Philosophie, die er auch als Religion bezeichnet, fallen Lanier durchaus Argumente ein, wie z.B. dass Bits nur etwas bedeuten, wenn sie erfahren werden, von Menschen nämlich. Als "humanistischer Softie", wie er sich folgerichtig selbst bezeichnet, schreibt er gegen das Verschwinden der Person an. Er ist gegen die Inflation des Freundschaftsbegriffs und Multiple-Choice-Identitäten à la Facebook, gegen die Vorherrschaft von Sekundärleistungen, die er im Mixen und Kombinieren bereits vorhandener Medieninhalte sieht, und auch gegen die Ersetzung von Argumenten durch Fragmente – wie es durch Twitter und Co forciert wird. Bei alldem geriert er sich nicht als Maschinenstürmer, sondern plädiert für einen maßvollen, "erwachsenen" Umgang mit dem Web 2.0.
Als alter Hase der Branche gibt er auch praktische Tipps, was jeder Einzelne zu einem besseren Web beitragen könnte. Zum Beispiel: "Posten Sie gelegentlich ein Video, dessen Herstellung Sie hundertmal mehr Zeit gekostet hat, als man zum Anschauen benötigt."

Das Reflexionsniveau von Lanier ist hoch, er kombiniert Gedanken aus Evolutionsbiologie, Computerwissenschaften, Philosophie, Kunst und mehr. Mitunter holpert sein Versuch zur Rettung des Menschen, etwa wenn er die Wurzeln des kybernetischen Totalitarismus bei Freud und Marx sieht, dessen Blüte aber für die aktuelle Finanzkrise verantwortlich macht. Auch seine Beschreibung der Zeit vor Web 2.0 erscheint ein wenig verklärt. Dennoch: Lanier liefert mit seinem Buch ein wichtiges Signal in einer Debatte, die von allzu viel
Noise geprägt ist.


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