Kriemhild, der geile Depp und der intrigante Sack

"Was bisher geschah" von Loel Zwecker

Andreas Kremla
FALTER 39/2010

Anzeige


Loel Zwecker blättert im Bilderbuch Weltgeschichte. Obwohl er nur einzelne Schwarzweißfotos verwendet, gelingt es ihm, viel Farbe ins Werden der heutigen Welt zu bringen. Beginnend mit der Zusammenfassung der Frühgeschichte im Vorwort skizziert er mit wenigen Strichen die großen Reiche der Antike – plastisch und oft auch witzig. Nicht nur Rom und Griechenland dürfen ins Album, sondern auch Persien, Indien und China.
Der ehemalige Dozent für Kunstgeschichte hat Erfahrung darin, Kunst und Politik zu verknüpfen. Schwere historische Stoffe entstaubt er durch den Vergleich mit aktuellen Ereignissen. Eine Stärke der historischen Rundschau liegt im nüchternen Blick auf Tatsachen, die uns heroisch gefärbte Geschichtsbücher vorenthielten: "Bei der damaligen Lebenserwartung kann man davon ausgehen, dass man, wenn man zu Beginn des 17. Jahrhunderts zur Welt kommt, auch ohne Opfer der Kämpfe zu werden, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nie etwas anders im Leben mitbekommt als Krieg."
Je näher es Richtung Gegenwart geht, desto mehr scheint sich der Autor der Vollständigkeit verpflichtet zu fühlen.

Die Bilder werden detaillierter, aber blasser, der Schwung gerät ins Stocken. Zu bewältigen ist die Stofffülle offenbar nur durch Konzentration auf Europa – immerhin mit Kurztrips in die Kolonien und ihre Nachfolgestaaten. Als durchgehend gelungen können die knappen Analysen der wirtschaftlichen Parameter gelten, die oft mehr Geschichte machen als Staatslenker und Helden.
Insgesamt hinterlässt dieser Spaziergang durch die Weltgeschichte ein Gefühl wie nach einem Varieté: viel gesehen, ein wenig gelacht, ein wenig gestaunt, gegen Ende ist's vielleicht auch etwas lang geworden. Ein paar Eindrücke sind hängen geblieben – aber gab's da einen größeren Zusammenhang? Egal, morgen ist ein neuer Tag.

Bei Schulte-Richtering ist Comedy angesagt. Auch der Fernsehautor hat sich über die Weltgeschichte hergemacht. In früheren Jahren firmierte er als Autor für "Deutschland sucht den Superstar", seit 2008 darf er sich persönlicher Autor für Thomas Gottschalk und seine "Wetten, dass ...?"-Show nennen. Auch in der Vergangenheit sucht er natürlich nach den Pointen. Dass er mit Vollständigkeit und Seriosität nicht viel am Hut hat, wird schon im Inhaltsverzeichnis klar. "Kriemhild und der geile Depp" (Nibelungen-Saga), "Der intrigante Sack" (Niccolò Machiavelli).
Die europäische Geschichte macht der Satiriker durch Gschichtln greifbar. Anstatt mühevoll große Zusammenhänge zu erklären, sucht er sich schräge Perspektiven. Goethes Werk lernt man aus Sicht seiner weniger erfolgreichen Liebschaften kennen, die Französische Revolution beginnt mit einem Quiz.
Die Lösung für den Buchtitel findet sich bei einem streng geheimen Orden: "Wer also dreist behauptet, ein Templer zu sein, ist natürlich nur ein Angeber. Wer aber beteuert, kein Templer zu sein, könnte der Großmeister persönlich sein. Weil das aber bekannt ist, macht man sich durch Leugnen nur verdächtig (…)." Das sei wie Schnick-Schnack-Schnuck-Spielen, meint der gebürtige Osnabrücker Schulte-Richtering. So heißt die norddeutsche Variante von Knobeln vulgo Schere-Stein-Papier.
Überraschende Einblicke ins Mittelalter sind nicht nur der Klamauktauglichkeit von Geheimbünden und Kreuzrittern zu verdanken: Schulte-Richtering hat neben Sprachlichem vor seinem Fernsehleben auch Mediävistik studiert.

Im Dauerfeuermodus verlieren selbst gute Witze an Effekt, Richtung Neuzeit geraten manche etwas derb. Stets unterhaltsam bleibt der Mutterwitz, mit dem der Autor Details, Zitate oder auch Gedichte auswählt. Mühelos lässt sich lesen, was unsere Vorfahren im Lauf der Epochen so alles angestellt haben.
Die Blicke durch ihre Zeitfenster sind nie erschöpfend und ermüden daher nicht. Schulte-Richterings Histotainment funktioniert. Am Ende unterstreicht der hemmungslose Umgang mit historischen Highlights und Hoppalas eine Erkenntnis der Pädagogik: Dinge, über die man lacht, bleiben im Gedächtnis.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Zweimal Überleben

    Von Auschwitz zu den Müttern der Plaza de Mayo. Die Geschichte der Sara Rus Im deutschsprachigen Raum wird Argentinien zumeist mit Diego Maradona, saftigen Steaks und leidenschaftlichem Tango assoziiert – die Frankfurter...
    Rezensiert von Julia Zarbach in FALTER 39/2010
  • Süße Fische aus Seen und Flüssen

    Die besten Rezepte von Aal bis Zander Meine Herbstschau beginnt mit der üblichen Klage (jedes Jahr werden es mehr, diesmal habe ich selber noch eines beigesteuert, siehe Marginalspalte),...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 39/2010
  • Das Kaninchenhaus

    Argentinien ist eine Bruchzone zwischen Europa und Lateinamerika", bemerkt Jorge Luis Borges."Europäisch sind die Traditionen und das Lebensgefühl,...
    Rezensiert von Sigrid Löffler in FALTER 39/2010
  • Die Spur des Öls

    Sein Aufstieg zur Weltmacht Dass die Gier nach Öl und anderen Rohstoffen die Geopolitik prägt, gilt als Binsenweisheit, auch jenseits aller Verschwörungstheorien. Die wahren...
    Rezensiert von Karin Chladek in FALTER 39/2010
  • Schwarmintelligenz

    Wie einfache Regeln Großes möglich machen Die Zahl der Menschen weltweit steigt immer weiter an, und gleichzeitig leben auch immer mehr Menschen in urbanen Ballungsräumen. Dem Phänomen...
    Rezensiert von Peter Iwaniewicz in FALTER 39/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 39/2010

Anzeige

Anzeige