Das Leben ist ungerecht – es lebe die Gerechtigkeit!

"Das Leben ist ungerecht" von Thomas Macho

Kirstin Breitenfellner
FALTER 39/2010

Das Leben ist ungerecht
Thomas Macho
Residenz 2010

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Das Leben ist ungerecht. Das scheint der Ausgangspunkt zu sein für das menschliche Fragen nach der Gerechtigkeit. Aber wie kommt der Mensch darauf, dass es so etwas geben sollte wie die Gerechtigkeit? Etwas, das die Natur anscheinend nicht vorgesehen hat. Drei neue Bücher befassen sich mit einem philosophischen Thema, das umfangreiche praktische Anwendungsgebiete eröffnet, vom Steuersystem über die Gesundheitsvorsorge bis zu Bildung und politischen Freiheiten, aber auch über die Staatengrenzen hinaus, denn in Zeiten des globalen Wirtschaftens und der immer enger zusammenwachsenden Weltgemeinschaft wird es zusehends unmöglich, Gerechtigkeit nicht über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus zu definieren – und eventuell auch über die Speziesgrenzen hinaus.

Am Anfang steht das Unrecht
"Unrecht zu erkennen, dem man abhelfen kann, ist nicht nur ein Beweggrund für unser Nachdenken über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern auch zentral für die Theorie der Gerechtigkeit – das möchte ich in diesem Buch zeigen", sagt der Professor für Wirtschaftswissenschaften in Harvard Amartya Sen, geboren 1933 in West-Bengalen, der 1998 für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard den Nobelpreis erhielt. "Die Idee der Gerechtigkeit" erschien erst 2009 im Original, und obwohl darin Sen die gesamte Philosophiegeschichte aufarbeitet (samt überbordendem Anmerkungsapparat), steht für ihn die praktische Anwendbarkeit seiner Theorie im Vordergrund. Ziel müsse eine auf öffentlichem Vernunftgebrauch beruhende Einigung über die Rangfolge der Maßnahmen zur Herstellung von mehr Gerechtigkeit und die Vorbeugung von offenkundigem Unrecht sein – und nicht das utopische Definieren von absoluter Gerechtigkeit.
Wohltuend ist dabei die über die europäische Tradition von Hobbes, Locke, Hume, Kant, Smith oder Wollstonecraft hinausgehende Perspektive, die die Korrespondenzen zum östlichen Denken betont und mit Beispielen aus der Bhagavadgita über Buddha bis zu Gandhi belegt und die zwei Arten des Gerechtseins aus der frühen indischen Rechtslehre, niti und nyaya, in die Diskussion einbringt. Erstere betrifft die Korrektheit von Institutionen, Zweitere stellt das tatsächliche Verhalten der Menschen in den Vordergrund.
Sen war einer der Gründerväter des World Institute for Development of Economic Research (WIDER), für das auch die US-amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum tätig wurde. Die beiden Wissenschaftler (die über mehrere Jahre auch Lebenspartner waren) arbeiteten Mitte der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre eng zusammen und entwickelten einen neuen Ansatz für eine Theorie der Gerechtigkeit, den sogenannten Fähigkeitenansatz (Capability Approach), mit dem sie dem vorherrschenden Kontraktualismus, der Theorie eines Gesellschaftsvertrags von Freien und Gleichen, den Rücken kehrten. Nussbaum, Jahrgang 1947, arbeitet heute als Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der Universität Chicago und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart. Als selbsterklärte Aristotelikerin stellt sie Fragen des guten Lebens in den Mittelpunkt ihres Denkens.
Ihr Buch "Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit" erschien bereits 2006 im Original. Auch hier fällt wie bei Sen die beinahe schon unheimlich anmutende Verehrung für John Rawls auf, dessen "herausragendes Werk", die "überzeugendste Theorie der Gerechtigkeit, über die wir verfügen", von Sen wie von Nussbaum vorsichtig, aber umso nachhaltiger auseinandergenommen wird. Spätestens 1971, als er "Eine Theorie der Gerechtigkeit" vorlegte, wurde Rawls zum einflussreichsten Gerechtigkeitstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorie postuliert einen "Urzustand" in einer imaginären Gesellschaft, in dem gleichberechtigte Personen unter dem "Schleier des Nichtwissens" (d.h. ihres Ranges und somit ihrer eigenen Inte-
ressen) einen auf Vernunft basierenden einstimmigen Gesellschaftsvertrag zu ihrem eigenen Vorteil schließen.
Während Rawls den aus einem hypothetisch gerechten Abkommen entstandenen Institutionen und der Verfahrensgerechtigkeit die wichtigste Rolle zuschreibt, stellt Sen das wirkliche Verhalten der Menschen in den Mittelpunkt, das durch "gerechte" Institutionen nicht notwendigerweise unfehlbar wird, sondern allzu oft korrumpierbar bleibt – sowie eine gesellschaftliche Realität, in der Einstimmigkeit nicht vorkommt. Nussbaum wirft gegen den gemeinsamen Säulenheiligen zudem noch diejenigen in die Waagschale, die bei diesem (vorgestellten) "Vertrag" nicht gefragt worden sein können und somit nicht ja sagen konnten: Menschen aus benachteiligten Regionen, Behinderte und "nichtmenschliche Tiere".
Nussbaum/Sen stellen Rawls' idealistischer Theorie einen nicht auf Regeln, sondern auf Verwirklichung konzentrierten Ansatz entgegen mit einem Schwerpunkt auf komparativer Betrachtung, Anerkennung einer Pluralität von konkurrierenden Grundsätzen, ständiger Überprüfung und Adjustierung sowie der Zulässigkeit von Teillösungen. Diese geräumigere und weniger unbedingte Form überwindet nicht nur die Grenzen des Nationalen, sondern stößt auch das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt eines Landes von seinem Sockel als Messlatte für Gerechtigkeit, da es weder Auskunft über tatsächliche Verteilung von Einkommen noch über Chancen und Lebensqualität geben kann.

Der Fähigkeitenansatz
Was braucht der Mensch für ein gutes, gelingendes Leben? Um diese Frage kreist der von Sen/Nussbaum entwickelte Fähigkeitenansatz. Und unterscheidet hier zwischen Mitteln (Geld, Bildung etc.) und Zielen (Glück, Freiheit). Materielle Güter werden nicht als Selbstzweck erachtet, sondern als Hilfsmittel, die Befähigungen zum Tragen zu bringen, über die der Mensch verfügen muss, damit er sein Leben erfolgreich gestalten kann. Er versteht sich als liberal, pluralistisch und kommt ohne metaphysischen Überbau aus. Während Sen als Ökonom die vergleichende Messung von Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt, geht es Nussbaum darum, die philosophischen Grundlagen zu liefern, auf denen die Fähigkeiten ausformuliert werden – wegen der angestrebten kulturübergreifenden Zustimmung idealerweise so allgemein wie möglich. Auch aus diesem Grund wird das Religiöse hier ausgeklammert.
Sen räumt der Vernunft weiterhin einen hohen Rang ein. Auch die angebrachte Skepsis über die Reichweite des Vernunftgebrauchs, meint er, sei kein Grund gegen den bestmöglichen Vernunftgebrauch. Demokratie definiert er als "Regierung durch Diskussion", d.h. Vernunft, und weist darauf hin, dass es in funktionierenden Demokratien noch nie zu einer schweren Hungersnot gekommen sei. Denn um Hungersnöte einzudämmen, brauche man nicht mehr Lebensmittel, sondern mehr Informationen, d.h. eine freie Presse. Nussbaum hingegen stellt, argumentiert anhand von drei klug ausgewählten Einzelschicksalen geistig Behinderter, die These in den Vordergrund, dass Vernunft und Gerechtigkeit sich nicht gegenseitig bedingen können. Denn auch Wesen "ohne Vernunft" haben ein Leben in Würde und Achtung verdient. Diese Erkenntnis beruht auf Intuition, wie Nussbaum mehrfach betont, und sie impliziert, dass Gerechtigkeit nichts mit dem eigenen Vorteil zu tun haben kann, sondern um ihrer selbst willen ausgeübt werden sollte.
"Der Zweck sozialer Kooperation besteht nicht darin, einen Vorteil zu erlangen, sondern die Würde und das Wohlergehen aller Bürgerinnen und Bürger zu fördern." Zwei weitere ungelöste Probleme, in denen Nussbaum Aufholbedarf an Gerechtigkeit ortet, sind Menschen jenseits nationaler Grenzen und Lebewesen jenseits der Gattungsgrenze: Tiere. Damit geht Nussbaum einen fundamentalen Schritt weiter als Sen – und hier wird sie wohl auf die meiste Skepsis stoßen.
Ein wenig befremdlich mutet die Tatsache an, dass eine Theorie mit globalem Anspruch die Quellen und Argumente ausschließlich innerhalb der eigenen Disziplin sucht und findet. So beruft sich Nussbaum vorrangig auf Hugo Grotius ("De jure belli ac pacis", 1625) und dessen Vorstellung elementarer Ansprüche. Über menschliche Gefühle dürfen Kant und Hume Auskunft geben, nicht aber die Kollegen der Psychologie und deren neueste Forschungsergebnisse.

Die Grundlagen der Freiheit
Anders als Sen hat Nussbaum eine konkrete Liste von Fähigkeiten entwickelt, die sie als wesentliche Anforderungen an ein menschenwürdiges Leben versteht, eine Konzeption der minimalen und zentralen sozialen Ansprüche, für die, wenn sie akzeptiert werden, Schwellenwerte festgelegt werden müssen, die definieren, ab wann der Gerechtigkeit Genüge getan wurde.
Die Fähigkeiten lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen: 1. ein Leben in "normaler" Länge, 2. körperliche Gesundheit, 3. körperliche Integrität, 4. die Möglichkeit, Sinne, Vorstellungskraft und Denken zu benutzen und 5. Gefühle und Bindungen leben zu können, 6. sein Welt- und Menschenbild und die Lebensplanung beeinflussen zu können, 7. Zugehörigkeit in Selbstachtung und ohne Diskriminierung leben zu können, 8. in Beziehung zur Natur leben zu können, 9. Spiel und Erholung, 10. politische Partizipation und Eigentumsrechte.
Die "tierischen" und materiellen Grundlagen der Freiheit werden damit klar in den Vordergrund gestellt. "Der Fähigkeitenansatz betont also, dass wir zeitgebundene Wesen mit Bedürfnissen sind, die ihr Leben als Säuglinge beginnen und bis zu ihrem Lebensende häufig noch andere Formen der Angewiesenheit erleben, und berücksichtigt dies in seiner politischen Konzeption der Person, die als Basis der politischen Grundprinzipien dient." Sein Ziel: "ein würdevolles Leben für viele verschiedenartige Lebewesen sicherzustellen".
Wie bereits erwähnt, umfasst das auch "nichtmenschliche Tiere". Dass der 100 Seiten lange Abschnitt, der diesem Problem gewidmet ist, argumentativ am wenigsten ausgereift wirkt, liegt vermutlich daran, dass die Fähigkeiten innerhalb des Tierreichs unüberschaubar sind und die Interessen der Tierarten einander teilweise fundamental widersprechen: Was zählt mehr, die Jagdlust des Löwen oder der Lebenswille der Gazelle? Letzterer, sagt Nussbaum und würde sogar dementsprechend in das Leben von Tieren eingreifen. Erschwerend hinzu kommen die unzureichende Kenntnis der menschlichen Tiereüber ihre Artgenossen sowie der unrealistische Umfang und die Kosten eines solchen Projekts. Nussbaums Vorstellung einer interdependenten Welt, in der alle Spezies kooperative und wechselseitig unterstützende Beziehungen unterhalten, kulminiert schließlich in der kühnen These: "Die Natur entspricht diesem Ideal nicht und hat ihm nie entsprochen. Ganz allgemein gesprochen ist daher eine allmähliche Ersetzung des Natürlichen durch das Gerechte nötig."

Ist der Tod jemals gerecht?
"Das Leben ist ungerecht." In den verschiedensten Sprachen zitiert Thomas Macho zum Beginn seines gleichnamigen Buches diesen Stoßseufzer alltäglichen Missgeschicks, der auch als Rhetorik der Erschütterung auftreten kann und sich bei näherer Betrachtung als Imperativ erweist, der, so Macho, bald an seine natürlichen Grenze stößt – die Endlichkeit des menschlichen Lebens. Dass Macho, 1952 in Wien geboren und Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, die Tatsache des Todes in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen stellt, vermag kaum zu verwundern, schließlich publiziert er seit geraumer Zeit über Zeitrechnung und Todeskulte. Sein Buch besteht aus drei Vorträgen, die Macho im Frühjahr diesen Jahres an der Grazer Akademie gehalten hat.
Gerechtigkeitstheorien reduzieren den Einzelnen auf Statistik, meint Macho. "Darin besteht ihre unvermeidliche Ungerechtigkeit, die dem Satz ,Das Leben ist ungerecht' noch eine andere Bedeutung gibt?" Denn was nützt eine weltweit reduzierte Kindersterblichkeit, wenn das eigene Kind stirbt? Die Ungerechtigkeit des Lebens "besteht auch in seiner Inkommensurabilität, die in theoretisch-programmatischer Komparatistik notwendig ausgelöscht wird, obwohl gerade eine Kommunität der Sterblichen – ohne Hoffnung auf Himmel, Erlösung und Weltgericht – die Verpflichtung existenzieller Gerechtigkeit anerkennen muss". Macho hat es sich zu Aufgabe gemacht, "an ungelöste (und mitunter auch unlösbare) Fragen zu erinnern, die im Spannungsfeld zwischen Sozialpolitik, Ökonomie, Rechtsprechung und Religion auftauchen".
Alle Menschen sind gleich. Diese Gewissheit zählt zu den Grundprinzipien moderner Moral. "Und dennoch wissen wir: Dieser Satz kollidiert unentwegt mit der Wirklichkeit. (…) Das Leben ist ungerecht, weil Geburten ungerecht sind; das Leben ist ungerecht, weil der Tod ungerecht ist." Denn der Tod stellt eine absolute Grenze dar, die nicht wie die Vorteile der Geburt an Körper, sozialem Status etc. von der Gesellschaft ausgeglichen werden können.
Halt, ist der Tod nicht das einzig Gerechte, möchte man gegen Macho einwenden, gerade weil er jeden gleichermaßen trifft, ohne Rücksicht auf gesundheitlichen oder sozialen Status? Aber Macho will auf etwas anderes hinaus. "Ist der Tod jemals gerecht?", fragt er. "Gibt es einen Moment, in dem irgendjemand sagen kann, nun habe er (oder ein anderes Lebewesen) lang genug gelebt? Gibt es einen Moment, in dem jemand sagen kann, nun habe er (oder ein anderes Lebewesen) gut genug gelebt? (…) Sterblichkeit als Existenzial und die programmatische Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit stehen in so radikaler Opposition zu einander, dass alle Kulturen geradezu als Laboratorien betrachtet werden können, in denen an der möglichen Überwindung dieser Opposition gearbeitet wird."
Im Folgenden unternimmt Macho einen Gang durch die Kulturen und ihre entsprechenden Versöhnungsversuche, von ägyptischen Jenseitsgerichten über die indische Karmatheorie bis zum christlichen Theodizeeproblem, der Frage danach, ob Gott gut bzw. gerecht und allmächtig zugleich sein kann. Historisch gesehen war der böse und ungerechte Gott der Normalfall, referiert Macho, erst mit dem Monotheismus trat ein Erklärungsnotstand auf, denn ein guter Gott widersprach jeder unmittelbaren Erfahrung.
Der dritte der Vorträge behandelt die "altgriechische Kultur der Anerkennung der Sterblichkeit durch Aufhebung in das Gemeinwohl". Der essenzielle Vorrang der Gemeinschaft der Sterblichen gegenüber den Toten in der Athener Demokratie kann nach Macho "geradezu als Fundament moderner Verfassungen und demokratischer Rechtsordnungen charakterisiert werden". Die Ausschließung der Toten wurde zur "Basis der Rationalität unserer Kultur". So schließt sich der argumentative Kreis dieses lesenswerten Korrektivs zu den Büchern von Sen und Nussbaum, das am Schluss etwas weit abkommt vom Thema in Richtung christlicher Ideengeschichte.

Alle Menschen sind gleich?
Eine große Leerstelle bleibt. Denn keiner der drei Autoren geht auf die Frage ein, wie der Mensch überhaupt auf die Idee kommt, dass es Gerechtigkeit geben sollte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Thema Neid und Begehren in den insgesamt gut tausend Seiten langen Ausführungen der drei Autoren nicht vorkommt. Denn sonst müsste man sich vielleicht die unangenehme Frage stellen, ob es bei der hehren Sehnsucht nach Gerechtigkeit nicht nur darum gehen könnte sicherzustellen, dass alle gleich sind und ergo gleich viel besitzen – sondern auch, dass niemand mehr besitzt als man selbst.


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