Vom Eigenleben der Gebäude

"Der Berliner Architekturstreit" von Florian Hertweck

Sebastian Kiefer
FALTER 39/2010

Der Berliner Architekturstreit
Stadtbau, Architektur, Geschichte und Identität in der Berliner Republik 1989-1999
Florian Hertweck
Mann, Gebr. 2010
€ 50,40

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Berlin war nach der Wiedervereinigung nicht nur die größte Baustelle der Welt: Zu fragen, wie diese Stadt gestaltet werden sollte, hieß hier immer zugleich zu fragen, was die deutsche Nation sein wollte. Und das taten die Deutschen fieberhaft. Nur deshalb konnte ein einziges, kurzes, 1993 im Spiegel platziertes Pamphlet zur Zukunft des Bauens die Öffentlichkeit über Monate erhitzen. Und das, obwohl es inkonsistent, terminologisch unsauber und ideologisch zweifelhaft war.
Der von Vittorio Magnago Lampugnani, seinerzeit Direktor des Deutschen Architekturmuseums, erhobene Vorwurf, die Postmoderne habe Urbanität zugunsten kurzlebiger, sensationeller Pointen geopfert, war schon damals alt. Noch älter war die Verdammung des klassischen Funktionalismus als urbanitätsfeindliche Tabula-rasa-Ideologie, die gewachsene Innenstädte zugunsten toter Trabantenstädte und infernalischem Verkehr vernichtet hat. Das längst wieder etablierte Material Stein wollte Lampugnani mit der Rhetorik eines Entscheidungskampfs obligatorisch machen: Nur Stein und eine klare "Tektonik" der Fassade könnten "Inseln der Ordnung im Strom der Verwirrung" schaffen.

Wertkonservativer Provokateur
Einfachheit, Ordnung, Klarheit, Dauer, Ruhe – Lampugnani gab den wertkonservativen Provokateur, wie er damals schick zu werden begann. Dennoch war die von ihm ausgelöste, mehr als zehn Jahre dauernde publizistische Schlacht ein Modellfall für das Fragen nach der Rolle von Architektur in Moral und Geschichte. Ihre Rhetorik verbarg handfeste Interessen und sehr deutsche ideologische Traditionen. Trotzdem trafen hier grundlegende Weisen, Urbanität zu deuten und zu legitimieren, geballt aufeinander.
Das lehrt vorbildlich klar das im Mai erschienene Buch des Architekten und Hochschullehrers Florian Hertweck "Der Berliner Architekturstreit": Lampugnanis Pamphlet überhöht mit kulturkritischen Altbeständen, was die offizielle Baupolitik Berlins, in der Lampugnani beratend, jurierend, bauend, forschend, kollegial verwickelt war und ist, anstrebte. Deren "kritische Rekonstruktion" beanspruchte autoritär, mit einer Regulierung von Fassadenstruktur und Traufhöhe wesenstypisch Berlinerisches wiederherzustellen – doch das ist ein willkürliches, politisch-ästhetisches Konstrukt.
Man forderte Einheitlichkeit und berief sich auf Schinkel, den Lokalheiligen, doch der hatte bereits das barocke Berlin gehasst, träumte von der hierarchie- und grenzenlosen Stadt liberaler Bürger und bevorzugte ein Stadtbild, das von markanten Solitären geprägt war.
Hertweck macht aus den rhetorischen Schaukämpfen ein Lehrstück über die Implikationen eines Kunstdiskurses. Einseitigkeiten, terminologische Misslichkeiten und Lücken seiner eigenen Darstellung wiegen dagegen gering.
Die Losung "neue Einfachheit" jedenfalls war nicht Lampugnanis Prägung, die Neue Musik hatte in den 1970er-Jahren unter diesem Begriff ihren eigenen Kulturkampf um die klassische Avantgarde geführt. "Formierte Stadt", das Schlagwort der offiziellen Berliner Baupolitik, wird als Echo der "formierten Gesellschaft" Ludwig Erhards erkennbar, der damit die Rhetorik der antipluralistischen Moderneskeptiker und Gemeinschaftsideologen der Vorkriegszeit fortsetzte.

Historiker der modernen Stadt
Die Dekonstruktion des Pamphletisten Lampugnani darf allerdings niemals den viel begabteren der beiden öffentlich in Erscheinung tretenden Lampugnanis vergessen machen: den Historiker der modernen Stadt mit enzyklopädischem Blick und Wissen. Dieser hat seinem Verleger Klaus Wagenbach zum 80. Geburtstag eine grandiose Summe seines Forscher-
lebens geschenkt, eine Augenweide in Satz und Illustration mit einer Fülle seltener Originalpläne.
Lampugnani hat, wohl im Wissen darum, dass seine Stärke nicht in der begrifflichen Abstraktion, der kriteriellen Innovation oder gar im System, sondern in der Aufmerksamkeit für ein jeweiliges Baudenken liegt, eine außerordentlich glückliche Kompositionsentscheidung getroffen: Er stellt keine Entwicklung der tatsächlichen Urbanisierung dar, sondern errichtet erzählend eine Galerie einzelner Typen des Denkens und Entwerfens der "Stadt im 20. Jahrhundert".
Diese Jahrhundertbilanz kann gar kein Lehrgebäude sein, denn die großen Patent- und Gesamtlösungen sind allesamt gescheitert. Zurück bleibt eine Galerie der Denkbilder. Le Corbusier irrlichtert erwartungsgemäß wie der Geist des Bösen durch das Buch. Die Abrechnung mit seinem Größenwahn, die Menschheit neu zu zivilisieren, indem man das Gewachsene auslöscht und an seine Stelle eine neue, hygienische, seriell machbare und effektive Stadtwelt setzt, ist unerbittlich, aber begründet. Doch Corbusier, der "Meister", wie ihn Lampugnani herablassend nennt, war bisweilen inkonsequent genug, schöpferische Abweichungen vom Marschallplan der "Chartes d'Athen" zuzulassen und so einige Perlen des Bauens zu schaffen.
Es finden sich konzentrierte Glanzstücke erzählend verstehender Kunstgeschichte in dieser Summa, so das eindringliche Porträt Frank Lloyd Wrights und dessen bizarrer Mischung aus provinzieller Idiosynkrasie, zwanghaftem Patriarchalismus und weltmännischer Noblesse der Raumformen.
In Sachen Postmoderne kann Lampugnani nicht über den Schatten seiner Ressentiments springen und handelt Wright mit wenigen uninspirierten Seiten ab. Die Wiederaufbaupläne in Deutschland sind ihm nur eine flüchtige Skizze wert – die er allerdings unmittelbar an das Kapitel über den nationalsozialistischen Planungs- und Monumentalirrsinn anschließt. Das ist auch ein Kommentar. Überhaupt sind die einzelnen Denkbilder oft listig postiert und verwoben. Von dem monströs historisierenden Spektakel der Chicagoer Weltausstellung von 1894, mit dem die aufstrebenden USA ihre zunehmenden Herrschaftsansprüche städtebaulich demonstrierten, scheint der Bombast des kommunistischen Zuckerbäckerstils tatsächlich nur einen bestürzend kleinen Schritt entfernt zu liegen.

Vom Eigenleben der Gebäude
Den Anfang des Bands macht die Gartenstadt, die Idee von einem Ausgleich zwischen Stadt und Land, vielleicht der grundlegendste Wohntraum des 20. Jahrhunderts. Doch die Gartenstadt war nur eine Variante der Arbeiter- und Angestelltensiedlungen, und diese wurden nicht von Revolutionären gebaut, sondern von paternalistischen (englischen) Fabrikbesitzern. Ein wertkonservativer Ironiker im Hintergrund scheint hier sagen zu wollen: Der grundlegendste Bautraum des 20. Jahrhunderts ist dem paternalistischen Fabrikan-
tenethos entsprungen.
Natürlich provoziert Lampugnani wieder freudig den piefig moralisierenden Commonsense und besteht darauf, dass die Distanz des Enzyklopädisten nicht vor dem Architekturdenken der totalitären Regime haltmachen darf: Autobahnbrücken können, auch wenn der Bauherr der nationalsozialistische Staat ist, ihre Meister finden und dann, ja, sogar "schön" sein.
Regelrechte Triumphe feiert der Erzähler Lampugnani, wenn er dem sicherlich angemessen empörten deutschen Leser vorführt, wie Mussolini die klassische Moderne beinahe zur Staatsdoktrin erhoben hat – und es ihm gelingt, auch diese als Denktypus von möglicherweise eigenem Recht vorzuführen.
Das geht peinlich schief bei der monströsen Città Universitaria Roms, und die kuriose Arena Flegrea Neapels "wunderbar" zu nennen, ist kleinliche Provokationslust, doch Lampugnani kann mit Giuseppe Terragnis "Casa del Fascio" im Como aufwarten. Ihr Urheber wollte sie als archetypischen Ausdruck des Faschismus verstanden haben, doch sie ist ein Werk, das minimalistische Klassizität meisterhaft mit funktionalistischer Askese und Serialität versöhnt. Dieses Denkbild lehrt, ohne dass es ausgesprochen würde: Gebäude entwickeln ab einer gewissen Kunsthöhe ein Eigenleben gegenüber den Weltanschauungen ihrer Zeit und Urheber.
Nichts anderes aber hatte Aldo Rossi, Lampugnanis wohl wichtigster Lehrmeister, behauptet und bestand deshalb auf "Permanenz" als höchstem architektonischem Ziel, auf Solidität und auf einem Denken in elementaren "Typen" der Raumgestaltung und Materialbehandlung. Lampugnani gibt seinem Lehrmeister nicht ideologisch Recht, sondern indem er erzählend dem verblüfften Leser dieses Autonomwerden vorführt.
Man muss Lampugnanis kapitales Panorama des Stadtdenkens also wohl selbst als romantisches Gesamtkunstwerk lesen: voller Subtexte, raffinierter Leitmotive, kunstgläubiger Empathie, grandios enzyklopädisch, aber auch knickrig, provokationslüstern. Vor allem aber insgeheim ironisch: im Umgang mit Heroen, mit der eigenen Rolle des distanzierten Universalisten und auch – manchmal – mit den eigenen Ressentiments.


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