Fußgängerströme im Morgenverkehr

"Schwarmintelligenz" von Len Fisher

Peter Iwaniewicz
FALTER 39/2010

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Die Zahl der Menschen weltweit steigt immer weiter an, und gleichzeitig leben auch immer mehr Menschen in urbanen Ballungsräumen. Dem Phänomen der Masse und ihrer Berechenbarkeit kommt nicht nur in Wahlkampfzeiten und bei Massenveranstaltungen eine immer größere Bedeutung zu. Fußgängerströme im Morgenverkehr, die Logistik von Paketzustellungen und die Abläufe am Fließband einer Fabrik rücken zunehmend in den Fokus der Forschung.
Viele Massenphänomene erinnern dabei an das faszinierend effizient organisierte Verhalten von Insekten, und so ist es nicht überraschend, dass die Erforschung der Entscheidungsprozesse und Mechanismen von Schwärmen für viele Wissenschaftsdisziplinen von zunehmendem Interesse ist.
Vor allem smarte Consulter und Betriebsberater schielen gerne auf die Tierwelt, um dort Anleihen für "Lösungen" zu nehmen, die in plakativen und bis zur Unkenntlichkeit vereinfachten Bildern mehr Produktivität für die Unternehmen verheißen. So erscheinen in regelmäßigen Intervallen Bücher, die zur Vermarktung Metaphern aus dem Tierreich verwenden, aber keinerlei Basis in der Verhaltensforschung haben. So zum Beispiel die in den 1990er-Jahren populäre Delfinstrategie ("Nutzen Sie die Durchbruchsstrategien der Delfine für Ihr Team").

Jetzt erklärt uns Peter Miller, Redakteur des National Geographic, "Die Intelligenz des Schwarms" – und was wir von Tieren für unser Leben in einer komplexen Welt lernen können. Die einzelnen Kapitel folgen einem ähnlichen Muster: Zuerst wird eine Studie über einen ganz speziellen tierischen Verhaltensbereich beschrieben, dies als generelle Methode erkannt und zur Rettung bzw. Gewinnoptimierung eines Betriebs ausgerufen.
So erforschten zum Beispiel zwei Wissenschaftler die Entscheidungsfindung eines Bienenschwarms bei der "Haussuche". Die Analogie ist offenbar und schwirrt im Subtext mit: "Eine falsche Entscheidung kann die Existenz kosten." Die Bienen votieren nach zahlreichen Testflügen zu potenziellen neuen Standorten aufgrund ihrer "eigenen Meinung" und "ohne ihre Erkenntnisse einem Entscheidungsgremium vorzulegen". Dieses Prinzip der "Weisheit der vielen" wird dann über die nächsten Seiten mit entsprechenden Beispielen verschiedener US-amerikanischer Firmen ausgewalzt.
Millers Schreibstil wechselt geschickt zwischen Wissenschaftsjournalismus und in Dialogen geschriebenen Erlebnisberichten, die den Leser durchaus in den Bann ziehen können. Doch wer nicht aufpasst und zeitgerecht weiterblättert, verfängt sich schnell in Kapiteln mit vielversprechenden Titeln wie z.B. "Honigbienen und Homoehen".
Dort findet sich dann aber nur eine langweilige Geschichte über die Erregungen in einer US-amerikanischen Kleinstadt anlässlich der Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen so wie die tierische Erkenntnis: "Der Schwarm hat sich angepasst und lebt weiter." Bestens geeignet für Scuppies (socially conscious upwardly-mobile persons), die ihren Chef bei der nächsten Besprechung mit einer neuen, flotten Strategie beeindrucken wollen.

Ein weiteres Buch zum Thema Schwarm erscheint im Eichborn Verlag. Der Autor Len Fisher ist Physiker an der Universität Bristol und Kolumnist des Guardian. Sein Experiment über die optimale Eintunkzeit von Keksen brachte ihm den Spaßnobelpreis für Physik, den IG-Nobel, ein. Fisher hat in seinen bisherigen Büchern die Physik des Alltags erhellt und beherrscht diesen unterhaltsamen, aber nie unsachlichen Stil angloamerikanischer Wissenschaftsautoren ausgezeichnet. Auch er will ein Konzept, nämlich das der Schwarmintelligenz, verbreiten.
Die Botschaft ist auch relativ einfach und basiert auf der von James Surowiecki publizierten Idee der Weisheit der vielen, die postuliert, dass die Entscheidung eines Teams immer besser ist als die eines Einzelnen. Die Richtigkeit dieser Aussage lässt sich auch leicht bei den beliebten Quizsendungen à la "Wer wird Millionär?" überprüfen. Die zumeist als Experten für einen bestimmten Bereich angekündigten Telefonjoker geben auf die Fragen zu 65 Prozent die richtige Antwort. Das bunt gemischte Saalpublikum erreicht aber im Durchschnitt eine Treffergenauigkeit von 91 Prozent aller Fragen.
Diese Prinzip der bewussten, aber auch unbewussten Teamentscheidung leitet zunehmend einen Paradigmenwechsel in der Führungskultur ein. Wo vor einigen Jahren noch solitäre Top-Down-Entscheidungen und Kontrolle der Umsetzung als Managertugenden gepriesen wurden, setzt eine Umdenken ein, das Fisher anhand vieler Beispiele illustriert.
Solche aus der Tierwelt werden nur am Rande bemüht, der Fokus seiner Ausführungen liegt auf der Komplexitätsforschung, der Dynamik von Netzwerken und der Kommunikationstheorie.

Wie trifft eine anonyme Gruppe eine Auswahl, wenn sie sich zum Beispiel für einen von mehreren Fluchtwegen entscheiden muss, unter welchen Rahmenbedingungen überlagert der Gruppendruck die eigentliche "Intelligenz des Schwarms" und in welchen Situationen kann Halbwissen hilfreich sein?
Mäandrierend, aber ohne den roten Faden zu verlieren, erzählt Fisher historische Anekdoten zur Informationstheorie, gibt Tipps, wie man sich in fremden Städten orientieren kann, und versucht Erkenntnisse der Sozialwissenschaften auf die Bedürfnisse des Alltags herunterzubrechen.
Dabei ist seine kritische Distanz eines Wissenschaftlers immer zu spüren, die im Unterschied zu Peter Miller ohne nervige "Ich sag dir, wo's langgeht"-Attitüde auskommt. Und so resümiert Len Fisher am Schluss des Buchs: "Wir können oft nicht vorhersehen, wie sich eine Situation entwickelt. Einfache Regeln, Formen, Muster und Formeln zeigen uns oft einen Weg, aber am Ende bestimmt die Komplexität das Geschehen. Alles klar?"


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