Im Bergwerk der Bedeutsamkeit

"Einladung an die Waghalsigen" von Dorothee Elmiger

Karl Wagner
FALTER 39/2010

Einladung an die Waghalsigen
Roman
Dorothee Elmiger
DuMont Buchverlag 2010
€ 17,50

Anzeige


Zu viel schon wurde über diesen Erstling gesagt, zumeist in Unkenntnis des Textes, der heuer in Klagenfurt zwar nicht den Bachmann-Preis, aber den für Nichteinheimische kaum ortbaren, also besonders verdienstvollen Kelag-Preis gewonnen hat.
"Einladung an die Waghalsigen" ist dennoch wie ein Siegertext gefeiert und gepriesen worden – vor allem in der Schweiz, wo (nur) das Feuilleton seit Jahren schon mit dem Zustand der neuesten Literatur des Landes hadert und jetzt also gleich einen Star ausrufen muss.
Dieses überbordende Lob vor Ort ist der Beschreibung dieses Textes, der trotz seiner locker gedruckten 140 Seiten ein Roman zu sein hat, eher hinderlich. Dem Absatz wird es indes nicht schaden und das ist der begabten Autorin auch zu gönnen.
Der Titel spricht eine Einladung aus, und entsprechend ist der Text auch rhetorisch instrumentiert. Aber welcher sitzende Leser möchte sich von der sitzenden Autorin nicht gern zu den Waghalsigen rechnen lassen?

Sprechakte der Einladung neigen zu Hyperbel und Redundanz. Im vorliegenden Fall ist solches Sprechen freilich auch eine Form der Autosuggestion. Der Text setzt auf Jugend und Aufbruch; das Jetzt ist öde und trostlos, ein "verwüstetes Land". Die evozierte Szenerie der Landschaft ist zwar mit allen Insignien des Postapokalyptischen versehen, aber die Bilder zeigen eher an: das bleierne, erstarrte Jetzt der Welt.
Der Text unternimmt alles, um voreilige Territorialisierungen zu unterbinden; ein forciertes Name-Dropping schielt auf die ganze weite Welt. Der horizontalen Expansion korrespondieren nicht minder suggestive Andeutungen von Tiefe: Genealogisches und Archäologisches, vor allem aber extensiv zitiertes Wissen über Bergbau, Verkarstung und "Desertifikation" suggerieren eine verlorene Tiefe der Jahre und eine entsprechend abgeräumte Oberfläche des Jetzt.
Ausgerechnet die Schwestern Stein, Töchter des Polizeikommandanten dieses toten Reviers, die eine als Erzählerin, die andere als Feldforscherin, suchen die Vergangenheit und in eins die Zukunft zu buchstabieren: Kein Wunder, dass es beim postulatorischen Sprechen bleibt.

Behauptet wird eine Triftigkeit, die sich gerade in ihrer bürokratischen Sprache mehr als auktoriale Verordnung denn als anarchisches Manifest offeriert: "Wir planen eine Konferenz, die zu einem ausufernden Fest werden wird." Apropos Ausufern: Die poststrukturale Tätigkeit der Autorin lässt kaum eine Verschiebung, Anspielung, Wiederholung ungenützt – nichts wäre diesem Erstling unan­gemessener als eine Inhaltspara­phrase.
Die Suche nach dem verschwundenen (bzw. inexistenten) Fluss mit dem suggestiven Namen Buenaventura verknüpft Feld- und Erzählforschung: also das Erzählen der Entdeckung der Vergangenheit mit dem Aufbruch in die Zukunft. Nur dass das Erzählen nicht stattfindet. Was aber stattfindet: eine Einladung.

Wahrscheinlich hat die Rhetorik wider die Versteinerung die Unterwürfigkeit der Kritik begünstigt: Welcher (naturgemäß: ältere) Literaturkritiker will sich schon einem Manifest der Jugend verweigern, das hier noch dazu so plakativ als Antwort auf Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" aus dem Jahre 1928 angedeutet wird?
Mit dem Namen des Flusses Buenaventura, der natürlich auch den berühmten Erzählfluss meint, ist das Versprechen eines Abenteuerromans verbunden. Den gibt es nicht, wohl aber dessen Bestandteile: Es wird aber Zeit, dass wieder einmal einer erzählt wird; hier wird immerhin dazu eingeladen.
Zu den Ärgernissen des Textes gehört die vom Flussnamen gesteuerte Assoziation des spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti, ein Verfahren, das etwas von der Substanzlosigkeit des in diesem "Roman" umworbenen Anarchismus verrät. Ähnlich papieren sind die Spielereien mit Butch Cassidy oder Rosa Luxemburg.

Wie wieder üblich, schließt das Buch mit dem Hinweis auf (teilweise fiktive) Quellen und also mit der Einladung zum Dechiffrieren. Die schönste Einladung, die dieser Text ausspricht, ist jedoch die zur Lektüre von Joseph Conrads Erzählung "Youth", in der übrigens die unterschwellig glosenden Kohlen schon vorkommen: als die sich selbstentzündende Schiffsladung in der 1898 erschienenen Erzählung eines der zur Zeit meistgeplünderten Klassikers der Moderne, der hier erstmals seinen fiktiven Erzähler Marlow aus "Das Herz der Finsternis" auftreten lässt.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige