Vampire, Werwölfe, Monster, Dämonen und Drachen

"Monster, Dämonen, Drachen & Vampire" von Christopher Dell

Peter Iwaniewicz
FALTER 39/2010

Anzeige


Vor mehr als 100 Jahren fand der Vampirmythos mit Bram Stokers Roman "Dracula" seinen Weg in die Literaturgeschichte. Alle Sektoren der Kulturindustrie arbeiten mittlerweile auf Hochtouren, um unsere Sehnsucht nach Vampiren in Büchern, Fernsehserien, Filmen und Musicals zu befriedigen. Vampire sind von den ursprünglichen entseelten Halbwesen entlegener Provinzen der Donaumonarchie zu elegant-urbanen Lifestyleikonen geworden. Und obgleich uns die Unterhaltungsindustrie mit unzähligen Varianten dieses Mythos der bluttrinkenden Untoten regelrecht pfählt, wird der popkulturelle Subtext dieser anderen menschlichen Existenzformen erstaunlicherweise wenig ausgeleuchtet. Drei Neuerscheinungen bringen auf sehr unterschiedliche Weise Licht in das dunkle transsylvanische Kulturuniversum.

Er kam aus der Provinz
Die Angst vor Vampiren kondensierte sich aus dumpfem Hass gegen Fremde und Andersartige zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den österreichischen Kronländern Mähren, Ungarn und auf dem Balkan. In der tiefen Provinz wurden immer wieder Gerüchte laut, denen nach Tote aus den Gräbern gestiegen seien und an den Lebenden gefressen hätten.
Die Hysterie griff um sich und erreichte auch Ärzte, Professoren und Theologen, die als Gegenmaßnahmen die absonderlichsten Leichenschändungen begingen: Die Köpfe der Toten wurden abgeschlagen und zwischen ihre Beine gelegt, die Hände wurden mit Steinen fixiert und die Herzen mit Holzstäben durchbohrt. Als Kaiserin Maria Theresia von den Vorfällen erfuhr, beauftragte sie ihren Leibarzt Gerard van Swieten, diese Todesfälle in ihrem Reich "als vernünftiger Physicus" zu untersuchen.
Doch auf den aufgeklärten van Swieten lauerte eine Doppelmühle: Wenn er die Existenz der Vampire wissenschaftlich widerlegte, lief er Gefahr, damit auch die ganze staatskirchliche Mystik von Teufel, Gott und Wiederauferstehung anzuzweifeln. Denn folgt man der These, dass jene, die das Blut eines Vampirs trinken, selbst zu "Untoten" werden, dann ist das nur ein sehr geringer Unterschied zum Zustand des "ewigen Lebens", das den christlichen Gläubigen versprochen wird, wenn sie das "Jesu Blut", den Messwein, bei der rituellen Kommunion zu sich nehmen. Ganz unverhohlen steckte somit hinter der Aufgabe, den Glauben an Vampire zu zerstreuen, auch ein Zweifel an den eigenen religiösen Mysterien, die sich in gleicher Weise der rationalen Überprüfung entzogen.
Im Zeitalter der Aufklärung mutierte der bisher als gottloser Zombie die Landfriedhöfe der Monarchie heimsuchende Vampir von einer gesellschaftszersetzenden Plage zum Mitglied der feudalen Oberschicht. Vampire wurden nun als degenerierte Adelige dargestellt, die ihr Land unterjochen und ihre Untertanen versklaven. Die politische Metapher von den Herrschern als Blutsaugern festigte sich nach 1848 in den Köpfen der Bürger. Ein Vampir war weder Demokrat noch Bürgerlicher, sondern Abkömmling einer aristokratischen Blutlinie. Auch Karl Marx bediente sich in seiner sonst eher sachlichen Abhandlung über "Die Grenzen des Arbeitstags" dieses Sprachbilds: "Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt."

Vom Ausbeuter zum Triebtäter
Im Licht der Freud'schen Psychoanalyse erlebte der Vampir einen weiteren Rollenwechsel: Aus einem adeligen Ausbeuter wurde ein in seiner oralsadistischen Entwicklungsphase steckengebliebener Triebtäter. Und im Spiegel des Täters wird plötzlich auch das "Opfer" anders gesehen. Denn der Vampirjäger ist selbst Gewalttäter, der Notwehr vorschützt, um den Widersacher mit großer Brutalität zur Strecke zu bringen, indem er dessen Herz mit einem Stück Holz oder – wie Bram Stoker es zynisch nennt – dem "gnadenbringenden Pfahl" durchbohrt.
So erweisen sich Pfählungen eigentlich als Vergewaltigungen, die als notwendige Akte der Liebe und Erlösung gerechtfertigt werden – und die ganze Vampirliteratur als Plädoyer für eine Lynchjustiz. Denn Gewalt, die gegen "Untote" angewendet wird, bedarf keiner Legitimation, im Gegenteil, sie geriert sich sogar als notwendiger Akt der Zivilcourage gegen das Fremde und die Anderen.
Der Vampirjäger offenbart uns viel mehr als der Vampir selbst über die Wünsche unseres Unterbewusstseins: befreit von gesellschaftlichen Normen Gewalt, sadistische Wünsche und Allmachtsfantasien einfach ausleben zu können. Vampirjäger wie Van Helsing in Bram Stokers "Dracula" erscheinen als Nekrophile, Rassisten und Befürworter von Blutvergießen.
Erich Fromm schreibt in seiner "Anatomie der menschlichen Destruktivität" (1974), dass "zum nekrophilen Charakter auch die Überzeugung gehört, dass sich Probleme nur mit Gewalt und Gewalttätigkeit lösen lassen". Und so gestehen die selbsternannten Rächer den Vampiren nie die Chance zu Reue, Buße oder Resozialisierung zu, sondern metzeln sie in einem bedingungslosen Pogrom nieder. Fromm bringt es auf den Punkt: "Der Sadist würde Unterwerfung verlangen, nur der Nekrophile besteht auf Vernichtung."
Hier findet die Freud'sche Psychoanalyse zu ihrem Kernpunkt: Thanatos und Eros, der Todestrieb und der Lebenstrieb, sind die zentralen menschlichen Antriebskräfte. Vampirjäger wie Van Helsing verkörpern eigentlich den Todestrieb, Dracula hingegen den Eros, der über den Tod hinaus leben und lieben will. In einer Gesellschaft, die auf Zwang und Triebverzicht aufgebaut ist, erscheint ein Vampir, der seine Existenz nicht von Gesetzen, Moral oder Religion einschränken lässt, als ambivalente Lichtgestalt im Sinne Luzifers.

Von der Popkultur zur Philosophie
Der Medien- und Theaterwissenschaftler Rainer Köppel streift in seinem Buch durch die Kriminalgeschichte des Vampirismus, ordnet die historisch-literarischen Ursprünge und bespricht auch seine popkulturellen Erscheinungsformen von der US-amerikanischen Fernsehserie "Buffy – Im Bann der Dämonen" bis zu den Entjungferungsdramen der (erfolgreich Hollywood-verfilmten) "Twilight"-Romane von Stephenie Meyer. Eine gut recherchierte und angenehm zu lesende Basis für Vampirologen. "Wir sind Vampir. Der unsterbliche Mythos von Dracula biss Twilight" lautet der Titel in neckischer Anspielung auf die deutsche Übersetzung des "Twilight"-Filmtitels "Bis(s) zum Morgengrauen".
Ganz anders nähern sich Richard Greene und K. Silem Mohammad dem Thema der "Untoten". Der von ihnen herausgegebene Sammelband "Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren" beleuchtet in witzigen, klugen Essays die verschiedenen Aspekte dieses Zustands der Nichtexistenz mit den skalpellscharfen Instrumenten der Philosophie.
Der ungewisse Zustand des Untotseins von Vampiren, Zombies und Werwölfen wird zum logischen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen der Präsenz, Identität und des Werts der Existenz. Wer erkennt, was ein untoter Zustand eigentlich ist, erfährt auch viel darüber, was es bedeutet, am Leben zu sein.
Und so packen 14 Forscher ihr analytisches Werkzeug aus, um das vage Feld der zwischen Jenseits und Diesseits vagabundierenden Entitäten hermeneutisch abzuzirkeln. Und das gelingt ihnen mit dem eleganten Stil US-amerikanischer Wissenschaftsautoren, gewürzt mit einer feinen Prise britischem Humor.
Greene demonstriert das zum Beispiel an der Frage, was denn das Schlechte am Untotsein sei. Während heutzutage die meisten Jugendlichen kein Problem damit hätten, ein "cooler" Vampir zu sein, erscheint die Verwandlung in einen Zombie nicht sehr attraktiv.

Zombies, Werwölfe ...
Aber ist dieser Zustand nicht zumindest besser als die gänzliche Auslöschung? Offenbar erschließen sich einem Zombie die Genüsse guter Musik oder eines Theaterstücks nicht mehr, doch allem Anschein nach erfreuen sie sich zumindest an einem herzhaften Biss in menschliches Fleisch. Aus dem Umstand, dass sich die Lebensziele geändert haben, kann man nicht wirklich schlüssig die Schlechtigkeit des Untotseins ableiten.
Greene fragt noch genauer nach: Fühlen sich Zombies schlecht? Zumindest körperlich scheint ihnen die unangenehme Erfahrung von Schmerzen abhanden gekommen zu sein, und ihr Mangel an kognitiver Aktivität erspart ihnen mangels Selbstreflexion über ihre Existenz depressive Zustände. Ein Schwein, das sich im Schlamm suhlt, mag aus menschlicher Perspektive bedauernswert sein, aber in seinem schweinischen Dasein kann es dennoch Zufriedenheit empfinden. Und so führt Greene an einem scheinbar trivialen Thema die Methoden philosophischen Denkens ernsthaft und gleichzeitig mit Augenzwinkern vor: von der Identität über das Körper-Geist-Problem bis zu Ethik bzw. Moral.
Auch die anderen Autoren schälen aus der trivialen Masse der untoten Medienkultur interessante Aspekte zum Zustand der Gesellschaft heraus: den Vampir als Symbol des nicht assimilierten Immigranten, der die Identität der Nation bedroht, den Werwolf als Vertreter der geknechteten Arbeiterklasse, die sich revoltierend und wild gegen die Fesseln des Systems wehrt, und den Zombie als auf basale Konsuminteressen reduziertes Spiegelbild unserer schönen neuen Warenwelt.
Elegante Gedanken, die den Vorderhirnlappen wohlig kitzeln, und angenehmes wissenschaftliches Understatement begleiten den Leser durch das Buch bis zur wirklich witzigen Autorenbiografie, die unter dem Titel "Philosoph, aha … Und was machen Sie tagsüber" zu finden ist. Absolute Empfehlung für einen lebendigen Leseabend.

... und andere Monster
Einen eher enzyklopädischen Zugang zum Thema findet Christopher Dee in einem schön editierten und bunt bebilderten Band mit dem Titel: "Monster, Dämonen, Drachen & Vampire. Ein Bestiarium". Hier werden nicht nur die durch Verwandlung entstandenen Wesen wie Vampire und Zombies beschrieben, sondern auch jene, die sich schon von Geburt an in ihrem Zustand befinden – wie Geister, Drachen und Dämonen. Trotz des Versuchs des Autors, die diversen Zustandsformen zu kategorisieren, wirkt das Buch aber eher wie eine folkloristische Sammlung von mythischen Wesen, die weder vollständig (Nessie findet man nicht) noch irgendwie erhellend ist.
Aber gut geeignet für das Wartezimmer von Feng-Shui-Beratern und Reiki-Masseuren.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Family Matters

    D, GB "Friedemann trank und schrieb dann nicht. Emanuel trank nicht und schrieb. Christian trank und schrieb dann." Mit gar nicht so feiner Ironie...
    Rezensiert von Carsten Fastner in FALTER 39/2010
  • Wenn das der Führer wüßte

    Roman Ein wahnwitziger, apokalyptischer Roman ist wiederzuentdecken. Geschrieben hat ihn einer der wichtigsten Literaturkritiker und Kulturpublizisten...
    Rezensiert von Klaus Kastberger in FALTER 39/2010
  • In Wirklichkeit sagte ich nichts

    Erzählungen Ein hochgewachsener, hagerer Mann, mit großer brauner Lederjacke und blauem Regenschirm steht mit suchendem Blick vor dem Bregenzer Theatercafé....
    Rezensiert von Julia Zarbach in FALTER 39/2010
  • Wir haben uns geirrt

    Argentinien ist eine Bruchzone zwischen Europa und Lateinamerika", bemerkt Jorge Luis Borges."Europäisch sind die Traditionen und das Lebensgefühl,...
    Rezensiert von Sigrid Löffler in FALTER 39/2010
  • Putze!

    Mein Leben im Dreck Das Schlimmste ist das erste Mal. "Oder, besser gesagt, all die ersten Male, wenn man aufstehen muss, während die Stadt noch schläft." Den Kittel...
    Rezensiert von Sibylle Hamann in FALTER 39/2010
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 39/2010

Anzeige

Anzeige