Sprachverführung und Selbstverklärung

"Grimms Wörter" von Günter Grass

Christoph Bartmann
FALTER 39/2010

Grimms Wörter
Günter Grass
Steidl 2010
€ 30,70

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Keine Sprache ohne Sorge um "Sprachverfall". Seit damals in Babel der Herr die Sprachen verwirrte und sie über die Erde verstreute, macht sich die Menschheit Sorgen um die Sprache, vor allem um die jeweils eigene.
Ob dazu Grund gegeben ist oder nicht, ob wir uns auf die Widerstandsfähigkeit der Sprachen verlassen dürfen oder sie durch sprachpolitische Interventionen retten und pflegen müssen, ist jederzeit strittig gewesen. Wahrscheinlich wird Sprachen, und vor allem der eigenen, am wirkungsvollsten dadurch geholfen, dass man sie spricht, und zwar "gut".

Das hört sich banal an, aber nur für einen Augenblick. Sind nicht überall Sprachverderber und Sprachverbrecher zugange, Politiker, Journalisten, Manager und andere Helden (oder Schurken) des öffentlichen Sprachgebrauchs?
Thomas Steinfeld gibt in seinem "Sprachverführer" ein Beispiel für "Phrasen und Monster": Der deutsche Wissenschaftsrat, heißt es da, gehe "davon aus, dass die Einübung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens ein unverzichtbares Prinzip jeglichen Studierens bildet und als konstitutives Qualitätsmoment auch eines berufsorientierten Studiums zu betrachten ist".
Das ist die quallige, anschauungsferne Sprache der modernen Verwaltungen, und, was viel schlimmer ist, das kann jederzeit unsere Sprache sein, wenn nämlich wir ein Exposee, eine Zielvereinbarung, einen Handlungsplan oder Schlimmeres zu schreiben haben.
Die (Für)Sorge um die deutsche Sprache und ihre Verbesserung fängt mit unserer eigenen Praxis an. Daran erinnert Steinfelds Buch, das man als zeitgemäße Version der früher populären "Stilfibeln" lesen kann, das aber daneben auch noch eine kleine Sprachgeschichte (und eine Geschichte der Sprachgeschichte) sowie eine Literaturkritik bietet – denn wo wird die Sprache gereinigt, erweitert und reflektiert, wenn nicht in der Literatur? Manche Autoren bekommen bei Steinfeld, der zu uns spricht wie ein – sehr guter – Deutschlehrer, gute Noten (zum Beispiel Handke, Kafka und Goetz) andere schlechte (etwa Elfriede Jelinek).

What's wrong with Jelinek? Sie misstraut der Sprache, deshalb herrsche in ihren Büchern "das Ideal einer unbedingt wahrhaftigen und deswegen beschädigten Sprache, die ihren Lesern deutlich zeigen soll, dass sie beschädigt ist". Gegen den Geist der Avantgarde, mit ihrer Sprachkritik und Sprachzertrümmerung, setzt Steinfeld den Imperativ des Übens.
Seit jeher besteht das literarische Sprechen in der übenden Nachahmung und Fortschreibung, manchmal auch Überschreibung des schon Geschriebenen. Wahrscheinlich gilt das sogar für Elfried Jelinek.
Die Konventionen sind also nicht da, um gebrochen, sondern um befolgt zu werden. Der Konventionsbruch, aus dem sich dann das "Neue" ergibt, muss nicht herbei geschrieben werden, er ereignet sich ganz von selbst – und meistens als Unfall. Thomas Steinfeld liebt die Avantgarde (oder was von ihr übrig ist) nicht, er liebt den guten deutschen Satz, und liefert für ihn herrliche Beispiele.
Man möchte nach Lektüre dieses Buches gern besser schreiben, man möchte gute Sätze schreiben, in denen ein plastisches Verb regiert und die Gespenster des Nominalstils verscheucht sind. Wenn sich alle Sprecher und Schreiber der deutschen Sprache bemühen würden, jeden Tag nur die eine oder andere Sprachdummheit zu vermeiden, könnte das der "Kultursprache" Deutsch womöglich mehr helfen als alle Sprachpolitik und gewiss mehr als jeder schlecht formulierte Kulturpessimismus.

Günter Grass gehört zu jenen Schriftstellern, die in Steinfelds Buch eher nicht so gut wegkommen. Ihm bescheinigt Steinfeld einen "Duktus des Schraubens und Bastelns, als ob einer, dem das Schreiben fremd ist, versucht, sich im Schriftlichen zu bewähren". Ein Nobelpreisträger, dem das Schreiben fremd ist, bei dem sich "Bürokratie und Pathos" verbünden?
Günter Grass würde das, wenn er es läse, nicht erschüttern. Sein Verhältnis zur deutschen Sprache ist so wenig zu erschüttern wie sein Verhältnis zu sich selbst. Von Günter Grass lässt sich sagen, dass er geübt hat, dass er nachgeahmt und sich Konventionen einverleibt hat. So sehr, dass uns aus seinen Büchern ein bestimmter "altfränkischer" Kunstton entgegenschlägt, auch da, wo es um die Gegenwart und Günter Grass persönlich geht.
Wir lesen: "Ich heiratete zweimal. Zwischen dem Ende der ersten und dem Beginn der zweiten Ehe erregten mich leidenschaftliche Entscheidungen, die Wirrnis durch übereilten Ortswechsel, endlosen Streit und wiederum Trennung zur Folge hatten."
Günter Grass liebt es kompliziert, das Aussprechen ist zugleich ein Verschleiern, die Bürokratie des Stils verbindet sich mit dem Pathos des Selbstrespekts. Das Zitat stammt aus "Grimms Wörter", einer "Liebeserklärung" an die Brüder Grimm, an die deutsche Sprache und, man muss es sagen, an Günter Grass selbst.
Sehr anschaulich vereint das neue Buch – der letzte Band der autobiografischen Trilogie, die mit "Vom Häuten der Zwiebel" begann – die Tugenden und Untugenden dieses Schriftstellers. Da gibt es viel Sprachfreude oder mehr noch Wort- und Wörterfreude: Adebar, Briefbote, Cäsur, Daumesdick, Erbsenzähler, Fabelhans, Geldgeber ...
Am liebsten, so scheint es, würde Grass einfach das Grimm'sche Wörterbuch dahersagen. Das aber brach 1862 mit dem Tode Jacob Grimms mit dem Eintrag "Frucht" ab und wurde erst 1961 von fleißigen Nachfolgern fertiggestellt. Grass' Idee war es nun, den Grimm'schen Wörtern – bis zum Buchstaben F und dann nur noch den Buchstaben K, U und Z – nachzuschmecken, vom Leben und Forschen der Brüder Grimm zu erzählen und im geeigneten Moment sich selbst ins Bild zu bringen.

Günter Grass bewunderte die Grimms nicht nur, weil sie Gründerväter der deutschen Philologie sind, sondern noch mehr, weil sie als zwei der "Göttinger Sieben" in ihrer Protestation vom November 1837 dem Landesherrn die Stirne boten.
So einer ist Grass auch gewesen, so einer will er gewesen sein, weshalb die imaginierte Begegnung mit Jacob und Wilhelm Grimm ein Treffen unter Gleichen ist. "Zu dritt sitzen wir auf einer Bank", im winterlichen Tiergarten anno 1960 – ganz so wie Grass in "Ein weites Feld" Fontane als "Fonty" auferstehen ließ und sich mit ihm im Tiergarten traf, um die Wiedervereinigung zu beklagen.
Günter Grass hat Fantasie, er hat Themen, Stoff, Bildung und Sprachfreude für zwei – woran also mangelt es ihm? Warum spielt er in Thomas Steinfelds Sprachbuch nicht die Heldenrolle, warum muss er sich Bürokratie und Pathos nachsagen lassen? Das mag an Sätzen liegen wie den gleich folgenden.
Erst spricht Grass von der Trauerrede, die Jacob Grimm "Über meinen Bruder Wilhelm" gehalten hat; dann räsoniert er darüber, wie diese Rede wohl aufgenommen wurde und kommt sodann auf sich selbst als öffentlichen Redner zu sprechen: Ihm sei "aus der Jahre Distanz in leicht verwackelten Momentaufnahmen erinnerlich, wie meine Reden, gehalten vor den Mitgliedern der Berliner Akademie der Künste – dazumal am Hanseatenweg im Berliner Tiergarten –, teils Gehör fanden, teils Anstoß erregten".
Wer so gedrechselt formuliert, in Anlehnung an eine Konvention, die es nie gab; wer, in nur vorgeschützter "Distanz", derart ins eigene Wirken verliebt ist; wer sich auf sein Tun gar keine Alternative zu "Gehör finden" und "Anstoß erregen" denken kann; wer so überhaupt nicht von sich und seiner Wichtigkeit absehen kann, der kann auch keine guten Sätze schreiben und, noch weniger, ein Sprachverführer sein.


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