Ein schönes Leben ohne "Schöner Wohnen"

"In Wirklichkeit sagte ich nichts" von Wolfgang Hermann

Julia Zarbach
FALTER 39/2010

In Wirklichkeit sagte ich nichts
Erzählungen
Wolfgang Hermann
innsbruck university press 2010
€ 15,90

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Ein hochgewachsener, hagerer Mann, mit großer brauner Lederjacke und blauem Regenschirm steht mit suchendem Blick vor dem Bregenzer Theatercafé. Dass dieser Mann Wolfgang Hermann ist, verrät sein erwartungsvoller Ausdruck zwischen Zurückhaltung und Neugier, der an seinen sympathischen Zeitdieb Herrn Faustini erinnert, mit dem er vor einigen Jahren in zwei Bänden Erfolge gefeiert hat. Lieber als das unpersönliche Café ist ihm ein Spaziergang um den Bodensee. "Zeitdiebe haben es locker", meint er lächelnd.
Mit seinem simplizianischen Helden, der in "Herr Faustini verreist" (2006) das Vorarlberger Dorf verlässt, um die Weite des Meeres zu sehen, hat der 1961 in Bregenz geborene Autor aber noch manch anderes gemein. Denn auch Hermann hat es immer wieder in die große Welt hinausgezogen: "Nach dem Abschluss meines Philosophiestudiums wollte ich dringend weg aus Wien, denn mir war ganz klar, dass ich im Ausland leben musste. Eigentlich war Italien mein Ziel, aber es ist alles anders gekommen und ich bin 1987 in Berlin gelandet. Die grauen Berliner Wintermonate habe ich in Sizilien und Tunesien überbrückt. Berlin hat mich fasziniert, aber ebenso der Süden." Danach verschlug es den Autor nach Paris und Aix-en-Provence, bis ihm eine Stelle als Lektor in Tokio angeboten wurde. Heute lebt Hermann wieder in Bregenz, und in ihm der Drang nach einem neuerlichen Aufbruch.

Lyrik, Prosa, Theaterstücke und Hörspiele gehören zu Hermanns vielseitigem Œuvre der letzten 20 Jahre. Sein Debüt "Das schöne Leben", knappe und präzise Momentaufnahmen des Alltags, erschien 1988 im Hanser Verlag und war ein von der Kritik gelobter Erfolg, der in Folge mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet wurde. "Ich habe mit Miniaturen begonnen, mit komprimierten kleinen Büchern, mit minimalen, stillgestellten Welten – wie Schüttelgläser. Das hat mich fasziniert", erinnert sich Hermann an seine literarischen Anfänge und geht in gelassenem Schlendergang, den er ebenfalls mit Herrn Faustini teilt, die Uferpromenade entlang.
Mit seinem ambitionierten Stil stieß der Autor aber nicht nur auf Zuspruch. Schon bald sollte sich sein Verlag von ihm abwenden: "Der Lektor, den ich bei Hanser hatte, wollte eigentlich meine Sachen nicht. Der Verleger hat mein Buch aber gemacht, doch beim zweiten Buch hat er sich nicht mehr darum gekümmert, und der Lektor hat einfach gesagt: ‚Schreib mal was Ordentliches, alles was du da schreibst, ist nix!'"

Unfreiwillig und häufig wechselt Hermann die Verlage und veröffentlicht, nach einigen kurzen Intermezzi bei Verlagen wie Suhrkamp und Deuticke, hauptsächlich in Kleinverlagen: "Das sind oft Sachen, die verlegerisch so uninteressant sind, Bücher, die so eine feine Struktur ohne Plot haben, die kann der Verleger praktisch nicht verkaufen und dann muss man froh sein, dass sie irgendjemand druckt, und das hat halt manchmal 20 Jahre gedauert."
So auch bei seinen "Konstruktionen einer Stadt", das Hermann als 27-Jähriger in seiner Berlin-Zeit schrieb, und das letztes Jahr im kleinen Hohenemser Limbus Verlag erschienen ist. Stadtbeschreibungen spielen in Hermanns Werk immer wieder eine Rolle, wovon unter anderem der Band "Paris, Berlin, New York" (1992) zeugt. "Konstruktionen einer Stadt" ist eine Sammlung "tastender Protokolle", in denen dem Autor einfache Ansichten, ein Blick auf Spaziergänger etwa oder eine Frau am Fenster, als Ausgangspunkt für tiefgründige Reflexionen dienen. Eine Unendlichkeit von parzellierten Geschichten, die philosophisch unauflösbar sind, spiegeln sich in diesen Momentaufnahmen wider: "Für mich waren das Versuche, hinzuhören und die Stadt zum Sprechen zu bringen – als Stadtwanderer, der ich damals war, in diesem Mauer-Berlin."
Seine Miniaturen führten Hermann schließlich auch zu längeren Formen: "Zu Beginn war es schwierig für mich, die Sehnsucht nach dem lyrischen Ton mit einer Geschichte zu verbinden." Heute beherrscht er auch diese Kunst meisterhaft, wie seine beiden zuletzt erschienenen Bücher beweisen. In dem heuer erschienenen Erzählband "In Wirklichkeit sagte ich nichts" lässt sich der Autor Zeit, um genau hinzusehen, auf eine schnelllebige, geistig meist abwesende Gesellschaft und scheint sich so, ähnlich seinen Figuren, selbst außerhalb des Lebensspiels zu positionieren.
Zu einem neuen Ton findet Hermann in seinem ebenfalls heuer erschienenen Roman "Mit dir ohne dich". Erzählt wird da-
rin die Geschichte von Richard Martens, einem ausgebrannten Bestsellerautor, der in seiner Krise auch noch von seiner Frau verlassen wird. "Er konnte die zweite Haut, die ihn mit den Dingen des Lebens in Berührung gebracht hatte, deren Vibration in ihm schöpferische Begeisterung ausgelöst hatte, nicht mehr spüren", heißt es da. Zu allem Überfluss erhält Martens auch noch Briefe einer Unbekannten, in denen diese über ihre sexuellen Abenteuer berichtet, und die ihn in Versuchung führen, sie für seine eigenen schriftstellerischen Zwecke zu verwenden. Seine künstlerische Krise indes kann er auf diese Weise nicht überwinden. Erst ein ganz anderer Schicksalsschlag sorgt für die Relativierung des eigenen Künstleregos.
"Das bin nicht ich!", sagt Hermann über seinen Protagonisten, obwohl auch ihm, wie er eingesteht, Schreibkrisen nicht fremd sind. Mit "Mit dir ohne dich" hat der notorische Nomade jedenfalls wieder einmal einen neuen Verlag gefunden, und hofft, bei Haymon nun endlich angekommen zu sein. Sicher ist er sich mittlerweile nicht mehr, denn "man weiß nie bei einem Verlag, wie weit sie einem ‚treu' bleiben".

Der "große Wurf" ist Hermann bislang noch nicht gelungen, und um sich sein Leben finanzieren zu können, nimmt er auch immer wieder Auftragsarbeiten an. Eben hat er ein Libretto für eine Oper am Erfurter Theater verfasst, und ein Lehrauftrag in Ohio steht auch ins Haus: "Als Schriftsteller ist das Einkommen ein Puzzle aus verschiedensten kleinen Dingen. Man darf nicht den ‚Schöner Wohnen'-Katalog durchblättern und sagen: ‚So will ich leben', aber ich will auch freier Lyriker sein, das geht halt nicht."
Verbiegen will sich Hermann dennoch nicht: "Wenn man nur überlegt, was ein Erfolg werden könnte, dann ist man sowieso erledigt. Der Betrieb verlangt aber, dass man so denkt. Ich möchte einfach das schreiben, was ich schreiben will", erklärt er. Noch immer geht er langsamen Schrittes an den hastig Entgegenkommenden vorbei. Neben ihm leuchtet der Bodensee.


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