Höflinge, Leprakranke, Seher, Ahnen und Zombies

"Monnè: Schmach und Ärger" von Ahmadou Kourouma

Erich Klein
FALTER 11/2013

Monnè: Schmach und Ärger
Ahmadou Kourouma
Diaphanes - 2013
23,60

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Ahmadou Kouroumas "Monnè. Schmach und Ärger" erzählt die Geschichte der französischen Kolonialisierung Westafrikas

Ahmadou Kourouma (1927–2003) von der Côte d'Ivoire zählt zu den bekanntesten afrikanischen Schriftstellern aus der Zeit der Entkolonialisierung und hat eine für diese Generation typische Biografie. Auf den französischen Militärdienst in Indochina folgte ein Studium der Mathematik in Lyon. Bald nach seiner Rückkehr an die Elfenbeinküste geriet Kourouma mit dem Langzeitpräsidenten Félix Houphouët-Boigny in Konflikt.
Sein erster von insgesamt fünf Romanen – "Der Fürst von Horodougou" – attackierte die neuen afrikanischen Eliten nach der Unabhängigkeit. Als das Buch 1968 erschien, befand Kourouma sich schon im ersten Exilland Algerien; später folgten Kamerun (1974–85) und Togo (1984–94). Mit "Allah muss nicht gerecht sein" (2002), der Geschichte ivorianischer Kindersoldaten, gelang ihm ein internationaler Bestseller. Der pensionierte Versicherungsmathematiker starb über der Arbeit an einem Roman über afrikanische Diktatoren.
Sein zweites Buch "Monnè. Schmach und Ärger" (im Original 1990) erzählt die Geschichte der französischen Kolonialisierung Westafrikas als ein tobendes Märchen voller Grausamkeit – schwärzester Humor inkludiert. Es beginnt mit Geiern, die "Arabesken an den weiten Himmel von Soba zeichnen". Soba ist ein fiktives Königreich, und so heißt auch dessen Hauptstadt. "Blut! Mehr Blut! Opfer! Mehr Opfer!", befiehlt der jugendliche König Djigui, der im Buch bisweilen auch als Hundertjähriger auftaucht.

Mit Hexerei, islamischen Gebeten, exzessiven Opfergaben und dem Bau eines massiven Schutzwalles will der König sein Reich vor den vorrückenden französischen Eroberern schützen. Die "Nazarener", d.h. die Weißen, die Christen, haben einen intriganten Übersetzer mitgebracht, der für Djigui unantastbar ist, weil er einem befreundeten Clan angehört.
In schier unendlich vielen parabelartigen Episoden werden Ahnen und ­Griots, die Preissänger und Geschichtenerzähler, ins Spiel gebracht, mythische Herrscher aus vergangenen Zeiten beschworen, um "Monnè" (die Schmach der Niederlage) abzuwehren. Trotz verschlungener Verhandlungen und endlosen Kriegszügen sowie dem kafkaesken Bau einer gigantischen Mauer ist längst klar, "dass das Militärregime und die Zivilregierung der After und das Maul der aasfressenden Hyäne waren: Sie glichen sich, dünsteten beide den gleichen ekelregenden Gestank aus."
Das Buch bietet keine simple Rekonstruktion historischer Verbrechen der Weißen samt Kollaboration mittels komplizierter Stammes- und Clanverhältnisse. Es geht vielmehr um die Darstellung einer bis in die Grundfesten veränderten Kultur. Werden die amourösen Abenteuer des Gouverneurs, der sich "jungen Negerinnen bringen ließ und sie kostete", beschrieben, bricht über die simple Ideologie sogleich wieder eine erzählerische Sturmflut an Details herein. Höflinge, Leprakranke, Seher, Ahnen und Zombies bevölkern dieses Königreich, dessen Soldaten schließlich auf französischer Seite im Ersten und Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen geschickt werden.
Was Kouroumas Roman vor allem auszeichnet, ist das Feuerwerk an Vergleichen und Sprachbildern, das er entfacht: "Ihr seid scharfsinnig genug, um zu erkennen, dass ein Salamander sich keine Hose schneidern wird, ohne sich ein Loch für den Schwanz freizulassen."


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