Säuberungsinstrument Weltuntergang

"Apokalypse" von Elaine Pagels

Sebastian Kiefer
FALTER 11/2013

Apokalypse
Das letzte Buch der Bibel wird entschlüsselt
Elaine Pagels
C.H.Beck - 2013
10,30

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Religionsgeschichte: Elaine Pagels beschreibt, wie die Apokalypse des Johannes zur Waffe der Kirche wurde

Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde." Die vom Evangelisten Markus (13,1) überlieferte berühmte Prophezeiung der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels musste imponieren, nachdem die Römer unter Kaiser Titus 70 n. Chr. Jerusalem und den Tempel tatsächlich verwüstet hatten.
Diese Worte waren Jesus vom Evangelisten erst nach Ende des Jüdischen Krieges in den Mund gelegt worden. Aber sie klangen so staunenswert, dass viele Zeitgenossen schon ihretwegen auch die anderen Prophezeiungen Jesu für wahr halten mochten, etwa, dass Kriege den "Anfang der Geburtswehen des Messias" markieren, dass Juden Verfolgung erleiden würden und der "Menschensohn", also er selbst, erst dann machtvoll zurückkehren und das Volk Israel wieder erheben und mit seinen Feinden abrechnen würde (Mk 13,7–19).

Kosmischer Krieg
Unter jenen, die sich von Jesus beeindrucken ließen, war auch ein ins kleinasiatische Exil geflohener Jude, der um 90 n. Chr. herum den als "Apokalypse" des Johannes von Patmos bekannten Text hervorbrachte. Er schlüpfte dazu in die Rolle der alten Propheten und malte einen kosmischen Krieg am Ende der Tage unter Aufbietung von (teils symbolisch chiffrierten) Figuren, apokalyptischen Reitern, Monstern und Drachen aus, auf dessen Höhepunkt Christus als Kriegerführer wiederkehrt und die himmlischen Heerscharen zum Sieg führt.
Dieser Text hat schon seit je die Gemüter erhitzt. Als im 14. Jahrhundert die Pest wütete, sah man mit Johannes das Weltgericht nahen, in den Religionskriegen erkannte man wechselseitig den Antichrist im Lager des Feindes. Auch im amerikanischen Bürgerkrieg gebärdete man sich nach Bildern der Apokalypse, und noch Adolf Hitler bezog, von Goebbels ermuntert, die Visionen des Johannes auf sich – seinen schicksalhaften Auftrag zur Errichtung des "Dritten Reiches". Die Künstler, die aus dem letzten Buch der Bibel schöpften, sind bekanntlich Legion.
Elaine Pagels, berühmt durch ihre luziden Bücher zu den frühchristlichen Apokryphen, erzählt nur am Rande die Geschichte der brandgefährlichen, affektiven Mobilisierungskraft, die von den Bildern und Gesten, den Größe- und Rachefantasien dieses Buches ausging.
Sie beschreibt vielmehr, lesbar und lehrreich wie stets, die Entstehung der "Apokalypse" bis zu ihrer Eingliederung in den neutestamenarischen Kanon im vierten Jahrhundert, als die ägyptischen Bischöfe mithilfe der nunmehr christlichen römischen Kaiser nach dem Vorbild der römischen Armee einen autoritären Kirchenapparat mit Universalanspruch errichteten und die Vielfalt der Bekenntnisse unter das Joch eines engen Kanons zwangen.
Bei aller sachlichen Eleganz sind die antikatholischen Affekte der US-Amerikanerin Pagels deutlich: Machtgier, Intrigen, Intoleranz standen an der Wiege der katholischen Kirche der "Bischöfe", zu deutsch: Aufseher.

Katastrophe und Umkehr
Das Resultat war eine große Säuberung. Hinweggefegt wurde nicht nur das Thomas-Evangelium, weil es lehrte, dass Christus im inneren Licht eines jeden Gläubigen längst auferstanden sei: Alle Offenbarungsschriften, die eine solch unmittelbare bzw. mystische Direktbegegnung mit Jesus lehrten, wurden ausgemerzt, denn sie waren konfessionell kaum festzulegen, verbanden sich mit Meditationstechniken und philosophischen Konzepten anderer Kulturen und machten eine Kirche als Mittler weitgehend überflüssig.
Umso überraschender war es, dass von den vielen in Ekstase empfangenen "Offenbarungen" der Zeit ausgerechnet jene des Johannes kanonisiert wurde. Denn die Prophetie von Katastrophe und Umkehr hin zum erneuerten jüdischen Königtum hatte sich durch die Verwandlung des Christentums von einer verfolgten Minderheitenreligion zu einer Staatsreligion eigentlich widerlegt. Und Johannes war ein Anhänger der Jesussekte, aber kein "Christ" – eine Kategorie, die wohl ohnehin von römischen Herren erfunden wurde, um gefährliche Elemente unter den Juden herauszugreifen.
Johannes war ein beinahe schon altmodischer Jude, der mit seinem Text vor allem auch die Abtrünnigen im eigenen Lager bekämpfen wollte. Abtrünnig waren nicht nur jene, die sich mit den Römern arrangierten oder lasterhaft lebten, sondern insbesondere jene, die Paulus folgten und Nicht-Juden, die sich taufen ließen, als gleichberechtigt anerkannten.

Kampfinstrument der Staatskirche
Die entscheidende Umfunktionierung der Apokalypse von einer racheerfüllten Drohung gegen das allmächtige Imperium zu einem Kampfinstrument im Dienste einer straff organisierten Staatskirche wurde dennoch von Johannes vorbereitet: Anastasius, Bischof von Alexandria, mit List und erschlichener kaiserlicher Protektion zum Haupt der entstehenden katholischen Kirche geworden, erkannte, dass man die prophetischen Gemälde einer kosmischen Finalschlacht auch und gerade jetzt, im Bett des römischen Imperiums, gegen das Böse, den Antichrist, den Drachen als wirkungsvolles Instrument gegen alle Abweichler in den eigenen Reihen einsetzen konnte.
Die katholische Kirche hatte mit dieser Umfunktionierung für Jahrhunderte ein Droh- und Säuberungsinstrument gefunden. Diese Geschichte erzählt Pagels wunderbar dicht. Farbig versetzt sie uns in die befremdlich kindliche, hasserfüllte, dann wieder dunkel chiffrierte Welt der Propheten und erinnert am Beispiel dieses einen Textes daran, welchen Verlust an spiritueller Vielfalt, wie viel Gewalt, Willkür und Homogenisierung die Gründung der römisch-katholischen Kirche mit sich brachte.


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