Und das Fleisch ward Wort

"Jean Paul" von Helmut Pfotenhauer

Klaus Nüchtern
FALTER 11/2013

Jean Paul
Das Leben als Schreiben. Biographie
Helmut Pfotenhauer
Hanser, Carl - 2013
28,70

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Der Mensch als Gefäß und Schreibmaschine: Dieser Tage jährt sich der Geburtstag von Jean Paul zum 250. Mal

Vom US-amerikanischen Schriftsteller John Irving geht das Gerücht, dass er von seinem präsumtiven Biografen im Regen stehengelassen worden sei. Dabei hatte ihn der Autor mit allen Informationen und Kontakten versorgt, die ein Biograf sich nur wünschen konnte. Eben deswegen aber soll der Mann den Job schließlich hingeschmissen haben: Das Leben des Schriftstellers, das hauptsächlich aus dem Verfassen von Romanen und Abendessen mit Freunden bestand, schien ihm einfach zu langweilig, als dass es der Mühe der Niederschrift lohnte.
Dass ein Leben à la Irving tatsächlich exzeptionell fad sein soll, muss freilich als unwahrscheinlich gelten. Für jemanden, der seinen Lebensunterhalt mit Schreiben bestreitet, besteht das Leben nun einmal zu erklecklichen Teilen aus Schreiben. Und nicht jeder ist ein Weimaraner Multitaskingtausendsassa, dem es auch noch gelingt, in den Armen der Geliebten zu dichten, indem er dieser "des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand" auf den Rücken trommelt.
Der hier zitierte Goethe und Jean Paul waren einander nicht grün – und das hatte gute Gründe. Goethes herablassendes Urteil, der "Philister" Jean Paul habe sich – im Unterschied zu ihm selbst – eben nicht "durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität" erhoben, markiert auch den sozialen und ökonomischen Gegensatz zwischen den beiden: hier der von Geburt an aller materiellen Sorgen enthobene, weltgewandte Olympier; da der aus bitterarmen Verhältnissen stammende Aufsteiger, der es nie so recht vermochte, seinem Werk wohlausgewogene klassische Proportionen zu verleihen.
Als Sohn eines Lehrers, Organisten und späteren Dorfpfarrers, der stirbt, als Johann Paul Friedrich Richter, wie er mit richtigem Namen heißt, 13 Jahre alt ist, erweist sich Jean Paul schon früh als Schreib- und Schriftbesessener.

Von Buchstaben besessen
Bereits als Schulbub entwickelt er eine private Orthografie, die er bis zu seinem 41. Lebensjahr beibehalten wird. Jenseits der 50 dann wird er – angeregt vom wunderlichen Purismus des Sprachforschers Christian Heinrich Wolke, Verfasser eines "Anleit zur deutschen Gesamtsprache oder zur Erkennung und Berichtigung einiger (zu wenigst 20) tausend Sprachfehler in der hochdeutschen Mundart" (soweit der erste Teil des barocken Titels) – einen bizarren Feldzug gegen das Fugen-s führen und dieses mit Stumpf und Stiel aus der zweiten Auflage seines "Siebenkäs" ausrotten. Angesichts all der "Hochzeittage", "Esel­ohren" und "Zeitungartikel", die seinen Roman nun bevölkern, sieht auch Jacob Grimm Anlass genug, "unverholen darüber zu klagen."
Vom 15. Lebensjahr an ist Jean Paul ein exzessiver Exzerpierer, der sich aus Büchern und Zeitschriften und zu praktisch allen denkbaren Sach- und Wissensgebieten Notizen macht, um aus diesem Fundus an Fakten, Theorien und kuriosen Beobachtungen das Material für seine haarsträubenden Bilder und Vergleiche beziehen zu können.
In seiner Wohnung werden sich später kaum Bücher, sehr wohl aber über Register und Metaregister überschaubar gehaltene Exzerptbände finden, die am Ende seines Lebens über 12.000 Seiten umfassen. Mehrfach und dringlich wird Ehefrau Karoline von Jean Paul angewiesen, diese im Falle eines ausbrechenden Feuers zuallererst zu retten.

Das Leben kopiert die Kunst
Die Romane und Erzählungen Jean Pauls sind voll von Jean Pauls, von Ich-Spiegelungen, Alter Egos und Figuren, die sich dem Furor der Verschriftlichung überlassen. Das vergnügte Schulmeisterlein Wutz schreibt sich seine Bibliothek – "wie hätte der Mann sich eine kaufen können?" – einfach nach den im Messkatalog angekündigten Büchern selber.
Der "Jean Paul", der im "Quintus Fixlein" als der Biograf des Titelhelden auftritt, greift auf die Zettelkästen des Egidius Zebedäus Fixlein zurück, um dessen Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Und wiederum "Jean Paul" ist im "Leben Fibels" dem Gotthelf Fibel auf der Spur, dem Erfinder der Abc-Fibel, der seinerseits Objekt eines monströsen, von einer Akademie betriebenen biografischen Projekts wird, das in zahlreichen Bänden eben das Leben Fibels aufzeichnet, wodurch sich dieser ständiger Beobachtung ausgesetzt und genötigt sieht, die standardisierten Muster konventioneller Biografien nachzuleben.
Was später bei Oscar Wilde unter der Parole "life imitating art" steht, wird rund ein Jahrhundert zuvor von Jean Paul antizipiert, der sich in seiner "Konjektural-Biographie" quasi das eigene Leben vorausschreibt – was dem Begriff der "Vorschrift" eine ganz neue Bedeutung verleiht.
Angesichts des erzählstrategischen und reflexiven Aufwands, den Jean Paul betreibt, wirken so manche postmoderne Gewitztheiten, die sich weiß Gott nicht was darauf zugutehalten, dem linearen Erzählen eine lange Nase zu drehen, vergleichsweise läppisch.
Auch "die ahnungslose Nachträglichkeit" der gegenwärtigen Kritik des Biografischen sieht vergleichsweise alt aus, wie der Germanist Helmut Pfotenhauer, der seit zwei Jahrzehnten an einer neuen historisch-kritischen Jean-Paul-Ausgabe arbeitet und soeben die Biografie "Jean Paul. Das Leben als Schreiben" herausgebracht hat, zu Recht anmerkt: "Was da heute als kritische Reflexion eingefordert wird, war schon vor 200 Jahren längst gegenwärtig – in einer in aller Ausgepichtheit geführten Debatte und der schlechterdings unüberbietbaren 40-jährigen Dauerreflexion dieser Materie in den Schriften Jean Pauls."
Dessen antiklassizistischer Hang zum Fort-, Über- und Neuschreiben, der zu einer Manie und Manier der Abschweifung, Anhäufung und Appendizierung führt, sei nichts anderes als der Versuch, sich im nie zu Ende kommenden Prozess des Schreibens "eine papierene Unsterblichkeit zu erschreiben".
Demgegenüber ist die noch etwas voluminöser geratene Biografie von Beatrix Langner insofern im Nachteil, als "Jean Paul. Meister der zweiten Welt" etwas hilflos zwischen betulicher Poetisierung und akademischem Jargon changiert: "Am Herdfeuer erzählt die Magd Märchen, während der Spinnrocken summt und nebenan im Stall Ziege, Kuh und Federvieh rumoren"; zugleich werden "in der Stallwärme der Joditzer Jahre (…) stabile Verhaltensmuster der Ambivalenz angelegt, die Friedrich Richters Charakter lebenslang zwischen antagonistische Pole spannen".
Eine Unmenge an Namen und kultur- und soziohistorischen Querverweisen tun das Ihre, die Lesbarkeit dieser ausgesprochen ambitionierten und gewiss sehr gescheiten Studie zu erschweren.
Überhaupt muss man sagen, dass die bereits 1975 erschienene und nun aus gegebenem Anlass in einer "überarbeiteten und vermehrten Neufassung" vorgelegte Biografie des deutschen Schriftstellers Günter de Bruyn nach wie vor den kompaktesten und darüber hinaus sehr gut lesbaren Einstieg in "Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter" bietet.
Nicht sehr "jeanpaulisch" (de Bruyn) breitet sie dieses konventionell chronologisch aus, vermag aber durch die ökonomische Darstellung der Lebensstationen, pointierte Zitatauswahl und konzise Kommentierungen das Einmalige, die Eigenart und den Extremismus dieses Schreiberlebens zu umreißen, ohne die These vom "Leben als Schreiben" eigens zu formulieren.

Feurig nur auf dem Papier
Allein die Abfolge der mitunter recht asymmetrisch angelegten amourösen Avancen belegt, dass es Jean Paul eben nicht darum ging, seinen recht früh erworbenen Status als Dichterliebling der deutschen Damen gegen erotische Erfüllung einzutauschen. Der in seiner Jugend wohl passabel aussehende, mit fortschreitendem Alter allerdings zusehends verfettende und -wahrlosende Jean Paul, dem es beinahe gelungen wäre, eine "40 years-old virgin" zu werden, ist feurig nur auf dem Papier.
Sobald die Begegnung vom Briefwechsel in den Modus der realphysischen Präsenz wechselt, erkaltet seine Leidenschaft oft schlagartig. "Der mit Dinte gemalte Widerschein des inneren Feuers hat nicht die Wärme, nur die Farbe des Feuers", stößt er der nicht eben unglamourösen Juliane von Krüdener Bescheid, die in jungen Jahren wenig anbrennen lässt und im Alter fromm wird (was ihr den bösen Spott Goethes einträgt).
"Weiber die Menge", prahlt Jean Paul in einem Brief an seinen Freund Christian Otto anlässlich eines Berlin-Aufenthalts im Jahr 1800. Er lässt sich von ihnen freilich nur das Ego und die Fantasie polieren. "Ich bin physisch-kalt und moralisch-heiss gegen Freundinnen", kommentiert er die Avancen der Gräfin von Schlabrendorff (jung, schön, geschieden) – und lässt es dann doch nicht zum Äußersten kommen.
In Sachen Frauen gelingt es Jean Paul nur bedingt, der eigenen Literatur hinterherzuleben. So wie diese von einem Ex­tremismus der Gegensätze zwischen Idylle und Apokalypse, Satire und Sentiment geprägt ist, so gehören auch seine Heldinnen ganz unterschiedlichen Ordnungen an.
Im "Siebenkäs" sind beide vorhanden: Da gibt es auf der einen Seite die dem Helden seelenverwandte und von diesem verehrte, aber "ganz und gar ausgedachte" Natalie und auf der anderen die ihm angetraute Ehefrau Lenette, der er durch einen inszenierten Scheintod entkommen will, die aber "trotz aller auf die Nerven gehenden Hausfrauentugenden nicht nur lebenswahr, sondern auch liebenswert bleibt".

Bier, Treibstoff der Dichtkunst
Im Leben hat sich Jean Paul dann wohl eher für eine Lenette entschieden. Karoline Mayer, die er 1801 heiratet, wird dafür sorgen, dass der Vollzug des wahren Lebens, des Schreibens nämlich, reibungslos vonstattengehen kann.
Noch während die Wehen einsetzen, wird sie ihrem Mann den Zwetschkenkuchen ins Arbeitszimmer bringen. Und keine vier Wochen nach der Eheschließung schreibt Jean Paul an Christian Otto: "Die Ehe hat mich so recht tief ins häusliche feste stille runde Leben hinein gesetzt. Gearbeitet und gelesen soll jetzt werden. Das Verlieben kann ausgesetzt werden."
Dabei registriert Karoline, die bei aller abgöttischen Verehrung für ihren Dichtergatten gewiss nicht dumm ist, auch dessen wenig gewinnende Charakterzüge: "Bei der Einfahrt eines Bierfasses läuft er seliger umher als bei dem Eintritt eines Kindes in die Welt."
Das Bier dient dem Dichter, der im Alter an einer Leberzirrhose leiden und infolge seiner Zuckerkrankheit erblinden wird, als Treibstoff der Inspiration. In rauen Mengen rinnt es durch den zusehends aufgeschwemmten Dichterkörper.
Wer die Tinte nicht halten kann, muss sich eben tüchtig bezechen (oder umgekehrt). Ende 1798 schreibt Jean Paul, der sich in Leipzig soeben einquartiert hat und dort von seiner "Stubentürnachbarin" mütterlich umsorgt wird, in einem Brief an Christian Georg Otto: "Nie war ich so stubenglücklich. Ich will nur etwas von unserem Verhältnis anführen: ein an sich geräumiger Nachttopf wollte doch nicht zulangen, wenn ich gerade schrieb, weil er und das Dintenfass wie natürlich in umgekehrtem Verhältnis voll und leer werden. Die Frau sah, dass ich oft die Treppe in der Kälte hinab musste. Sie brachte mir also einen ganz neuen bowlenmäßigen getragen, bei dem ich 8 Seiten schreiben kann. (…) Wahrlich ich bin glücklich."


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