Ein Mann und eine Frau am Küchentisch

"Aus der Zeit fallen" von David Grossman

Jörg Magenau
FALTER 11/2013

Aus der Zeit fallen
David Grossman
Hanser, Carl - 2013
17,40

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In "Aus der Zeit fallen" betrauert der israelische Autor David Grossman den Tod seines Sohnes

Es ist ein merkwürdiger Euphemismus, Kriegstote "Gefallene" zu nennen. Gefallen sind sie aus der Zeit, die aber für die Trauernden weitergeht. "Aus der Zeit fallen" nennt der israelische Autor David Grossman seinen großen Klagegesang über den Tod seines Sohnes, der 2006 im Li­ba­non­krieg "gefallen" ist, als der Panzer, in dem er saß, von einer Rakete getroffen wurde.
Grossman schrieb damals den Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" über eine Mutter, die der Nachricht vom Kriegstod des Sohnes entfliehen möchte. Nun schreibt er über sich selbst und seine eigene Frau und ihre gemeinsame Trauer um den Sohn. In der Trauer sind die Hinterbliebenen rettungslos vereint. Sie breitet sich zerstörerisch zwischen ihnen aus, weil sie jede Gemeinsamkeit und alle Erinnerungen bestimmt.
Wie eine griechische Tragödie mit mythischen Figuren liest sich "Aus der Zeit fallen". Sie sprechen in lyrischer, rhythmisierter Prosa voller Pathos, die Anne Birkenhauer feinfühlig ins Deutsche gebracht hat. "Erzählung in Stimmen" lautet der Untertitel im hebräischen Original. Es beginnt mit einem Mann und einer Frau am Küchentisch, die nicht mehr zueinanderfinden. Er beschließt aufzubrechen nach "dort", als wäre er ein Orpheus, der die Toten in der Unterwelt besuchen kann.

"Das Land Dort" kam bei Grossman schon einmal vor: In seinem Roman "Stichwort Liebe" war es das Codewort der alten israelischen Holocaustüberlebenden für die Konzentrationslager. Jetzt steht es für ein Totenreich, das nähergerückt ist: Das "Dort", so eine Erkenntnis des Textes, ist zugleich das Hier.
Der Mann verlässt die Frau und wird zum "gehenden Mann", zum "Chronisten der Stadt", der im Auftrag eines Herzogs Erkundungen einholt bei denen, die um ihre Kinder trauern: einem Zentaur, der den Oberkörper eines Dichters und als Unterleib einen Schreibtisch hat; einer Netzflickerin, deren Tochter ertrunken ist; einem Schuster und einer Hebamme, die den Verlust eines Knaben beklagen; einem merkwürdigen alten Rechenlehrer, der Trost in Zahlen und Gleichungen sucht.
Es ist, als zerlege Grossman seine Trauer in ihre Teilaspekte und verteile sie, weil sie nur von vielen zu tragen ist. All ihre Stimmen vereinen sich zu einem großen Chor und schließen sich im Gehen zur Karawane zusammen, um die ganze Topografie der Trauer auszumessen. Am Ende gelangen sie vor eine große Felswand, in der sie die Gesichter und Gestalten der Toten zu erkennen glauben: Es ist die Fantasie der Lebenden, die diesen Schöpfungsakt ermöglicht.
Grossman findet beeindruckende Bilder. In der Künstlichkeit seiner hochaufgeladenen Sprache gelingt es ihm, den Tod in etwas Lebendiges zu verwandeln, auch wenn er es am Ende immer noch nicht fassen kann, dass der Sohn tot ist, er selbst aber nicht nur weiterlebt, sondern auch noch "dafür die Worte fand". Das ist wie ein Verrat am Toten, und doch der einzige Weg nach "dort", den es gibt.


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