Bild des Schreckens am Ende der Geschichte

"Die Elf" von Pierre Michon

Leopold Federmair
FALTER 11/2013

Die Elf
Pierre Michon
Suhrkamp - 2013
18,50

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Pierre Michons Erzählung "Die Elf" kreist um ein fiktives Bild und das Zeitalter der Aufklärung

Welches ist das berühmteste Gemälde der Kunstgeschichte? "Die Elf" von François-Élie Corentin. Sie kennen es nicht? Kein Wunder, es ist, mitsamt seiner Berühmtheit, Fiktion. Es hängt, oder besser es thront, "ganz am Ende" des Louvre, "dans la chambre terminale", wie Pierre Michon schreibt, der das Bild zum Zentrum einer außerordentlich kraftvollen Erzählung macht. Liest man das Original, kommt einem bei der Ortsangabe eine unheilbare Krankheit im letzten Stadium in den Sinn, auch die Endlösung, die ein Schreckensregime des 20. Jahrhunderts anstrebte.
Ursache und Ende des Louvre ist jenes Bild hinter Panzerglas, welches das Ende der Geschichte beschwört. Die Ultima Ratio, denn die Große Revolution ist nichts anderes als Wirklichkeit gewordene Aufklärung, fanatischer Rationalismus. Diese durchaus nicht neue Sichtweise des 18. Jahrhunderts liegt Michons Erzählung zugrunde, die in ihren Wendungen und Perspektiven, ihren Bildkompositionen und sprachlichen Pirouetten ein ums andere Mal überrascht.
Michon, auf dessen Publikationsliste nur wenige, meist schmale Bücher stehen, hat sich zwei Jahrzehnte lang mit dem Stoff auseinandergesetzt. Diese intensive Arbeit merkt man dem Text an, nicht nur wegen der Fülle der Bezugnahmen und Anspielungen, der Sättigung mit historischem Wissen. Man merkt sie auch am Grad der sprachlichen Verdichtung, den dieser Text erreicht, am kunstvollen Satzbau und der wohlüberlegten Wortwahl, bei der exquisite Wendungen sich ohne weiteres mit Kraftausdrücken verbinden können. Auch in der deutschen Version ist die Lektüre stellenweise beglückend.

In "Die Elf" nennt Michon einmal de Sade, der illusionslos die Mechanik der Lüste beschrieb, und Rousseau, den empfindsamen Humanisten, in einem Atemzug. Beide Strömungen zusammen machen die Aufklärung aus, Grausamkeit und Sanftmut, wie er den Gegensatz in diesem Werk nennt, der 1793/94, als der Schrecken, la Terreur, als politische Methode ausgerufen war, im "mitfühlenden Eifer für die Unglücklichen" seinen Höhepunkt erreichte.
Auf diesem Höhe- und Endpunkt soll der arme Corentin, der "Citoyen Maler", sein Bild malen, und er tut es auch, zitternd, zähneknirschend. Warum? Wegen des Geldbeutels, den der Bankier der revolutionären Patrioten auf den Tisch legt? Gut möglich. Wegen der Wahrheit der Kunst, die den Höhe- und Endpunkt, den Triumph der empfindsamen Grausamkeit, zu beschreiben hat? Ebenso. Auf dem Bild, das so zustande kam, sind nur elf Personen zu sehen (unter ihnen Robespierre, Saint-Just, der Schauspieler Collot). Einer fehlt, es ist Hérault de Séchelles, der wie Danton als Verräter galt und wie dieser durch die Guillotine sterben sollte, drei Monate, nachdem Corentin den Auftrag angenommen hat.
Der Fortschritt, den die Aufklärung versprach, ist durch die Geschichte widerlegt. Im edlen, mit großem rhetorischen Aufwand gerechtfertigten Terror Robespierres und seiner Genossen scheint der Mensch von Lascaux durch, der Urmensch. Michon spürte ihm schon in "La Grande Beune" nach, einer Geschichte, die im friedlichen Jahr 1961 spielt und den Bogen spannt von den vorzeitlichen Jägern zu den sexuellen Gewaltfantasien eines jungen Pädagogen, der berufsbedingt eigentlich im Zeichen der Aufklärung wirken sollte.


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