Flaschenpost aus dem 20. Jahrhundert

"Schriften" von Pierre Bourdieu, Franz Schultheis, Stephan Egger

Robert Misik
FALTER 11/2013

Schriften
Band 7: Politik. Schriften zur Politischen Ökonomie 2
Pierre Bourdieu, Franz Schultheis, Stephan Egger
Suhrkamp - 2012
17,50

Anzeige


Soziologie: Pierre Bourdieus Schriften zur Politik sind auch elf Jahre nach seinem Tod noch aktuell

Als Pierre Bourdieu vor knapp elf Jahren starb, war er ein kämpferischer linker Intellektueller, der es in seinen letzten Lebensjahren verstand, Netze sozialer Protestgruppen zu etablieren, deren Fäden bis heute noch Bestand haben.
Darüber hinaus und vor allem war er aber der vielleicht einflussreichste Soziologe seiner Zeit. Begriffe und Konzepte, die Bourdieu in seiner jahrzehntelangen Arbeit entwickelte, sind beinahe zu geflügelten Worten geworden: Begriffe wie "soziales Kapital" oder "kulturelles Kapital", "Distinktionsgewinn" oder "Habitus" werden heute in Proseminaren oder in Feuilletons auch von Menschen benutzt, die von Bourdieu noch nie eine Zeile gelesen haben.

Wirkmacht und Vergessen
Aber gerade diese Wirkmächtigkeit ließ Bourdieu auch schnell in Vergessenheit geraten. An einem, der zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren die Debatten seines Fachs und die linken Diskurse prägte und schon zu Lebzeiten derart umfassend rezipiert wurde, schien für posthume Entdeckungen schlicht nichts übrig geblieben.
So erscheint es beinahe wie eine Flaschenpost aus einer versunkenen Zeit, wenn der Suhrkamp Verlag dieser Tage einen Band mit bisher auf Deutsch nicht (oder nur in verstreuten Fachpublikationen) veröffentlichten Texten Bourdieus auflegt.
Der schlichte Titel umreißt ziemlich exakt, worum es geht: "Politik". Und es ist ein erstaunlich zeitgemäßes Buch. Bourdieu hat früh jene Fäden aufgenommen und analysiert, die zum heute so modernen "Wutbürger" führen.
Schon die ersten Sätze lassen es richtig krachen: "Wir werden von Politik überflutet. Wir schwimmen im unentwegten und wechselhaften Strom des täglichen Geschwätzes über die vergleichbaren Chancen und Verdienste von austauschbaren Kandidaten. (...) Die Äußerungen zur Politik sind, wie das leere Gerede über gutes oder schlechtes Wetter, im Grunde flüchtig."
Der nüchterne Forscher Bourdieu mit seinem kühlen Blick belässt es aber nicht bei der empörten Anklage des Wutbürgers. So beschreibt er mit viel Gespür für Details und die Logik von Prozessen, wie sich in modernen Gemeinwesen ein "politisches Feld" mit seinen eigenen Spielregeln etabliert, mit seinen "Experten" und "Professionellen".
Und er schildert, wie das System zur Selbstabkapselung tendiert, und Organisationen, die einstmals Träger von Ideen oder Interessen waren, allmählich ein spezifisches Interesse entwickeln: die Perpetuierung der Organisation selbst.
Er beschreibt die innere Logik von Apparaten und deren Selbstreproduktion: "Die moralische Entrüstung vermag nicht nachzuvollziehen, wie gerade die im Apparat reüssieren können, die – entsprechend charismatischer Auffassung – die Dümmsten, Gewöhnlichsten sind, denen jeder eigene Wert fehlt. Tatsächlich reüssieren sie nicht, weil sie die Gewöhnlichsten sind, sondern weil sie nichts außerhalb des Apparats besitzen, nichts, das ihnen erlauben würde, sich ihm gegenüber Freiheiten herauszunehmen. (...) Die Apparate verwenden, küren sichere Leute." Wer würde da nicht sofort an unser politisches Personal denken?

Akteure und Felder
Die Akteure am politischen Feld, so sehr sie bei scheinbarer Parteilichkeit ein gemeinsames Interesse haben (nämlich Outsider rauszuhalten), sind aber, anders als Akteure anderer Felder (beispielsweise Mathematiker), "ständig auf (ihre) Klientel bezogen". Die "Eingeweihten" brauchen die "Laien", und sei es nur, um gelegentlich von ihnen gewählt zu werden. Die Laien wiederum entwickeln einen wachsenden Argwohn, "der auf dem Gefühl beruht, dass eine Art grundsätzliche Komplizenschaft die Leute, die bei dem Spiel mitspielen, das man Politik nennt, miteinander verbindet, vor jeder Meinungsverschiedenheit".
Bourdieu reiht kluge Beobachtungen über die Charaktereigenschaften des Apparatschiks an Betrachtungen über die Rolle des politischen Journalismus bei der Etablierung einer Geschwätzigkeitskultur. Und als Soziologe, dessen Forschung sich immer detailgenauer Beobachtung der Logiken und Spielregeln unterschiedlicher gesellschaftlicher "Felder" widmete, ist er selbst in Texten, die 30 Jahre alt sind, eigentümlich aktuell – etwa wenn er die "Regeln des Spiels" der Politik beschreibt, denen sich die Akteure glauben unterwerfen zu müssen.
Er spricht hier von ständiger Gleichschaltung, die jenen aufgezwungen wird, die in das Feld eintreten. Anschläge auf die Spielregeln werden sanktioniert.

In Mistrust We Trust
Oft sind seine Analysen sogar dann erhellend, wenn sie veraltet sind. Heute erzielt Distinktionsgewinne, wer die Spielregeln demonstrativ bricht – siehe Phänomene wie den Aufstieg von Populisten in der Politik wie Frank Stronach, Silvio Berlusconi, Pim Fortuyn oder Jörg Haider.
Oder ein anderes Beispiel: Bourdieu spricht in Anlehnung an Antonio Gramsci von dem gemeinsamen Projekt politischer und medialer Eliten, den "Konsens" der Beherrschten mit den herrschenden Verhältnissen zu organisieren.
Mit diesem Konsens ist es heute nicht mehr weit her. Die allgemeine Unzufriedenheit und das Misstrauen gegen die Eliten sind heute endemisch geworden, aber gerade dieses Misstrauen wiederum zersplittert sich in eine Kakophonie des Geschwätzes, in waberndes Dagegensein, aus dem nichts Produktives folgt.
"In Mistrust We Trust", formuliert der Titel eines Buches des Philosophen Ivan Krastev, das gerade erschienen ist, diesen Umstand. Die Verhältnisse bestehen ganz ohne Konsens. An manchen Stellen in Bourdieus versammelten Essays beschleicht einen das Gefühl, der Autor habe auch das schon geahnt.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Leben

    Krankenbericht oder Fiktion? David Wagner erzählt vom "Leben" mit einer chronischen Krankheit Der Auftakt ist stark: Der Icherzähler kommt nächtens...
    Rezensiert von Daniela Strigl in FALTER 11/2013
  • Marie Antoinette

    Bildnis eines mittleren Charakters Kulturgeschichte: Der Insel Verlag legt drei Biografien von Stefan Zweig neu auf. Eine Relektüre In "Die Welt von gestern", seiner posthum erschienenen...
    Rezensiert von Nikolaus Stenitzer in FALTER 11/2013
  • Jerusalem

    Das Kochbuch Die Kochbuchtrends des Frühlings 2013 sind: vegetarisch, fraulich, ländlich, regional und klassisch Die Sache mit den Trends ist in diesem Halbjahr...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 11/2013
  • Maria Stuart

    Kulturgeschichte: Der Insel Verlag legt drei Biografien von Stefan Zweig neu auf. Eine Relektüre In "Die Welt von gestern", seiner posthum erschienenen...
    Rezensiert von Nikolaus Stenitzer in FALTER 11/2013
  • Passagen

    Reisen: Navid Kermani und Franz Hammerbacher reisen – und vermitteln entgegengesetzte Erfahrungen Anschläge, Vertreibungen, Angst als Dauerzustand:...
    Rezensiert von Maik Novotny in FALTER 11/2013
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 11/2013

Anzeige


Anzeige