Vom ziellosen Dandy zum Zionisten

"Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden. Roman" von Max Brod, Peter Demetz

Nikolaus Stenitzer
FALTER 11/2013

Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden. Roman
und andere Prosa aus den Jahren 1909-1913
Max Brod, Peter Demetz
Wallstein - 2013
30,80

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Kafka-Herausgeber Max Brod ist in einer neuen Werkausgabe als Schriftsteller wiederzuentdecken

Wenn von Max Brod die Rede ist, geht es üblicherweise um Franz Kafka: Als Herausgeber nachgelassener Schriften wie "Das Schloss", "Der Prozess" oder "Amerika" hat Brod sich im kulturellen Gedächtnis gehalten. Dass er diese Werke ebenso wie Kafkas Tagebücher gegen dessen testamentarische Verfügung herausgab, gehört inzwischen zu den wenigen verbreiteten Fakten über den Dichter aus Prag.
Das aber war Brod zunächst – ein Dichter aus Prag, wie seine Freunde Kafka und Franz Werfel; nur wesentlich erfolgreicher als beide. Brod veröffentlichte zwischen 1906 und 1939 annähernd 30 selbstständige Titel, darunter Romane, Novellen, Erzählungen, außerdem philosophische Schriften und Theaterstücke, zum Teil in hohen Auflagen.

Durch den eigenen Erfolg war es ihm möglich, Kafka und Werfel, aber auch Jaroslav Hašek (den er ins Deutsche übersetzte) oder den Komponisten Leoš Janáček (für den er Opernlibretti verfasste) zu fördern, was er mit Nachdruck unternahm. Der "Strom der Brod'schen Schriften", von dem Saul Friedländer in seiner vor kurzem erschienenen Kafka-Biografie etwas abschätzig schreibt, kam erst in den 1940er-Jahren zum Erliegen. Als Jude vom NS-Regime verfolgt, floh er mit seiner Frau Elsa nach Palästina, wo beide sich zunächst gut einlebten. Nachdem Elsa Brod 1942 starb und nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Nachrichten von der Ermordung vieler Freunde und Verwandter in den deutschen Konzentrationslagern eintrafen, kam es zur Krise.
Im neu gegründeten Israel arbeitete Brod als Dramaturg und Kritiker und veröffentlichte vereinzelt theologische und literarische Bücher, ohne aber an frühere Erfolge anschließen zu können. Er starb 1968 in Tel Aviv, als Herausgeber und Kritiker prominent, als Schriftsteller fast vergessen.
Mit einer neuen Ausgabe ausgewählter Werke, die der Wallstein-Verlag mit den Bänden "Jüdinnen" und "Arnold Beer" begonnen hat, könnte sich das ändern – auch deshalb, weil diese den Besonderheiten von Brods Schreiben Rechnung tragen. Er war ein intellektueller Schriftsteller, der seine literarischen Texte verwendete, um seine Gedanken über die Beschaffenheit der Welt in diese hinauszutragen.
An den beiden Büchern lässt sich eine interessante Entwicklung nachvollziehen: von den frühen Schriften, die unter starkem Einfluss Schopenhauers den "Indifferentismus" propagieren, bis zur Entwicklung eines immer stärkeren Interesse an einer jüdischen Identität und später auch Nation, das in den titelgebenden Romanen ersten Ausdruck findet.
"Jüdinnen" erweckt zunächst den Eindruck leichter Unterhaltungsliteratur. Die Geschichte einer jüdischen Badegesellschaft im nordböhmischen Kurort Teplitz (Teplice) steht in der Tradition des "Bade-Romans" nach Jane Austen und Walter Scott. Bei näherer Betrachtung erschließt sich das Anliegen, für das Brod seine Form entwickelt. Die Erzählung über den Gymnasiasten Hugo, der sich in Irene, eine aus Prag stammende Tochter aus gutem Haus, verliebt, ist nur der lockere Rahmen, um den Charakteren Raum zu geben: den titelgebenden Jüdinnen Irene, Lucie und Olga; Alfred, dem glühenden Deutschnationalen, der dem eigenen Judentum mit Weininger zu Leibe rückt und gegen den Zionismus kämpft; Hugo, dem Romantiker.
Aus dem Zusammenhang der einzelnen­ Figuren zeichnet Brod ein Bild der jüdischen­ Gesellschaft im österreichischen Böhmen der Jahrhundertwende. Um das zu erreichen­, nähert er sich dem Ideal eines "Romans ohne Handlung" an, wie er ihn auch gemeinsam mit Kafka zu schreiben begonnen hatte. Das Konversationsstück stellt sich so als formal durchdachtes Werk heraus, mit dem Brod, wie er selbst schreibt, die "Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegensätze" zu erfassen versuchte, die "dem Judentum sehr wesentlich" seien.
"Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden" nähert sich derselben Thematik mit anderen Mitteln. Bei dem Roman über einen jungen Mann aus assimiliertem jüdischem Haus, der, überfordert von seinen vielen Talenten, im Dandytum stagniert, hat Brod sich an seiner eigenen Biografie orientiert. Entsprechend detailreich schildert er vor allem das Heranwachsen seiner Hauptfigur und schafft eine lebendige, abwechslungsreiche Erzählung.

Aus Brods Leben ist auch die Figur entnommen, die den Wendepunkt von Arnold Beers Geschichte markiert: Die Großmutter, Repräsentantin eines ländlichen, archaisch anmutenden und selbstbewussten Judentums, die für den desillusionierten Beer zur Quelle eines neuen Selbstbewusstseins wird, hat Brod in Anlehnung an seine eigene Großmutter gestaltet.
Arnold Beer spürt durch die Begegnung mit ihr "zum ersten Mal Boden unter den Füßen" und beginnt, sich selbst "als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter" zu begreifen. Das ist auch ein Satz über Brod selbst, der sich nach seiner Zeit als Schopenhauerianer unter dem Einfluss Martin Bubers stärker mit dem Judentum zu befassen begann und zum überzeugten Zionisten wurde, zum ersten Vizepräsidenten des jüdischen Nationalrates der tschechoslowakischen Republik und schließlich zum Israeli der ersten Stunde.
Gerade weil Brod in seinen Romanen und Novellen den jeweiligen Stand seiner Ansichten so genau darlegte, ist in den ­beiden Büchern auch der Beginn einer ­außergewöhnlichen Lebensgeschichte ­nachzulesen. Zusammen mit den aus­gezeichneten Vor- und Nachworten und Brods eigenen Anmerkungen zu späteren Auflagen, die übernommen wurden, werden die Bücher zu einer literarischen Biografie, die viel mehr erzählt als die einzelnen literarischen Texte. Ein Stück Zeitgeschichte in Literatur.


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