Mittelschichts-Mum mit Schnodderschnauze

"Besser" von Doris Knecht

Günter Kaindlstorfer
FALTER 11/2013

Besser
Doris Knecht
Rowohlt Berlin - 2013
20,60

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Doris Knecht legt mit "Besser" ihren zweiten Roman zwischen Facebookisieren und Abgründigem vor

Tja, also, ähm. Es soll Leute geben, die Doris-Knecht-Kolumnen schwer aushalten. Hauptsächlich werden der Falter-Kolumnistin von bürgerlichkeitsverweigernd-humorfreier Seite ihre "manierierte Sprache" und der kleinfamilien-affirmative Exhibitionismus vorgeworfen, dessen sie sich in ihren Texten angeblich befleißigt. Bockmist. Doris Knecht, so behaupte ich, ist die Gloria Swanson, was sag ich, die Garbo der Kolumnenkunst.
Nur: Reicht, was allwöchentlich auf 82 Zeilen funkelt und blitzt, auch für die literarische Langstrecke? Sprinterinnen triumphieren selten auch im Marathon, Paul Flora hätte sich beim Ausmalen der Sixtinischen Kapelle schwergetan und aus Peter Altenberg, dem Meister des poetischen Feuilletons, wäre nie im Leben ein geschmeidiger Novellist, geschweige denn ein überzeugender Romancier geworden. Und Doris Knecht? Nach ihrem Debütroman "Gruber geht" tritt sie nun zum zweiten Mal als Romancière an die Öffentlichkeit.
Wie schon in ihrem ersten taucht Knecht auch im zweiten Roman tief ein in die Welt der alternativen Mittelschichtsschickeria wienerischen Zuschnitts, in deren Sphären sich nicht nur die Personnage der Autorin, sondern auch die Autorin selbst und wohl ein Gutteil ihres Publikums bewegen. Antonia Pollak, so heißt Knechts Heldin, ist Mitte, Ende dreißig und Künstlerin. Antonia hat so ziemlich alles, was frau in ihrer bobohaften Emanation sich vom Leben erwarten darf: einen lässig-verlässlichen Mann, der ihr als netter, linksliberaler Immobilienentwickler (gibt's so was überhaupt?) emotionale und materielle Sicherheit garantiert, zwei anstrengende, aber unglaublich süße Kleinkinder und einen Liebhaber, der als Kriegsreporter von einem Krisenschauplatz zum anderen jettet, der guten Antonia aber, wenn er in Wien weilt, aufregende Moratorien vom mütterlichen Alltag ermöglicht.
Natürlich erfahren wir auch über Antonias Freundeskreis eine Menge: Alle haben irgendwas mit Medien oder Kunst zu tun. Wir facebookisieren mit der Protagonistin und werden mit reichlich Party- und Abendessensgeplauder geflutet: "Später unterhielt ich mich mit Miranda, die mir, obwohl wir uns nicht so gut kennen, erzählte, dass bei ihr die dritte künstliche Befruchtung schiefging."
Doris Knecht schreibt schnodderig, unterhaltsam und beängstigend intelligent, manchmal vielleicht ein Spur zu quasselstrippenhaft, aber das verzeiht man ihr, weil sie einfach eine saugute Schreibe hat, und wenn es auch mancherlei gibt, an das man sich erst gewöhnen muss – dass zum Beispiel immer irgendwelche Modedetails zitiert werden, wenn eine Person charakterisiert wird –, so liest sich der neue Knecht-Roman doch flutschig und hochamüsant.

Vieles erkennt der Aficionado Knecht'scher Kolumnenkunst auch aus den wöchentlichen Falter-Konfessionen der Autorin wieder – Stichwort: Kindergartenläuse, denen Muttern energisch mit dem Nissenkamm zu Leibe rückt. Nach ein paar Dutzend Seiten aber beginnt man sich zu fragen: Wo bleibt der dramatische Konflikt? Wann, bitte sehr, kommt endlich so etwas wie existenzielle Tiefe ins Spiel?
War es in "Gruber geht" der "gute alte Krebs" (© Daniela Strigl), der Knechts Protagonisten aus der Bahn geworfen hat, so begnügt sich die Autorin im Fall Antonias mit ein paar dunklen Andeutungen über abgründige Verwicklungen in deren Vergangenheit: Antonias Mutter, erfahren wir, war Alkoholikerin, außerdem gab es im früheren Leben der Protagonistin Drogen- und Gewaltexzesse – und einen ganz, ganz bösen Mann, der Antonia irgendetwas Furchtbares angetan hat. Was genau, erfahren wir nicht. Und irgendwann dann taucht der böse Mann plötzlich wieder auf und beginnt an den Türklingelschildern des Pollak'schen Wohnhauses herumzuschnüffeln ...
Abgründe tun sich auf – beziehungsweise eigentlich nicht. Denn das alles wird mehr behauptet als überzeugend ausgeführt, man glaubt der großen Knecht die Story einfach nicht. Keine Sekunde lang kauft man der netten Mittelschichts-Mum Antonia – die schreibt und redet wie eine Mittelschichts-Mum mit Schnodderschnauze, also wie Doris Knecht – die Christiane-F.-Vergangenheit ab, die sie als Icherzählerin andauernd herbeiraunt. Die Frau müsste tragischer, kaputter sein ... viel kaputter.
Der Roman krankt an mehrerlei Gebrechen: Erstens trägt ihn der schwache Grundkonflikt nicht, zweitens vermag Antonia als Figur nicht zu überzeugen, drittens sind die Hauptfiguren, zumal die männlichen, von einer Klischeehaftigkeit, die man jedem "Erika"-Roman mit Recht vorwerfen würde: Zum einen ist da Adam (sic!), Antonias argloser Gatte, liebender Kleinkindversorger und treusorgender Lammhaxenschmorer, der die Heldin aus der Gosse gezogen und ihr ein Leben in bourgeois-bohèmienhafter Stabilität ermöglicht hat. Da ist zum anderen, nicht minder klischeehaft, der sinistere Bösewicht, der plötzlich ins Leben der Protagonistin tritt, ein geheimnisvoller Schläger mit Bomberjacke und "fahlen Haaren", der die Heldin – wie nennt man das in "Erika"-Romanen? – als dunkler Schatten aus der Vergangenheit heimsucht.
Nein, so geht das nicht. Andererseits: Doris Knecht schreibt Unterhaltungsromane, und das genretypische Personal des Unterhaltungsromans sieht nun einmal so aus. Als liebevolle Satire auf die Wiener Caffè-Latte-Schickeria funktioniert der Roman durchaus. Lustige Stellen gibt's auch, und am Ende, in einem gnadenlos sentimentalen Finale, kriegt die Knecht auch noch den skeptischsten Leser: Auf den Seiten 280 f. fängt man fast zu heulen an, weil die Sequenz so wahr und so weise und so unglaublich menschenfreundlich ist. Es hilft nichts: Doris Knecht kann einfach saugut schreiben. Was Dramaturgie und Figurenzeichnung betrifft, ist allerdings noch Luft nach oben.


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