Wer Mohammad Khan heißt, ist verdächtig

"Der amerikanische Architekt" von Amy Waldman

Sabine Scholl
FALTER 11/2013

Der amerikanische Architekt
Amy Waldman
Schöffling - 2013
25,70

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In Amy Waldmans Roman "Der amerikanische Architekt" werden die Schäden von 9/11 sichtbar

Wer wäre für das Genre des Reportageromans besser geeignet als eine New York Times-Journalistin, deren faktenreiche Beiträge auch wegen ihrer erzählerischen Qualitäten geschätzt werden? In ihrem Erstling "Der amerikanische Architekt" schildert Südasien-Korrespondentin Amy Waldman ein durch 9/11 traumatisiertes New York.
Nach der anonymen Ausschreibung zum Bau eines Memorials entscheidet sich die Jury für das Projekt eines Gartens. Als der Name des Architekten, Mohammad Khan, bekannt wird, sind die Reaktionen eindeutig: "Was für eine gottverdammte Scheiße ist das denn? Es ist ein Muslim!" Obwohl der Amerikaner zweiter Generation ohne rechte Verbindung zur Religion ist, fühlen sich die Familien, die Angehörige beim Anschlag verloren haben, provoziert. Sie befürchten, das gewählte Design könne den Drahtziehern des Terrors in die Hände spielen.

Der daraufhin sich entwickelnde Konflikt enthüllt die Problematik der amerikanischen Gesellschaft nach 9/11, in der das Misstrauen der Christen gegenüber dem Islam eine unüberwindbare Schranke bildet. Kultur kann verhandelt werden, Religion nicht. Ängste, Vorurteile und Missverständnisse prägen die Argumente.
Die Autorin schreibt hier entlang des tatsächlich stattgefundenen Widerstands gegen ein islamisches Begegnungszentrum in der Nähe von Ground Zero. Im Roman ist, ausgehend von Khans muslimischer Herkunft, auch die Interpretation seines Entwurfs ein Streitpunkt. Der Garten, eigentlich Symbol einer fruchtbaren Verbindung zwischen christlichen und islamischen Motiven, wird von den Opferfamilien als Märtyrerparadies abgelehnt, kräftig unterstützt von islamfeindlichen Boulevardmedien.
Bemühungen liberaler New Yorker aus der Upperclass, dem gegenzusteuern und etwa auf Einflüsse islamischer Architektur an den zerstörten Twin Towers hinzuweisen, gehen in den hochgeschaukelten Emotionen unter. Das friedliche Zusammenleben ist gefährdet. Misstrauen und Paranoia verhindern den Blick auf einen Garten, der eigentlich Versöhnung und Besinnung vermitteln wollte.
Geschickt baut Waldman einen vielstimmigen Chor aus einander bekämpfenden Parteien: Da ist die schöne, reiche Witwe Claire, Mitglied der Jury, Vertreterin der Opferfamilien und vorerst Befürworterin des Gartens. Da ist Mohammad, genannt Mo, der durch die falschen Verdächtigungen zurückgeworfen wird auf ein Anderssein, das er selbst bisher nicht gespürt hatte.
Da sind die Gegner: eine Boulevardjournalistin, die das Desaster ohne Rücksicht auf Verluste als Sprungbrett ihrer beruflichen Profilierung nützt, ein ultrarechter Radiomoderator sowie eine Gruppe von schrillen Islamhasserinnen, die sich an linken Guerillataktiken schult und mit den Familienangehörigen verbündet. Mo, durch den Widerstand sozusagen zwangsislamisiert, wendet sich an eine Vereinigung von Muslimen verschiedenster Schattierungen um Hilfe. Gerade in der Darstellung dieser Gruppe wird Waldmans aufklärerische Absicht deutlich, das einheitliche Feindbild zu entwirren und Muslime differenziert darzustellen.
Anhand zweier Frauenfiguren zeigt sie, dass Diversität nicht bloß verschiedene Religionen und Ethnien meint: Laila, eine iranisch-amerikanische Anwältin, die die Verteidigung Mos übernimmt, emanzipiert, westlich gekleidet, amerikanisch sozialisiert, ohne Kopftuch, könnte nicht verschiedener von Asma sein. Die Witwe eines illegalen Arbeiters aus Bangladesch, der ebenfalls bei den Anschlägen ums Leben gekommen war, lebt in einem patriarchalen Familienverband in Brooklyn und hält sich weiterhin an die sozialen Regeln ihres Herkunftslandes. Doch ist schließlich sie es, die ihre gesicherte Umgebung verlässt, sich in die Öffentlichkeit begibt und daran erinnert, dass getötete Muslime nicht vom Gedenken ausgeschlossen werden sollten. Mit fatalen Folgen.
Mos Selbstverständnis als Amerikaner wird durch die Anfeindungen erschüttert. Die Gemeinschaft macht ihn zum anderen. Ähnlich der Aussonderung und Internierung der japanisch-amerikanischen Bevölkerungsgruppe nach Pearl Harbour, wie Julie Otsuka in ihrem Roman "When the Emperor Was Divine" zeigt, wurden die Muslime seit 9/11 besonderen Überprüfungen und anhaltendem Psychoterror unterzogen. In Waldmans Buch legen die Gegner dem Architekten des Memorials nahe, zuzugeben, dass die Muslime ab nun eine Kollektivschuld tragen. Als Argument dafür muss der Vergleich mit den Deutschen und deren Verantwortung für den Holocaust herhalten. (Andererseits müssten in dieser Logik die US-Amerikaner ihre Kollektivschuld an Sklaverei und Genozid längst sichtbar gemacht haben.)

Schließlich will Claire den Architekten zur Abänderung seines Entwurfs überreden. Waldman bezieht sich hier auf Proteste der Opferfamilien bei der Gestaltung des tatsächlichen 9/11-Memorials "Reflecting Absence", die eine Anpassung des Konzeptes an deren Wünsche nötig machten. Doch Mo rückt nicht ab. Das zwangsläufig unbefriedigende Ergebnis dieses Prozesses sei hier nicht verraten.
Waldmans Roman analysiert Bruchstellen einer multikulturellen Gesellschaft, die spätestens mit den Anschlägen von 9/11 zutage traten. Der Historiker Timothy Garton Ash forderte kürzlich im Aufsatz "Freedom & Diversity" eine Überprüfung dieses politischen Konzepts ein. Da Identitäten von vielfältigen Markern wie Religion, Ethnizität, Nationalität, regionaler Zugehörigkeit, Hautfarbe, Klasse oder Bildung bestimmt seien, schlägt er vor, gemeinsame Werte zu ergründen und gültig für alle gesetzlich festzulegen. Die derzeitige Voraussetzung von Mehrheit und Minderheiten würde andauernden Umschichtungen und Neugewichtungen nicht mehr gerecht.
Waldmans Versuch, gut recherchiertes Material in Fiktion überzuführen, mag künstlerische Schwächen haben und mit politischer Überkorrektheit, grober Charakterisierung mancher Interessengruppen sowie der Vorhersehbarkeit von Abläufen zuweilen nerven. Dennoch macht sie unversöhnlich scheinende Positionen sichtbar, an deren Zusammenführung heute – in den USA wie in Europa – weiterhin zu arbeiten ist.


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